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Die Gier

Als Habgier gilt sie gepaart mit Geiz als Todsünde. Gierige können oft den Schlund nicht voll bekommen, jagen hinter dem schnöden Mammon her. Bei mancher Gier kann etwas gelernt werden: der Wissbegier und der Neugier.

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Die Gier

Immer wieder bestimmen sie die Schlagzeilen: die skandalösen Machenschaften einiger Manager, die sich ganz offensichtlich auf Kosten anderer bereichert haben – und zwar um Summen, die dem Durchschnittsbürger den Atem stocken lassen. Unvergessen sind zum Beispiel die Zockereien der Börsenmakler großer Banken, die die Weltwirtschaft zuletzt im Jahr 2008 an den Rand des Kollapses gebracht hatten. Die Antriebsfeder: (Geld)-Gier.

Gier und Geiz

Ein Mann mit Trillerpfeife und Sonnebrille bei einer Protestaktion. Im Hintergrund ein Plakat mit der Aufschrift: Überstunden zum Nulltarif. Geiz ist geil.

Wenig zahlen, aber möglichst viel Leistung erhalten!

Aber nicht nur in der Finanz- und Wirtschaftswelt breiten sich Gier und Habgier aus. Die Gier scheint – wie die Soziologen sagen – ein gesamtgesellschaftliches Phänomen zu sein. Es wird auch manches dazu getan, um sie kräftig anzuheizen. Beispielsweise durch den Werbeslogan „Geiz ist geil“ einer großen deutschen Elektronikhandelskette.

Die entsprechende Werbekampagne wurde zwar 2007 beendet. Geblieben ist der Slogan jedoch als geflügeltes Wort und als Ausdruck für eine bestimmte geistige Einstellung gepaart mit dem entsprechenden Verhalten: wenig zahlen, viel bekommen. Und das auf Kosten anderer, die in Entwicklungsländern für einen Hungerlohn schuften.

Wortgeschichtliche Gemeinsamkeit

Symbolbild: Eine Hand greift nach Geldmünzen

Davon was abgeben? Nein! Gehört alles mir!

Geiz und Gier: Das scheinen Begriffe zu sein, die sich widersprechen, aber dem ist nicht so. Wie eng beide Wörter zusammengehören, zeigt ihre jeweilige sprachgeschichtliche Wurzel. „Gier“ lässt sich auf das mittelhochdeutsche „gir“ – noch ohne den Dehnungsvokal „e“ – zurückführen. „Geiz“ stammt vom spätmittelhochdeutschen „giz“ ab.

Das ist nicht weiter aufregend. Die Grundbedeutung beider Wörter aber zeigt überraschende Nähe: Der Geiz nämlich wird mit „Habgier“ und „Gier“ gleichgesetzt. Das alte „gir“ stand für „Verlangen“ und in adjektivischer Bedeutung für „begehrend“ und „heftig verlangend“. Eine heutige Definition von Gier wäre diese: ein auf Genuss und Befriedigung, Besitz und Erfüllung von Wünschen gerichtetes heftiges, maßloses Verlangen. Entscheidend sind die Adjektive „maßlos“ und „heftig“.

Materielle Gemeinsamkeit

Ein Besucher betrachtet ein Bild, auf dem Dagobert Duck mit Münzen die Zahl 2000 baut

Zum Zeitvertreib kann man ja ein bisschen mit den Kreuzern Türme bauen ...

Der Geiz hingegen wird in den Fachbüchern im Allgemeinen lediglich als übertriebene Sparsamkeit bezeichnet. Wie eng jedoch Gier und Geiz zusammengehören, führt uns Dagobert Duck vor Augen, der Onkel des wohl bekanntesten Enterichs der Welt, Donald Duck.

Onkel Dagobert ist nicht nur der reichste Enterich der Welt, er ist auch der gierigste. Freilich ist seine Habgier auf Materielles beschränkt, aber da ist er unersättlich. Was er nicht hat, lässt ihn nicht ruhen. Von manischem Verlangen getrieben sucht und findet er immer neue Möglichkeiten, seinen unermesslichen Reichtum zu vermehren.

Die Habsucht und der Gierschlund

Eine Frau steckt sich zwei Tortenstücke gleichzeitig in den Mund

Fressgier ist ungesund!

Onkel Dagobert ist krank. Streng genommen sogar suchtkrank, denn er ist abhängig von seiner Gier, der Habgier, die nicht von ungefähr auch als „Habsucht“ bezeichnet wird. Es liegt auf der Hand, dass er nicht nur nichts hergeben will, sondern auch nicht kann. Und wenn einmal doch, dann handelt es sich um lächerliche Beträge, die er – wie unter körperlichen Schmerzen – herausrückt, um im selben Augenblick zu überlegen, wie er die paar Kreuzer wieder hereinholen kann.

Wenn es nichts kostet, zeigen sich bei ihm auch durchaus Ansätze von Fressgier, während ihm sexuelle Gier oder die Gier nach Drogen fremd sind. Onkel Dagobert – und da ist er nicht alleine – kann den Hals nicht voll kriegen. Er ist ein wahrer Gierschlund.

Eine der sieben Todsünden

Schauspieler Ilja Richter als Mammon bei einer Probe zum Theaterstück Jedermann

Der personifizierte Mammon

Wäre er ein gläubiger Katholik, würde er höchstwahrscheinlich irgendwann Angst bekommen. Denn Habgier und Geiz gehören zu den sogenannten sieben Todsünden. Und wer nicht rechtzeitig dem Dämon Mammon abschwört, muss damit rechnen, in der Hölle zu schmoren. Der Dämon verleitete einen Menschen nämlich dazu, geizig zu sein. Das glaubte man zumindest im Mittelalter. In der heutigen Alltagssprache wird das Wort „Mammon“ abschätzig als Synonym für Geld gebraucht. „Jagt“ jemand sprichwörtlich „dem schnöden Mammon“ nach, ist er geldgierig.

Das deutsche Nachrichtenmagazin „Der Spiegel“ schrieb 2010 in einer Titelstory über die sieben Todsünden, dass die Habgier die „verlässlichste“ sei. Sie „entzweie Familien, führe Heere gegeneinander, lege Städte in Schutt und Asche, rotte Völker aus und zerstöre die Natur.“ Sie könnte aber auch den Gierschlund selbst in den Abgrund reißen – wie in der griechischen Sage von König Midas und dem Gold.

Eine Parabel

Ein Gemälde, auf dem König Midas auf einem Stuhl sitzt und seine Tochter anfasst, die zu Gold erstarrt.

Alles, was König Midas anpackte, wurde zu Gold – auch seine Tochter

Dieser König bat den Gott Dionysos, ihm einen Wunsch zu erfüllen: dass alles, was er berührte, zu Gold werde. Der Wunsch wurde erfüllt. Zweige, die er abbrach, oder Steine, die er aufhob, verwandelten sich in Goldklumpen.

Allerdings hatte die Sache auch einen Haken: Denn als König Midas essen und trinken wollte, wurde auch das alles zu Gold. Hätte der Gott ihm dann nicht den Wunsch erfüllt, den Zauber rückgängig zu machen, wäre er verhungert und verdurstet.

Neugier und Wissbegier(de)

Aber verlassen wir den Bereich von Habgier und Geiz. Denn schließlich gibt es ja immer noch so etwas wie Neugier und Wissbegier(de). Gegen das Verlangen nach Neuem, dem Streben nach Wissen ist ohne Frage nichts einzuwenden. Es sei denn, es handelt sich um neugierige Nachbarn, die ihren Beobachtungsposten hinter dem Fenster bezogen haben.

So kann Wissbegierde keineswegs nur die löbliche Eigenschaft des Wissenschaftlers sein. Wir wagen es, eine Behauptung aufzustellen. Weder Gier noch Geiz sind geil. Wie wäre es denn mit Genuss? Denn wie schrieb schon Seneca der Jüngere: „Den größten Reichtum hat, wer arm an Begierden ist.“

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