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Globale Zusammenarbeit

Die Gier nach Land verschärft den Hunger

Das Recht auf Land gilt als Schlüssel im Kampf gegen Hunger. Die Weltbank befasst sich mit dem Schutz vor Landraub durch internationale Investoren. Kritiker werfen ihr jedoch vor, gerade solche Geschäfte zu finanzieren.

Die Menschheit wächst und sie hat Hunger. Dem

Deutschen Institut für Menschenrechte (DIMR)

zufolge leben 80 Prozent der Hungernden weltweit in ländlichen Regionen, die Hälfte von ihnen sind Kleinbauern. Bis zum Jahr 2050 werden neun Milliarden Menschen auf der Welt leben. Das Bevölkerungswachstum findet überwiegend in Schwellen- und Entwicklungsländern wie China, Indien, Südkorea oder Nigeria statt. Und die Nachfrage nach Agrar-Treibstoffen und nach Futtermitteln wächst. Die Weltbank schätzt, dass die Agrarproduktion innerhalb der nächsten drei bis vier Jahrzehnte um siebzig Prozent gesteigert werden muss, um die Weltbevölkerung zu ernähren.

Bauer mit Hacke auf einem Feld in der Gemeinde Pambangala in der Provinz Kwanza Sul in Südangola.Angola Landwirtschaft Kwanza Sul (Foto: Brot für die Welt)

Kleinbauern produzieren eigentlich für die lokalen Märkte

Bis zum Jahr 2030 sollen extreme Armut und Hunger auf der Welt beseitigt werden. Das wird derzeit als eines der Ziele der sogenannten Post-2015-Agenda diskutiert, die die Milleniumsentwicklungsziele ablösen soll. Auf ihrer diesjährigen Tagung will sich die

Weltbank

vom 24. bis 27. März in Washington mit der Frage befassen, wie der Schutz der Landrechte in diese neuen Entwicklungsziele integriert werden kann.

Land als Spekulationsobjekt

In Labors wird bereits an künstlichem Fleisch aus der Petrischale geforscht. Ernährungsexperten versuchen uns Würmer und Insekten als Proteinlieferanten schmackhaft zu machen. Doch solche Lösungen im Kampf gegen den Hunger sind noch Zukunftsmusik. Deshalb

kaufen oder pachten seit einigen Jahren immer mehr Regierungen und Privatinvestoren weltweit landwirtschaftlichen Flächen

. Die Idee dahinter: Lebensmittel wie Weizen und Reis für die eigenen Bevölkerung im Ausland zu produzieren. Auch

Soja

und Energiepflanzen für die Futtermittel- oder Biosprit-Produktion werden angebaut.

Michael Windfuhr vom Deutschen Institut für Menschenrechte (Foto: DW)

Michael Windfuhr vom Deutschen Institut für Menschenrechte

Seit der weltweiten Lebensmittelkrise 2007/08 habe die Zahl der Landgeschäfte weltweit enorm zugenommen, so der stellvertretende DIMR-Direktor Windfuhr im DW-Interview. Die Sorge um die Lebensmittelsicherheit ist ein Grund für das wachsende Interesse an Ackerflächen. Das zunehmende Interesse - gerade von privaten Investoren wie Banken, Versicherungen und Rentenfonds - hänge aber auch damit zusammen, dass "sehr viel Kapital verfügbar ist, seit es auf den Immobilienmärkten in den USA keine Renditen mehr gibt", so Windfuhr.

Landgeschäfte auf Kosten der Armen

Zu den größten Investoren zählen zum einen die aufstrebenden und schnell wachsenden Schwellenländer, die eine schnell wachsende Bevölkerung versorgen müssen. Aber auch die reichen Erdölstaaten sichern sich zunehmend landwirtschaftliche Produktionsflächen in fruchtbaren Regionen. Dort ist die Lebensmittelproduktion günstiger als in den wasserarmen Wüstenstaaten am persischen Golf.

Maschinelle Zuckerrohrernt auf einer Plantage in Brasilien (Foto: AP)

Wo Zuckkerrohr für die Biosprit-Produktion wächst, fehlen Anbauflächen für Lebensmittel

Das Hilfswerk

Oxfam

schätzt, dass seit Beginn des Jahrtausends weltweit bis zu 227 Millionen Hektar Land aufgekauft oder gepachtet wurden. Der größte Teil dieser Geschäfte ist aber erst unter dem Eindruck der Explosion der Nahrungsmittelpreise 2008 getätigt worden. Untersuchungen der Weltbank zufolge wurden allein im Jahr nach der Krise rund

60 Millionen Hektar Land

von ausländischen Privatinvestoren gekauft oder gepachtet. Das entspricht fast der doppelten Fläche von Deutschland. "Unsere Recherchen belegen, dass Landgeschäfte und Landkonflikte vermehrt in Ländern auftauchen, die einen sehr geringen Schutz von Landrechten aufweisen", sagt Marita Wiggerthale vom Hilfswerk Oxfam. Investoren suchten sich "gezielt Länder aus, in denen sie ihre Geschäfte leichter abwickeln können", so der Vorwurf.

Weltbank an Landgrabbing beteiligt

Finanziert werden viele dieser Geschäfte über die zur Weltbankgruppe gehörende International Finance Corporation (IFC). Deren Aufgabe ist die Förderung des Privatsektors in Entwicklungs- und Schwellenländern. Allerdings sorgen diese Investitionen in den Zielländern zunehmend für Konflikte, wie Marita Wiggerthale an einem Beispiel aus Honduras schildert. Dort hatte die Firma Dinant für die Ausweitung ihrer Palmöl-Plantagen 30 Millionen Dollar von der International Finance Corporation erhalten. Es kam zu Konflikten mit den Bauern der betroffenen Region Bajo Aguán.

Dinant engagierte private Sicherheitsfirmen, die an der Vertreibung der Bauern beteiligt gewesen sein sollen. "Zwischen 2009 und 2012 wurden in der Region Bajo Aguán, wo Dinant tätig war, 92 Menschen getötet", so Marita Wiggerthale von Oxfam. Eine Untersuchung der Ombudsstelle der Weltbank habe ergeben, dass das Unternehmen an der Vertreibung von Menschen beteiligt war. "Der Ombudsmann der Weltbank hat wiederholt auf Probleme im Zusammenhang mit Investitionen aufmerksam gemacht. Aber die Weltbank lernt nicht aus ihren Fehlern", so der Vorwurf von Marita Wiggerthale. Das Unternehmen Dinant hat seine Aktivitäten in der Region Bajo Aguán 2012 eingestellt.

Marita Wiggerthale von der Entwicklungsorganisation Oxfam (Foto: Oxfam)

Marita Wiggerthale von Oxfam

Richtlinien für mehr Rechtssicherheit

Vor zwei Jahren hat die UNO freiwillige Leitlinien für die verantwortungsvolle Verwaltung von Boden- und Landnutzungsrechten verabschiedet. Grundlage dieser Richtlinien ist das Menschenrecht auf Nahrung. Der Zugang zu Land ist ein Schlüssel für die Umsetzung dieses Grundrechts. Die UN-Leitlinien beinhalten Regeln für Investitionen in Land-, Wald- und Fischereiressourcen, für Enteignungen und Entschädigungsprozesse und machen Vorschläge für Maßnahmen zu Agrarreformen.

Hier zeichnet sich ein Umdenken bei der Weltbank ab, beobachtet Michael Windfuhr. "Die Weltbank wollte stets verhindern, dass es zu Agrarreformen kommt, bei denen ungenutztes Land umverteilt wird an Arme. Sie wollte das immer über den Markt regeln, also Kredite an Arme vergeben, damit sie Land kaufen können." Auf diese Weise könne aber zum Beispiel der traditionelle, gemeinschaftliche Landbesitz von Dorfgemeinden oder die Nutzung von Wäldern und Weideland nicht rechtlich geschützt werden. Daher begrüßt Windfuhr die neuen Richtlinien: "Die deutsche Außenwirtschafts- und Entwicklungspolitik kann sich an diesen Standards orientieren, beispielsweise bei der Vergaben von Krediten an Agrarinvestoren." Diesen Standard könne zum Beispiel auch die Deutsche Bank für Landinvestitionen nutzen, regt Windfuhr an.

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