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Nepal

Die Geschichtensammlerin

Jaya Luintel möchte offenlegen, was Frauen während des Bürgerkriegs in Nepal angetan wurde - von Armeeangehörigen oder maoistischen Rebellen. Sie setzt auf die Unterstützung der Opfer. Viele haben bis jetzt geschwiegen.

"Ich war in einem dunklen Raum auf der Polizeistation eingesperrt, wusste nicht, ob Tag oder Nacht war. Ich habe auf dem nackten Boden unter einer Treppe geschlafen. Sie gaben mir nur Biskuits zu essen und gossen mir immer wieder kaltes Wasser über den Kopf." Gerade einmal 14 Jahre alt ist das Mädchen, das seinen Namen nicht nennen möchte, als im Jahr 2003 Angehörige der nepalesischen Militärpolizei vor ihrem Elternhaus stehen und es  einfach mitnehmen. Der Vorwurf: Sie soll Maoistin sein und die Rebellen unterstützen, die sich seit mehreren Jahren in einem blutigen Konflikt mit den königstreuen Truppen bekriegen. "Dabei wusste ich nicht einmal, was das überhaupt bedeutet: Maoist zu sein."

Anhängerin der Maoisten mit Maschinengewehr über der Schulter (AP)

Mit dem Friedensabkommen zwischen der Regierung und den maoistischen Rebellen (Foto) im November 2006 war der Konflikt offiziell beendet

Unzählige Zivilisten in dem Himalaya-Staat geraten während des zehn Jahre andauernden Bürgerkriegs um die Jahrtausendwende zwischen die Fronten. Regierungsangaben zufolge kommen knapp 17.000 Menschen ums Leben. Und auch unter den Überlebenden gibt es zigtausende Opfer. Vor allem viele Frauen. Doch das weiß kaum jemand. Denn sie trauen sich lange nicht, über das zu reden, was sie durchleiden mussten. So wie auch dieses Mädchen.

Zerstörte Biografien

Sie hat nichts verbrochen, sagt sie. Aber wird täglich gequält. "Sie haben meine Kleidung zerrissen und meine Brüste angefasst. Sie haben mich bedrängt, belästigt. Ich wurde sowohl körperlich als auch psychisch gefoltert. Sie haben mich mit ihren Gewehren gestoßen, haben meine Haare um einen dornigen Ast gewickelt, um daran zu reißen." Etwa einen Monat dauert das Martyrium, dann gelingt es der Mutter und dem Lehrer des Mädchens, das Kind zu befreien. Doch schon wenige Tage später stehen wieder Soldaten vor ihrer Tür, um sie abzuholen. Aus Angst rennt sie fort, taucht für anderthalb Jahre bei Verwandten unter.

Polizisten der nepalesischen Armee tragen einen Kollegen zu Grabe, der bei Auseinandersetzungen mit maoistischen Rebellen getötet wurde (dpa)

Tausende Menschen auf beiden Seiten wurden während des zehnjährigen Konflikts getötet

Heute ist sie eine junge Frau. Aber die Erlebnisse von damals lassen sie nicht los. "Als ich gefangen war, dachte ich, ich würde meine Familie niemals wiedersehen." Entschädigung oder Gerechtigkeit für das zugefügte Leid hat sie nie bekommen, obwohl sie immer wieder mit ihrem Anliegen bei der Bezirksverwaltung oder dem örtlichen Friedenskomitee vorspricht. Jetzt hat sie einen anderen Weg gewählt, um auf ihr Schicksal aufmerksam zu machen und so vielleicht auch anderen zu helfen, die Ähnliches erleben mussten. Sie hat den sogenannten "Gerechtigkeits-Reporterinnen" (Justice Reporters) von Jaya Luintel ihre Geschichte erzählt.

Opfer helfen Opfern

Luintel ist Mitbegründerin und Vorsitzende der 2012 ins Leben gerufenen gemeinnützigen Organisation The Story Kitchen. Deren Ziel ist es, Frauen aus ihrer Opferrolle herauszuholen und ihnen eine Stimme zu geben. Frauen hätten in einer patriarchalischen Gesellschaft wie der nepalesischen kaum eine Lobby, systematische Unterstützung fehle gänzlich, erklärt Luintel. Und noch immer seien die an ihnen begangenen Verbrechen während des bewaffneten Konflikts kaum dokumentiert. "Wir haben keine verlässlichen Zahlen, wie viele Frauen gefoltert wurden. Besonders in Fällen von sexualisierter Gewalt trauen sich viele bis heute nicht zu sprechen - zu groß ist die Angst vor Stigmatisierung und Ausgrenzung. Selbst vor den eigenen Angehörigen halten viele ihr Leid deshalb geheim."

Reporterin der Organisation The Story Kitchen mit Mikrofon und Kopfhörer im Interview mit einer Frau (the story kitchen)

Mit Aufnahmegerät und Mikrofon ziehen die Reporterinnen durch die Gemeinden

Dieses Schweigen möchten Jaya Luintel und ihre Mitstreiterinnen brechen. Sie wollen, dass die Frauen reden - und so die Vergangenheit ein Stück weit hinter sich lassen können. In zehn Distrikten Nepals ziehen deshalb 30 Gerechtigkeits-Reporterinnen durch die Dörfer, sprechen gezielt Frauen an. Die Schilderungen zeichnen sie auf. Teilweise werden die Ergebnisse im landesweiten Rundfunk und bei Lokalsendern ausgestrahlt. Rund 600 Erfahrungsberichte sind schon zusammengekommen, und es werden immer mehr.

Für den Namen The Story Kitchen haben sich Jaya Luintel und ihre Kolleginnen ganz bewusst entschieden. "Das Wort Story musste natürlich darin enthalten sein, das war von Anfang an klar", erklärt sie. Und der Begriff Küche kam aus zweierlei Gründen hinzu: Zum Einen, weil die Küche ein Ort sei, an dem nepalesische Frauen traditionell viel Zeit verbrächten. Zum Anderen aber auch, weil dort etwas Neues entstehe. "Mit der Küche verbindet man einen Prozess. Man beginnt mit rohen Zutaten, und am Ende hat man ein fertiges Gericht." Das passe genau zur Idee von The Story Kitchen. "Wir verarbeiten die Geschichten der Frauen und präsentieren sie dann der Öffentlichkeit."

Vertrauen aufbauen, Schweigen brechen

Die Bearbeitung ist notwendig, denn: "Es gibt auch Fälle von sexualisierter Gewalt, die sind so schlimm, dass man sie kaum anhören kann", sagt Luintel. Auch sie möchte nicht näher darauf eingehen. Die Reporterinnen sind selbst Betroffene, auch ihnen wurde Gewalt angetan. "Vor dem Einsatz haben wir ihnen eine Grundausbildung gegeben, damit sie über das journalistische Handwerkszeug verfügen." Die Tätigkeit gebe nicht nur neues Selbstbewusstsein, sondern bringe den Reporterinnen auch gesellschaftlichen Respekt ein.

Im Kreis sitzende Frauen halten sich an erhobenen Händen beim Workshop von The Story Kitchen (the story kitchen)

Gemeinsam sind wir stark: Das ist auch die Botschaft der Workshops, die The Story Kitchen für die Gewaltopfer veranstaltet

Niemand sei besser geeignet, solche sensiblen Interviews zu führen als diese Frauen, ist Luintel überzeugt."Keiner kann so gut mitfühlen wie jemand, der am eigenen Leib etwas Ähnliches erlebt hat. Das schafft auch Vertrauen, sich der Interviewerin zu öffnen. Bei ihnen fühlen andere Opfer sich sicher und sie spüren, dass ihre Geschichte gehört wird. Vielen ist bis zu diesem Zeitpunkt auch überhaupt nicht klar, dass sie mit ihrem Schicksal nicht allein sind." Daneben veranstaltet The Story Kitchen auch Workshops, bei denen die Opfer zusammentreffen und sich austauschen können. "Wir hatten schon drei Veranstaltungen mit jeweils 25 Teilnehmerinnen, drei weitere sind geplant. Und worüber ich mich besonders freue: Die Frauen wollen sich jetzt zusammentun und ein Netzwerk gründen." Für Jaya Luintel ein Riesenerfolg.

Geburt eines Kindes - und einer Idee

Luintel ist selbst gelernte Hörfunk-Journalistin und beschäftigt sich schon seit langem mit Frauenthemen. Unter anderem moderierte sie eine populäre Sendung über Gleichberechtigung und Frauenrechte in Nepal. Für ihr Engagement wurde sie 2014 von der BBC zu einer der 100 einflussreichsten Frauen weltweit erklärt.

Hand einer Frau, die auf Nepali etwas schreibt (the story kitchen)

Beim Workshop schreiben die Frauen auch auf, was ihnen während des bewaffneten Konflikts alles zugestoßen ist

Die Idee zu The Story Kitchen kommt ihr im Jahr 2011. Als sie eigentlich gerade eine berufliche Pause einlegen und sich schonen will. Sie ist  schwanger mit ihrem zweiten Kind. Aber dann kommt alles ganz anders. "Ganz abschalten, das geht als Journalist ja gar nicht wirklich", sagt sie, und man kann das Lächeln in ihrer Stimme hören. "Dafür spreche ich auch einfach viel zu gern mit Menschen und höre ihnen zu." Genau das tut sie dann auch während dieser Zeit. Sie redet mit ihrer Mutter, ihrer Großmutter, mit Frauen aus der Nachbarschaft. Alles ganz privat, ohne Mikrofon. Und sehr offen. Intensive Gespräche, die sie nicht mehr los lassen.

Freistrampeln von der Vergangenheit

Es sind Gespräche über den Alltag, auch und gerade während der Zeit des bewaffneten Konflikts, der Nepal von 1996 an über zehn Jahre lang  fest im Griff hatte und erst 2006 durch ein Friedensabkommen zwischen Armee und Maoisten beendet wird.  Zwei Jahre später erklärt die Verfassungsgebende Versammlung das Land zur Republik und beendet die seit 240 Jahren bestehende hinduistische Monarchie. 

Nepal hat noch viel zu tun, um die dunklen Kapitel der eigenen Vergangenheit aufzuarbeiten, meint Jaya Luintel. Die Gewalt an unschuldigen Zivilisten ist ein großer Teil davon. Es ist ihr aber wichtig, zu betonen, dass die Täter nicht nur unter den Angehörigen der Polizei und des Militärs zu finden sind, sondern auch in den Reihen der maoistischen Gegner. "Das ging von beiden Seiten aus. Es waren also nicht entweder der Staat oder die Rebellen, sondern tatsächlich sowohl die einen als auch die anderen."

Bidhya Bhandari winkt zum Gruß (Getty Images/AFP/P. Mathema)

Seit Oktober 2015 steht mit Bidhya Bhandari von der Kommunistischen Partei Nepals erstmals eine Frau an der Staatsspitze

Sie wünscht sich, dass die Gerechtigkeits-Reporterinnen ihre Arbeit noch lange fortsetzen können. Das allerdings hängt von der Finanzierung ab. Das Projekt hat zwei Sponsoren, zum einen den "UN Trust Fund to end Violence againt Women", zum anderen die "Governance Facility". Dabei handelt es sich um eine gemeinsame Initiative der dänischen und schweizerischen Botschaft, des britischen Department for International Development (DFID) und der nepalesischen Regierung. Luintel hofft, dass die Geldgeber ihre Arbeit auch im Jahr 2018 weiter unterstützen. Gebraucht wird die Organisation auch weiterhin, davon ist sie überzeugt.

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