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Deutschland

Die Geschichte vom Ordnungshüter als Opfer

Es wird immer schlimmer für Polizisten, heißt es in Politikerreden und Berichten von Betroffenen. Erschreckende Bilder in den Medien geben ihnen Recht. Doch die Zahlen sprechen eine andere Sprache.

Polizeikommissar Sven Kaden sieht auf den ersten Blick so aus, als ob er die ganze Schutzausrüstung gar nicht braucht, die er vor Dienstbeginn anlegt - Schutzweste, Schlagstock, Dienstpistole. Er ist nicht sehr groß, hat aber breite Schultern. Ein durchtrainierter Typ, der als Bundespolizist im Berliner Hauptbahnhof Dienst macht. An einer Galerie über den Gleisen lehnt er sich ans Geländer, blickt auf die nächste Ebene. "Man trainiert sich das an, Menschen und Situationen in gefährlich oder ungefährlich zu selektieren", sagt er dabei. "Die Gewaltbereitschaft, zumindest gefühlt, nimmt zu." Mit den Händen am Gürtel läuft Kaden weiter. "Vor einem Jahr wollten fünf Kollegen einen Beschuldigten festnehmen, der war stoned und hat einem Beamten ins Bein gebissen."

Rostocker Fußball-Fans zünden bangalische Feuer im Stadion (Foto: dpa)

Fussballrandale: Beleg für die "Immer-mehr-Gewalt"-Theorie?

Kadens Kollegen von der Bundespolizei sind besonders oft in Einsätzen, bei denen es zu spektakulären Gewaltausbrüchen gegen die Beamten kommt - bei den gewalttätigen Demonstrationen zum 1. Mai in Berlin, bei Randalen in Fussballstadien oder den umstrittenen Atommülltransporten. Reflexhaft melden sich nach solchen Ereignissen Gewerkschaftsvertreter und Innenpolitiker zu Wort, die das "immer mehr" an Gewalt gegen Polizisten verurteilen. "Dass diese Polizisten dann angegriffen werden, in ihrer Gesundheit beschädigt werden", so mahnt auch Bundesinnenminister Hans-Peter Friedrich, "ist eine Entwicklung, die wir nicht akzeptieren können".

Schutz für die Beschützer

Wer Polizisten öffentlich verteidigt, wird zum Beschützer der Beschützer. Das vermittelt Stärke. Vor kurzem erhöhte der Bundestag den Strafrahmen für Gewalt gegen Vollzugsbeamte von zwei auf drei Jahre. Auch die Abgeordneten der Regierungskoalition zeigten sich einhellig von einer drastischen Zunahme der Gewalt gegen Polizisten überzeugt.

Polizistenfeindliches Graffiti in Berlin/Kreuzberg, ACAB - All Cops Are Bastards (Foto: DW/Heiner Kiesel)

Graffiti in Berlin-Kreuzberg: "ACAB - All Cops Are Bastards"

Das Verhältnis von Bevölkerung zu ihren Ordnungshütern scheint sich eingetrübt zu haben. "Wir sind doch eigentlich immer die Buhmänner", sagt Polizeioberkommissar Thomas Stetefeld. Der Berliner Streifenbeamte findet, dass die Gesellschaft immer respektloser mit ihm und seinen Kollegen umgeht. "Wissen Sie, das sind so leichte Rempeleien, wo eigentlich, wenn man es ganz eng sehen sollte, schon eine Form von Gewalt vorliegt." Ostentative Ignoranz, Beleidigungen, T-Shirts mit dem Akronym ACAB für "All Cops Are Bastards" - Stetefeld fühlt sich nicht mehr wohl auf der Straße.

Statistische Lücken

Christian Pfeiffer, der Direktor des Kriminologischen Forschungsinstituts Niedersachsen, hat kürzlich die umfassende Studie "Polizisten als Opfer von Gewalt" vorgelegt. "Sie zeigt, dass Aggressionserfahrungen zum Alltag der Streifenbeamten gehören", stellt Pfeiffer fest. Seine Studie hat viel Aufsehen erregt. Auch weil sie sich nicht auf die strafrechtlich relevanten Formen von Gewalt beschränkt.

Christian Pfeiffer, Direktor des Kriminologischen Forschungsinstituts Niedersachsen (DW/Heiner Kiesel)

Krmininologe Christian Pfeiffer: Kein "Immerschlimmerismus"

Polizeidienst ist anspruchsvoll, aber wird er gefährlicher? Viele sehen in Pfeiffers Untersuchung einen Beleg dafür. Und er selbst? "Ich glaube nicht, dass der 'Immerschlimmerismus' auch hier gilt, schließlich war das nur eine Momentaufnahme." Eigentlich werde die Gesellschaft immer älter und damit friedlicher. Und damit auch das Arbeitsumfeld der Polizei, urteilt Pfeiffer.

In diese Richtung deuten auch die offiziellen Zahlen. Die wichtigste Maßzahl in der Kriminalstatistik ist hier der Widerstand gegen Polizeivollzugsbeamte. Sie ist 2011 erneut zurückgegangen: um 241 auf 21.257 Fälle. Analog zum Bericht der Projektgruppe Gewalt gegen Polizeibeamte der Innenministerkonferenz verbergen sich dahinter wahrscheinlich weniger als ein Prozent, die zu schweren Verletzungen geführt haben. Ein knappes Viertel hat leichte, drei Viertel haben keine Gesundheitsschäden verursacht. Da in den Erhebungen die Relation zu den geleisteten Einsätzen meist fehlt, lassen sich echte Trends kaum feststellen.

Die Gesellschaft als Täter

Vielleicht wird es zwar nicht mehr, aber immer brutaler? "Die Intensität hat deutlich zugenommen", beobachtet Michael Eckerskorn vom sozialwissenschaftlichen Dienst der Bundespolizei, "das ist schon erschütternd, wie gezielt manche Aggressoren auf schwere Verletzungen aus sind." Eckerskorn stützt sich auf die zahlreichen Gespräche, die er mit betroffenen Beamten geführt hat.

Der Eindruck aus der Polizeipraxis reicht hingegen Rafael Behr nicht aus. "Es gibt keinen belastbaren statistischen Beleg für einen immer härteren Dienst", stellt der Professor an der Hochschule der Polizei in Hamburg fest. "Sicher ist, dass die Wahrnehmung der Gewalt durch die Medien und die Beamten größer geworden ist." Überhaupt sei man sich in der Polizei-internen Diskussion noch gar nicht einig, was alles eigentlich unter Gewalt zu verstehen sei. Behr stören der aktuelle Diskurs, in dem die Beamten als Opfer dastehen, und auch die ständigen Appelle an die Gesellschaft, ihre Beschützer mehr zu respektieren. Das könne sich auch negativ auf die Motivation der Polizisten auswirken. Die wollen ja aktiv sein und helfen. Behr folgert deswegen: "Die Gesellschaft lässt sich kaum verändern, Polizeiarbeit aber können wir konkret verbessern."

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