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Welt

Die Geschichte hinter dem Revolutionsbild

Auf dem Tahrir-Platz fotografiert eine Lektorin betende Moslems. Über Twitter verbreitet sich das Bild weltweit. Es zeige, was ihr Land für sie ausmacht, sagt die Schnappschuss-Fotografin.

Eigentlich braucht Nevine Zaki 20 Minuten mit dem Auto von ihrer Wohnung bis zum Tahrir-Platz im Zentrum Kairos. Am 1. Februar 2011 jedoch ist an Autofahren nicht zu denken: Die Revolution hat Kairo im Griff, die Straßen der Stadt sind gesperrt. Also geht Zaki zu Fuß; anderthalb Stunden lang, mit ihrer Schwester und ein paar Freunden. "Damals ist jeder, den ich kannte, dorthin gegangen. Zu Hause zu bleiben, war keine Option. Zuhause hätte man sich nur hilflos gefühlt, und das wäre das Schlimmste gewesen", erinnert sie sich heute.

Mit ihrem Blackberry schießt sie auf dem Platz an die hundert Fotos. Vor allem die Schriftzüge auf den Schildern der Demonstranten interessieren sie. Dann entdeckt sie eine Gruppe von Männern; sie haben sich zum muslimischen Mittagsgebet versammelt und knien auf dem Boden. Rund herum steht eine Reihe von Männern, die schützend eine Wand um die Betenden bilden. Der Anblick bewegt Zaki und sie drückt auf den Auslöser ihres Blackberrys.

Christen, die betende Moslems beschützen

"Ich selbst habe das nicht gesehen, aber es hieß, die Betenden hatten Angst, dass während des Gebets Tränengas auf sie gefeuert würde. Also stellten sich einige Christen rund um die betenden Moslems, um sie zu schützen", beschreibt Zaki die Situation. Dass die Männer Christen waren, erkannte sie daran, dass einige von ihnen, wie bei ägyptischen Kopten üblich, ein Kruzifix aufs Handgelenk tätowiert hatten: "Deshalb dachte ich auch, mein Foto sei furchtbar, weil man darauf kein Kruzifix sehen konnte."

Am Abend sitzt Zaki, wieder zu Hause, vor ihrem Computer. Sie geht die Fotos durch, das Bild der betenden Männer fällt ihr nicht weiter auf. Zaki ist aufgewühlt: "Diese Tage waren eine sehr schwierige Zeit, auch für zwischenmenschliche Beziehungen: Jeder war auf den anderen wütend." Die 31-jährige Lektorin hat, wie viele junge Ägypter, einen Account auf Twitter. Bewegt von den Ereignissen des Tages verfolgt Zaki auf dem Kurznachrichtendienst die Diskussion über die Situation in Ägypten. "Was man in den ägyptischen Tweets an dem Abend lesen konnte, hat mich unglaublich wütend gemacht", erinnert sie sich; vor allem, dass viele Twitterer über den Konflikt zwischen ägyptischen Christen und Moslems geschrieben hätten. Also entscheidet sie sich, das Foto vom Mittag zu posten. "Christians Protect Muslims During Prayer", schreibt sie darunter.

Von 300 auf 11.000 Follower

Damit trifft sie einen Nerv. Einen Monat zuvor, am Neujahrstag 2011, waren bei einem Bombenattentat auf eine Kirche koptischer Christen in Alexandria 23 Menschen getötet und fast hundert weitere verletzt worden. Die Presse legte das als Äußerung der Spannung zwischen Muslimen und Christen in Ägypten aus. Eine missverständliche Interpretation, glaubt Nevine Zaki: "Das Zusammenleben von Moslems und Christen hat in Ägypten immer sehr gut funktioniert." Das sieht sie in ihrem Foto belegt: "Deshalb hat es mich so gefreut, dass dieses Foto so erfolgreich wurde: Denn es erinnert uns daran, wer wir Ägypter sind und was uns ausmacht, nämlich diese friedliche Koexistenz."

Copyright: Nevine Zaki

Nevine Zaki: "Das Foto erinnert daran, was uns Ägypter ausmacht."

Das Twitter-Echo auf ihr Bild hätte sie sich in ihren wildesten Träumen nicht vorgestellt, sagt Zaki. Unmittelbar, nachdem sie das Bild online stellt, bekommt sie auf ihrem Handy Benachrichtigungen über Retweets und neue Follower. In der ersten Nacht verzehnfacht sich Zakis Anzahl an Followern von 300 auf 3000. Über zwei Tage schaltet Zaki ihr Handy auf lautlos, weil es ansonsten ununterbrochen geklingelt hätte.

Seitdem sieht sie immer wieder, wie Menschen ihr Foto posten, wenn es um Konflikte zwischen Moslems und Christen geht: "Das macht mich sehr glücklich. Denn es zeigt, wie wir Ägypter sind – und niemand kann das ändern." Mittlerweile hat Zaki über 11.000 Follower auf Twitter.

Durch Zufall am richtigen Ort

Nevine Zaki spricht in fließendem Englisch, mit viel Selbstbewusstsein und einer Mischung aus amerikanischem und arabischen Akzent. Die 31-Jährige lebt seit ihrer Geburt in Kairo. Die Muslimin besuchte eine christlich-französische Schule und studierte danach an der amerikanischen Universität. Immer wieder betont sie im DW-Interview, wie glücklich sie über das Foto ist. Kurz nachdem das Foto auf Twitter bekannt wird, melden sich die großen weltweiten Nachrichtenagenturen bei Zaki und verbreiten das Foto weiter; dadurch erreicht es auch die Mainstream-Medien. Wie oft das Foto mittlerweile im Internet geklickt wurde, lässt sich nicht nachvollziehen; eine zweistellige Millionenzahl ist wahrscheinlich. Allein Google findet für den Titel des Fotos über 15.000 Suchergebnisse.

"Ich fühle mich fantastisch, aber gleichzeitig auch ein bisschen schuldig" sagt sie, und klingt aufrichtig: "Was ich getan habe, war nichts im Vergleich zu dem, was andere getan haben. Es gibt Leute, die jetzt noch auf dem Tahrir-Platz demonstrieren." Ein bisschen unangenehm sei ihr das Interesse an ihrer Person: "Es ist schon lustig. Viele Menschen denken jetzt, dass ich eine Aktivistin bin, oder eine Journalistin, aber das stimmt nicht. Ich bin eine von vielen. Ich war einfach nur durch Zufall am richtigen Ort, und hatte mein Blackberry dabei."