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Beethovenfest

Die Geschichte der Beethovenfeste

Bonn, 10. August 1845: Mit der Aufführung der ”Missa solemnis” beginnt das erste Beethovenfest in der Geburtstadt des Komponisten.

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Beethovenfest Plakat

"In dieser Vollendung, namentlich, was die Chöre betrifft, hatte noch niemand, (..) selbst die Bewohner der ersten Musikstädte Europas, wie Wien, Berlin und Paris, die Missa Solemnis‘, das ungeheuerste Schwierigkeiten darbietende Werk, aufführen hören."

begeistert sich Karl Heinrich Breidenstein. Der Musikprofessor, sekundiert vom einflussreichen Musiker Franz Liszt, hat sich gemeinsam mit wohlhabenden Bürgern der Stadt für das Musikfest lange genug stark gemacht und darüber hinaus für die Errichtung eines Beethoven-Denkmals plädiert. - Am dritten Tag des ersten Bonner Beethovenfestes ist es endlich soweit. Anton Schindler beschreibt das Ereignis der Denkmalsenthüllung am 12. August 1845 minutiös in der vielgelesenen "Leipziger illustrierten Zeitung".

"Am dritten Festtage erfolgte dann nach dem feierlichen Hochamt in Münster, wobei Beethovens erste Missa in C-Dur unter Breidensteins Leitung ausgeführt wurde, die Enthüllung des Monuments. Wäre dieser von Tausenden mit gespannter Neugier erwartete Act alsbald nach beendigtem Gottesdienst erfolgt, so wäre die Begeisterung sicher eine nachhaltige gewesen. So aber musste die große Versammlung die Ankunft der Königlichen Majestäten in Begleitung der britischen Monarch in und des Prinzen Albert vom Schloss Brühl erwarten und nicht weniger als ein und eine halbe Stunde unter freiem Himmel harren, bis die Majestäten vom Baicon der gräflich Fürstenberg‘schen Hauses erschienen- von wo die Statue nur von rückwärts gesehen werden konnte."

Das gräfliche Palais, dem der in Erz gegossene Meister so schnöd den Rücken kehrt, ist auch heute noch ein architektonisches Juwel der Stadt. Freilich beherbergt es keine fürstliche Familie mehr, sondern das Hauptpostamt der Bundesstadt.

"Es war ein schwüler Augenblick. Die Glocken läuteten, die Geschütze donnerten, die Trompeten schmetterten, die Hülle fiel, und - die hohen Herrschaften sahen vom Baicon auf die dicken Falten des schweren Mantels und auf die struppigen Haare. Der König rief mit seiner hellen Stimme: ‘Ei er kehrt uns ja den Rücken zu!‘ UndAlexander von Humbold, der in der Nähe stand, sagte ruhig: ‘Ja, er ist schon in seinem Leben immer ein grober Kerl gewesen!"

Den hohen Herrschaften kam offenbar nicht der Gedanke, dass sie selbst vielleicht einen Standortwechsel vorzunehmen hatten. Die Bürger jedenfalls unten auf dem Münsterplatz, die dem Meister ins zerfurchte Antlitz blicken durften, waren anno 1845 ergriffen und begeistert. Ihre Groschen und Taler fanden sie aufs trefflichste angelegt. Heute steht Beethoven noch immer auf dem Münsterplatz. Mit schöpferischem Impetus hält er die Feder in der rechten Hand, bereit mit wehendem Mantel jederzeit vom Sockel zu stürmen.

Viel Wasser ist seit jenen Tagen den Rhein hinuntergeflossen und die Beethovenfeste wechselten in unregelmäßiger Folge einander ab. Dem "Verein Beethovenhaus" gelang eine "Erinnerungsfeier" zum 1 50.Geburtstag im Jahr 1920. Deutsch-national vereinnahmt wurde der Meister erstmals 1927 zum 100. Todestag. Das Bonner Musikfest avancierte zum "Deutschen Beethovenfest", und der Bonner Stadtrat lehnte es aus nationalen Erwägungen ab, einen Beitrag des französischen Schriftstellers und Beethoven-Biographen Romain Rolland in die Festschrift aufzunehmen. Mit ihrer Darbietung des 5. Klavierkonzerts Es-Dur erwarb sich die Bonner Pianistin Elly Ney den Ruf der nationalen Beethoven-Interpretin schlechthin. 1930 ernannte die Stadt Elly Ney zur Ehrenbürgerin. Die vitale Pianistin rief 1932 die erste "Volkstümliche Beethovenwoche" ins Leben. Und es gelang ihr weitere, regelmäßige Beethoven-Feste künstlerisch zu installieren. Warum das Verhältnis der Stadt zur Interpretin nach dem Krieg schwierig, zumindest ambivalent wurde, beschreibt Bonns Stadtarchivar Manfred van Rey:

Manfred van Rey :
"Die Beethovenfeste waren ja regelmäßig eingerichtet worden, seit 1931, durch die in Bonn geborene Pianistin und berühmte Beethoveninterpretin Elly Ney, die allerdings eine große Verehrerin von Adolf Hitler war, was der Stadtrat nach dem Kriege zum Anlass nahm, sie in keinem Fall ~ in städtischem Auftrag auftreten zu lassen, obwohl man ihr die Beethovenfeste eigentlich verdankte. Sie reiste nämlich in vielen Konzerten weltweit und sammelte Geld für eine neue Beethovenhalle, die, die ja heute noch steht. Man kam nicht daran vorbei und es gab dann eine Versöhnung."

Das Beethoven‘sche Werk gäbe den Glauben an die Zukunft wieder und bringe zugleich die Verbundenheit der Völker zum Ausdruck, so beschwor 1947 der damalige Oberbürgermeister Spoelgen die Internationalität des ersten Nachkriegs-Musikfestes 1947. Es fand nunmehr in zweijähriger Folge statt. Erst 1953 wurde Elly Ney wieder als Solistin eingeladen.

Für eines der großartigsten Konzerte in der Geschichte der Beethovenfeste sorgte 1959 der junge israelische Geiger Yehudi Menuhin. Nichts würde ihm größere Freude bereiten als zur Eröffnung der Beethovenhalle in der Geburtstadt des Komponisten dessen Violinkonzert zu spielen, hatte er zuvor die Stadt wissen lassen. Seine Interpretation des Violinkonzerts blieb lange unvergessen. Das dreiteilige Beethovenfest 1970 versammelte zum 200. Geburtstag die Weltelite der Orchester, Dirigenten und Sänger in die damalige Bundeshauptstadt, unter ihnen Herbert von Karajan mit den Berliner Philharmonikern, die Wiener Philharmoniker mit Karl Böhm, die Pianisten Claudio Arrau, Arturo Benedetti Michelangeli, Emil Gilels und Friedrich Gulda und Nathan Milstein, um nur einige zu nennen. Die in der Bonner Oper amtierenden Generalmusikdirektoren gestalteten in den nächsten Jahren die Feste mit wechselnden Zeitbezügen.

Die Gegenüberstellung der Werke des großen Klassikers mit der Avantgarde akzeptierte das Publikum weniger als die Kritik. In den Achtziger Jahren ging es erst mal bergab mit dem Festival. Es sei irgendwie beliebig geworden, schimpften Kritiker. Die Besucherzahlen schrumpften. 1989, zur 2000-Jahrfeier der Stadt, verzeichnete das 33. Bonner Beethovenfest dagegen wieder einen künstlerischen Erfolg, war doch kein Geringerer als der charismatische Leonard Bernstein in die Hauptstadt gereist. Neben dem Werk Beethovens erfuhr auch sein kompositorisches Werk gebührende Würdigung. Eine Andy-Warhol-Ausstellung mit 50 Beethoven-Porträts des amerikanischen Künstlers begleitete das Jubiläums-Festival, das 30 000 Besucher anlockte. Da Bernstein bei der Aufführung großer Beethoven-Sinfonien selbst am Dirigentenpult stand, gingen die Karten weg wie die vielzitierten warmen Semmeln.

Der große Publikums-Erfolg war den alle drei Jahre stattfindenden Beethovenfesten fürs Erste nicht mehr beschieden. Die städtischen Subventionen waren Anfang der Neunziger Jahre in einen marginalen Bereich geschrumpft. Es entwickelte sich eine Initiative ebenso kunstsinniger wie rühriger Bonner Bürger, die den Verein " Bürger für Beethoven" unter Federführung des Ministeralbeamten Dr. Barthold Witte ins Leben riefen. Der von "Bürger für Beethoven" anfangs eher belächelte "Beethoven-Marathon"an verschieden Plätzen im Bonner Stadtgebiet geriet mit seinen Konzerten und Lesungen zum Ereignis, das überregional von sich reden machte, was nicht zuletzt auch einer straffen Organisation zu verdanken war.

Barthold Witte:
"Wir haben schon bei den drei Beethoven-Marathons nach diesem Prinzip gearbeitet, eine eigene Intendantin, ein eigener Rechtsträger, das war unsere Vereinigung, und wir haben fast den jährlichen Rhythmus geschafft mit einem Jahr Unterbrechung. Wir haben also auch gezeigt, dass das Beethovenfest, wenn es jährlich veranstaltet wird, durchaus sein Publikum findet."

Die Bürgerinitiative hat sich inzwischen aufgelöst. Und der wechselvollenGeschichte der Bonner Beethovenfeste kann jetzt wieder ein handfestes KapitelStadtgeschichte hinzugefügt werden. Dem Ansehen der behäbigen Rhein-Metropole als Beethovenstadt widmet sich die Bonner Kulturpolitik wesentlich innovativer als in früheren Jahren.

Bärbel Dieckmann:
"Das Beethovenfest vorher ist abgeschafft worden aus finanziellen Gründen muss man schon sagen. Ich gehöre zu den Gründungsmitgliedern der Bürger für Beethoven ‚ und ich sage immer, das ist ein Versprechen, das ich eingehalten habe, ein Internationales Beethovenfest für Bonn".

Bärbel Dieckmann, Bonns Oberbürgermeisterin seit Juni 1995, ist an einer kontinuierlichen Fortsetzung des Bonner Musikfestivals gelegen. Die Realpolitikerin weiß, das die Bundesstadt, die sich in vierzig glorreichen Hauptstadt-Jahren einen guten Ruf hinsichtlich ihrer Theater und Museen geschaffen hat, nach dem Verlust des Hauptstadt-Status mehr denn je daran interessiert sein sollte, mit den Pfunden Beethovens, des gebürtigen Bonners, zu wuchern.

Bärbel Dieckmann:
"Die Idee von Festivals, ob Salzburg oder Bayreuth, ist natürlich, dass man nicht Gäste aus der Region gewinnt, sondern wirklich internationale, und gerade Beethoven ist ja der Komponist, der die höchste und weitverbreitetste internationale Anerkennung hat, den Menschen aus aller Welt auch kennen, lieben, ob das in Asien oder Afrika, Südamerika oder Nordamerika ist, da ist die Chance groß. Man muss gleichzeitig sagen, dass das Bonner Internationale Beethovenfest noch nicht so Fest im Terminkalender ist wie vielleicht Salzburg oder Bayreuth. Unsere Zielvorstellung ist, dass, wenn man sagt, ich fahre nach Bonn, dass dann vielleicht der andere sagt:" Ach hast du Karten fürs Beethovenfest bekommen?"

Diese Nöte stellen sich bisher eher selten. Wenn allerdings Giuseppe Sinopoli mit der Staatskapelle anrückt zu Nutz und Frommen des Beethoven‘schen Werkes oder historisch korrekt der Concentus musicus Wien unter Nikolaus Harnoncourt oder gar eine Jessye Norman ihren diamantenen Sopran einsetzt, sind die Karten schon auf Monate vorher ausverkauft.- Durch sich selbst kann ein solches Festival nicht getragen werden. Auch in Zukunft nicht. Bonns Oberbürgermeisterin schätzt die Situation realistisch ein, wenn sie sagt:

"Das internationale Beethovenfest wird keine Kürzungen erleiden. Es gibt den Etat des Intendanten. Dieser Etat ist ja beschlossen worden schon zu einem Zeitpunkt, als wir wussten, dass die Bonn-Vereinbarung nicht in dieser Form weitergeführt würden. Neben anderen beteiligten Gesellschaftern in einer GmbH ist es ja ein Städtisches Beethovenfest, das mit 2, 5 Millionen Mark jährlich unterstützt wird. Wir versuchen aber auch durch Marketing, durch Werbung, durch Gestaltung der Stadt, durch Zusatzprogramme, durch Zusatz-Empfänge der Oberbürgermeisterin eine Stimmung in der Stadt zu schaffen. Unser Ziel ist es, dass es eben nicht nur Konzerte gibt in geschlossenen Hallen, sondern, dass ein bisschen

  • Datum 22.02.2002
  • Autorin/Autor Inge Ivanovic
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