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Wirtschaft

Die Gelassenheit der Börsen

Anleger haben nach dem Sieg von Donald Trump Gelassenheit gezeigt. Anders als nach dem überraschenden Brexit-Ja der Briten erwiesen sich die Kurse insgesamt als stabil und stiegen teilweise sogar wieder an.

Zwar habe das Wahlergebnis die Finanzmärkte kurz durcheinander gewirbelt, doch trotz aller Aufregung gelte, dass auch an den Börsen das Leben weiter gehe, kommentierte Anlagestratege Heinz-Werner Rapp vom Vermögensverwalter Feri Investment. Die neue Situation sei von den Märkten bereits in jüngster Zeit durch Kursverluste teilweise vorweggenommen worden. Zudem werde Trump grundsätzlich als wirtschaftsfreundlich wahrgenommen, hieß es.

Nachdem der Dax zum Handelsstart um knapp drei Prozent gefallen war, schmolzen die Verluste bis zum frühen Nachmittag komplett zusammen. Nachdem die New Yorker Wall Street entgegen den pessimistischen Prognosen freundlich eröffnet hatte, kletterte auch der deutsche Leitindex ins Plus und gab im Schlussgeschäft nochmal kräftig Gas.

Letztlich gewann der Dax 1,56 Prozent auf 10 646,01 Punkte. Das war gleichzeitig der höchste Stand des Handelstages. Der MDax endete 0,24 Prozent höher bei 20 664,59 Punkten. Der Technologiewerte-Index TecDax rückte um 1,19 Prozent auf 1750,89 Punkte vor.

Starke Erschütterungen in Mexiko

Auch die Devisenmärkte hatten am frühen Morgen erschüttert darauf reagiert, dass der als unberechenbar geltende Republikaner Trump neuer Präsident der Vereinigten Staaten wird. Der US-Dollar geriet anfangs stark unter Druck, konnte sich dann aber wieder erholen.

Im Gegenzug konnte der Euro seine zuvor erzielten Gewinne nicht halten. Nach einem Hoch von 1,1300 Dollar am frühen Morgen - dem höchsten Stand seit Anfang September - kostete die Gemeinschaftswährung zuletzt nur noch 1,0944 Dollar.

Einen dramatischen Absturz um 7,64 Prozent verzeichnete zum Handelsbeginn in Mexiko City der mexikanische Peso. Auch der mexikanische Börsenindex IPC gab um mehr als drei Prozent nach, weil Trump immer wieder mit anti-mexikanischer Rhetorik Stimmung gemacht hat.

Business as usual

In Deutschland rückte nach dem ersten Schreck rasch wieder das normale Alltagsgeschäft in den Blick der Investoren. So standen im Dax vor allem die Papiere der Munich Re, aber auch von Eon und HeidelbergCement nach vorgelegten Quartalsbilanzen im Blick. Die Aktien der Munich Re legten um minimale 0,14 Prozent zu. Die Papiere von Eon sanken um moderate 0,22 Prozent. Bei HeidelbergCement hatten sich zwar die Kosten für die Übernahme des Konkurrenten Italcementi bemerkbar gemacht, dennoch legten die Papiere um 4,42 Prozent zu. Gut kam am Markt vor allem an, dass trotz verfehlter Gewinnschätzungen der Jahresausblick bekräftigt wurde.

Zu den größten Gewinnern an der Wall Street zählten die Aktien von Pharmakonzernen. Ein Sieg der Demokratin Hillary Clinton hätte laut Händlern Befürchtungen über eine Begrenzung von Medikamentenpreisen weiter verstärkt. Im Dow besetzten Pfizer, Merck & Co sowie Johnson & Johnson mit Gewinnen zwischen zweieinhalb und sieben Prozent vordere Plätze.

Unsicherheit über die Zukunft von Medicaid

In den USA hatte der Wahlausgang ganz konkrete Auswirkungen auf die Bewertung einzelner Papiere. So waren die Aktien von Rüstungsunternehmen wie Lockheed Martin, General Dynamics und Northrop Grumman mit Kursaufschlägen von jeweils mehr als fünf Prozent auf dem Vormarsch. Trump habe bereits weitere 90 000 Soldaten, 42 zusätzliche Schiffe und 100 weitere moderne Kampfflugzeuge sowie ein besseres nukleares und raketengestütztes Abwehrsystem angekündigt, erklärte ein Börsianer.

Dagegen sanken die Papiere des Krankenversicherers UnitedHealth um gut zwei Prozent und die des Klinikbetreibers HCA Holdings stürzten sogar um 14 Prozent ab. Sie litten darunter, dass die unterlegene Kandidatin Clinton sich für fortgesetzte staatliche Subventionen von Medicaid ausgesprochen hatte - ein Gesundheitsfürsorgeprogramm unter anderem für Personen mit geringem Einkommen.

Eine gewisse Unsicherheit aber bleibt

Analysten erklärten die gelassenen Reaktionen an den Märkten mit der Erwartung, dass nichts so heiß gegessen werde, wie es gekocht worden ist. Trump dürfte seine beunruhigenden Pläne für die Einwanderung oder eine protektionistische Handelspolitik letztlich abmildern, meinte Analyst Andrew Garthwaite von der Bank Crédit Suisse. Zudem könnten sich die geplanten höheren Staatsausgaben und eine Senkung der Unternehmenssteuern positiv auf Aktien auswirken.

"Der Sieg Donald Trumps bei den US-Präsidentschaftswahlen hat bislang weniger Auswirkungen auf die Finanzmärkte gehabt, als die meisten erwartet hatten", sagte der britische Wirtschaftsexperte von Global Economics, Andrew Kenningham, in London. Auch die Auswirkungen auf die Weltwirtschaft dürften nach seinen Erwartungen zunächst gering sein. Langfristig blieben allerdings "größere Fragezeichen" fügte Kenningham hinzu.

Trumps "überraschend präsidiale Siegesrede" habe offensichtlich die Investoren beruhigt, sagte der britische Analysist Connor Campbell. Dazu kämen Aussichten etwa auf mehr Investitionen in die Infrastruktur in den USA. Allerdings bleibe abzuwarten, wie sich die Dinge nach dem Amtsantritt Trumps entwickeln würden. Auch weitere Wirtschaftsexperten verwiesen auf große Unsicherheiten, was Trumps künftige Politik angehe.

dk/tko (dpa/rtr/afp)