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Welt

Die geheimen Juden von Belmonte

Alheira ist eine ganz besondere Wurst. Sie steht für die Genialität, mit der die Juden in Portugal Jahrhunderte lang ihre Religion im Geheimen auslebten. Denn die Alheira ist eine koschere Wurst ohne Schweinefleisch.

Das Schloss von Belmonte

Das Schloss von Belmonte

Die Geschichte begann im Jahr 1492 in Spanien, als die katholischen Majestäten Isabella I. und Ferdinand II. das Edikt von Alhambra unterzeichneten. Damit zwangen sie die in Spanien lebenden Juden, die sogenannten Sefarden, zur Wahl zwischen Konvertierung oder Exil. Tausende Juden verließen das Land, einige fanden gegen hohe Geldzahlungen in Portugal Zuflucht. Doch nur fünf Jahre später folgte auch Portugal dem spanischen Beispiel.

Kuriose Ausstellungsobjekte

Hier geht es zum jüdischen Museum von Belmonte

Hier geht es zum jüdischen Museum von Belmonte

Obwohl sie damit ihr Leben aufs Spiel setzten, praktizierten viele portugiesische Juden, die sogenannten Marranen, ihren Glauben weiterhin im Geheimen. Ihr Einfallsreichtum brachte kuriose Formen zutage. Davon zeugen die Ausstellungsobjekte im jüdischen Museum von Belmonte, einer kleine Stadt in der Beira, einer Grenzregion im Norden Portugals.

Die Mezuzah zum Beispiel ist ein kleines rechteckiges Kästchen, das Worte aus der Thora beinhaltet – und eigentlich am Türrahmen der jüdischen Häuser angebracht werden sollte. Weil das jedoch strikt verboten war, hat ein einfallsreicher Jude ein solches Objekt eigens für die Hosentasche hergestellt, genauer gesagt: für die rechte Hosentasche.

Geheime Rituale des Crypto-Judentums

Erst im Jahr 1821 nahm die Inquisition, dieses unheilvolle Kapitel in der Geschichte der katholischen Kirche, ihr offizielles Ende. Doch es dauerte noch mindestens ein weiteres Jahrhundert, bis die sogenannten "neuen Christen", jene vor Jahrhunderten konvertierten Juden, an die Öffentlichkeit traten und sich zu ihren traditionellen Wurzeln bekannten. 1996 schließlich stifteten reiche marrokanische und nordamerikanische Juden der Stadt Belmonte eine Synagoge.

Religiöse Toleranz durch Lavendelsäckchen?

Religiöse Toleranz durch Lavendelsäckchen?

Einige der portugiesischen Juden halten noch immer an ihren verborgenen Ritualen fest. Der Geschichtsprofessor David Canelo macht auf eine interessante Entwicklung aufmerksam: "Früher gab es das Crypto-Judentum, also die versteckte jüdische Religion, innerhalb der christlichen, katholischen Welt. Heute finden wir noch immer Spuren dieses Crypto-Judentums, aber diesmal innerhalb des Judentums. Beide Male ist es vor den Augen der beiden großen Religionen versteckt – einmal vor dem Christentum, ein andermal vor dem Judentum. "

Canelo sieht den Grund dafür allein schon in der bloßen Existenz des Crypto-Judentums mit all seiner Kraft und seinem heiligen Charakter: "Immer gaben die Eltern ihren Kindern die Botschaft weiter, wie wichtig es sei, eine solche Religion mit all ihren Bräuchen geheim zu praktizieren, das Passahfest, die Gebete..."

Die Angst kommt von weit her

José Henrique liest heute noch auf ladino, einer Mischung aus hebräisch, spanisch, portugiesisch und ein auch französisch. Wenn er ein wenig Zutrauen gefasst hat, erzählt der freundliche Herr von den heimlichen Zusammenkünften aus seiner Kindheit, und auch von den Fleischgerichten, die sie heimlich gegessen haben, als gerade kein Rabbi da war, um nicht vor Hunger zu sterben. In Belmonte lobt man gerne die guten Beziehungen zwischen den Christen und den Marranen.

Das Kreuz an den Türen diente als Beweis zur Bekehrung zum Katholizismus

Das Kreuz an den Türen diente als Beweis zur Bekehrung zum Katholizismus

José Henrique spricht dagegen von Angst. Natürlich sei die Zeit der Inquisition längst vorbei, sagt er, aber die Angst sei geblieben.Selbst in der Zeit danach haben sich noch viele grausame Dinge ereignet. Zwar blieb Belmonte vom Krieg weitgehend verschont. "Aber es gab diese Mißtrauen." Und nach einer Pause des Nachdenkens fügt er hinzu: "Ja, diese Angst, die kommt von weit, weit her. "

Eine koschere Wurst namens Alheira

Ein gutes Drittel der portugiesischen Bevölkerung würde heute zu diesen jüdischen Sefaraden zählen. Obwohl sie die Verbindung zu ihrem Ursprung längst verloren haben, pflegen viele Portugiesen – egal ob konvertiert oder nicht – die kulinarischen Bräuche ihrer Vorfahren. Hier zeigt sich, mit welcher Kunst die Crypto-Juden ihre Religion im Verborgenen praktizierten. Etwa am Beispiel der Aheira, einer ganz speziellen Wurstsorte.

Frau Antonia kennt das Rezept ganz genau: "Wir nehmen ein Kanninchen und ein Hähnchen, schneiden beides in kleine Stücke, nehmen ein wenig Fett und frittieren beides zur gleichen Zeit. Danach geben wir Salz hinzu, so wie es zu unserer Tradition gehört, aber auch Gewürze und Pfeffer. Man vermischt alles. " Dann folgt das Mehl. Maismehl und Weizenmehl müsse es schon sein, betont Antonia, damit alles schön fest werde. "Genau so als ob es Schweinefleisch wäre."

Barrieren überwinden

Karte Portugal Belmonte Castelo Branco PT

Belmonte in Norden Portugals

Die jüdischen Gemeinschaften in Portugal leben heute im Licht der Öffentlichkeit. Seit etwa zwanzig Jahren kehren unter dem Einfluss der Rabbiner immer mehr portugiesische Juden nach Israel zurück. Der Filmemacher Jorge Neves, Gründer der Ladino-Vereinigung in Porto, zeichnet ein differenziertes Bild: "Aus Sicht der Christen waren wir Juden, aber für die Juden waren wir das lange nicht. Heute haben wir diese Barrieren glücklicherweise überwunden."

Jahrhundertelang im Verborgenen lebend, in der Stille, immer innerlich umherirrend, auch verfolgt – heute leben die portugiesischen Juden ihre Religion frei aus. Nur einige wenige ältere Marraner bleiben der Entwicklung hinterher, akzeptieren weder die Beschneidung noch das Hebräisch. Wieviele das sind? Vielleicht einige hundert. In weniger als einer Generation wird diese Kultur der marranischen Portugiesen vermutlich ausgestorben sein. Doch es gibt bereits Versuche, sie wieder aufleben zu lassen. Die Arbeit der Historiker hat gerade erst begonnen. Die Ladino-Sprache ist wieder im Kommen. Die portugiesische Musikgruppe Rosa negra jedenfalls singt voller Nostalgie vom "fado ladino".

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