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Global Ideas

Die Gefahren von Indiens “Grüner Revolution”

Die Landwirtschaft in Südasien muss hohe Erträge bringen, um die rasant wachsende Bevölkerung der Region zu ernähren. Indien setzt dabei auf große Mengen Pestizide. Doch auch ökologischer Landbau kann erfolgreich sein.

Ein Bauer düngt sein Feld, Ansicht von oben (Foto: CC/Rishwanth Jayaraj, Quelle: http://www.flickr.com/photos/cjrishwanth/8498954850/sizes/h/in/photostream/ | Lizenz: http://creativecommons.org/licenses/by/2.0/deed.de)

Farmer düngt Feld

Hunger, steigende Lebensmittelpreise und der rasante Bevölkerungszuwachs stellen einen großen Teil der Länder im Süden Asiens vor eine nur schwer zu lösende Aufgabe: Wie kann die Landwirtschaft genug Ertrag für Milliarden von Menschen liefern?

Die Lösung für Indien heißt “Grüne Revolution”. Dahinter verbirgt sich ein Ansatz, der schon aus den 60er und 70er Jahren des vergangenen Jahrhunderts stammt und dessen Motto gut “Schneller, effektiver, ertragreicher!“ hätte lauten können. Stellte er doch nichts Geringeres dar, als einen Wendepunkt in der Landwirtschaft des Landes. Durch den massiven Einsatz von Maschinen, chemischen Dünge- und Pflanzenschutzmitteln, sowie hochentwickelten Samen konnte Indien die Produktivität des Ackerbaus steigern - und damit den Hunger der Bevölkerung stillen. Allerdings auf Kosten der Natur. Denn der jahrelange Einsatz von Chemie, also Dünger und Pestiziden, haben den Boden ausgelaugt. Zudem hat ineffektive Bewässerung in vielen Teilen Indiens den Grundwasserspiegel absinken lassen. Mit der Folge, dass die Erträge der Bauern teilweise eingebrochen sind, was wiederum die Nahrungsmittelpreise steigen ließ.

Heute leben mehr als 1,2 Milliarden Menschen in Indien, die Bevölkerungszahl hat sich seit dem Startschuss der “Grünen Revolution” mehr als verdoppelt. Und mit ihr der Hunger.

Keine Gefahr in Indien?

Sicht auf ein Feld, auf dem ein Schild auf Pestizide hinweist (Foto: CC/Peter Blanchard, Quelle: http://www.flickr.com/photos/peterblanchard/7180721049/ Lizenz: http://creativecommons.org/licenses/by/2.0/deed.de)

Wie soll der Hunger der rasant wachsenden Bevölkerung gestillt werden? Pestizide sind nicht unbedingt die Lösung.

Dabei ist Indien eine Agrarnation. Mehr als die Hälfte der Bevölkerung lebt von der Landwirtschaft. Doch für hunderte Millionen armer Inder sind Hunger und Nahrungsunsicherheit dauerhafte, drängende Probleme. Die Zahl unterernährter Kinder liegt in Indien höher als im südlichen Teil Afrikas. Auch die Selbstmorde verarmter Bauern bestimmen oft die Schlagzeilen der Tageszeitungen.

Die indische Regierung aber setzt weiter auf industrielle Anbaumethoden, chemische Dünge- und Pflanzenmittel werden massiv subventioniert. Das Land brauche Pestizide in der Landwirtschaft, heißt es von offizieller Seite, denn die Insekten des tropischen Landes würden die Pflanzen andernfalls zerstören. Gerade bei steigender Weltbevölkerung und Klimawandel müssten die Staaten die Ernährung aller Menschen sicherstellen – und das ginge nur mit Chemikalien, erklärt Krishan Sharma, Pressesprecher des staatlichen indischen Forschungsinstituts für Landwirtschaft IARI.

In Indien bestehe sowieso keine Gefahr, schließlich würden die Bauern die richtigen Mengen verwenden. „In den vergangenen sechs bis sieben Jahren haben wir mehr als 70.000 Lebensmittelproben untersucht. Bei nur zwei Prozent konnten wir erhöhte Chemikalienwerte feststellen“, so Sharma.

Studien bestätigen Pestizidbelastung

Doch die Wahrheit könnte auch eine andere sein. Studien des unabhängigen indischen Umweltforschungsinstituts CSE belegten schon im Jahr 2005 im Blut von Menschen im indischen Bundesstaates Punjab eine hohe Belastung mit dem Pflanzenschutzmittel DDT. Das Ergebnis ist insofern brisant, als dass Punjab der “Brotkorb” Indiens war und gerade hier die “Grüne Revolution” ihren Ursprung nahm. Gerade dort gibt es nun besonders viele Krebserkrankungen. 2013 haben die Forscher des CSE außerdem herausgefunden, dass die Pestizid-Bestimmungen in Indien mangelhaft sind.

Beim IARI glaubt man diesen Studien nicht. „Das ist alles nur eine Panikmache der NGOs und mittlerweile wissenschaftlich widerlegt“, erklärt Sharma. Die Krebserkrankungen in Punjab seien nicht durch die Pestizide hervorgerufen worden, sondern durch mit radioaktiven Stoffen und Schwermetallen verseuchtes Trinkwasser.

Bauern besonders betroffen

Gemüsemarkt in Rajasthan, Indien, wir sehen Gemüse auf Marktständen (Foto: CC/rachel in wonderland, http://www.flickr.com/photos/rdale/5633650066/sizes/l/in/photostream/ Lizenz: http://creativecommons.org/licenses/by-sa/2.0/deed.de)

Gefährliche Produktion - Viele Bauern erkranken, wenn sie Pestiziden ausgesetzt sind.

Sind die Medienberichte, in denen von verunsicherten Verbrauchern die Rede ist, also nur Panikmache? Natürlich nicht, sagt der stellvertretende Direktor des CSE, Chandra Bhushan. “Es ist sehr schwierig, einen Zusammenhang zwischen einer Chemikalie und einer Erkrankung herzustellen, schließlich sind wir pro Tag in unserer Umwelt mehr als 200 chemischen Stoffen ausgesetzt. Doch wenn es in einer bestimmten Gegend viele Krebskranke und viele Pestizide gibt und nur dort, kann man einen Zusammenhang erkennen“, erklärt der Forscher.

Besonders betroffen seien Bauern, denn sie stünden in direktem Kontakt mit den Chemikalien. Da viele aufgrund der Hitze keine Schutzkleidung tragen, dürften sie gar nicht mit hochgiftigen Stoffen arbeiten. Die meisten Farmer wüssten jedoch nicht, welches Pestizid sie überhaupt verwenden, viele könnten nicht lesen und so folgten sie den Empfehlungen ihrer Händler.

Probleme auch im Nachbarland

Auch im kleinen Nachbarland Nepal wird über den unsachgemäßen Gebrauch von Pestiziden berichtet. „Es fehlt eine richtige Zertifizierung”, klagt die Aktivistin Sushma Joshi. Sie führt ein viel gelesenes Blog über die Umweltbedingungen in ihrem Land. “Die Menschen nutzen Fungizide, Pestizide und Rattengift wahllos, weil sie nicht verstehen, wofür welches Mittel eingesetzt werden muss“, sagt Joshi. Wie gesundheitsschädlich ein erhöhter Gebrauch sei, wüssten viele Bauern allerdings. „Oftmals verkaufen die Farmer die pestizidhaltigen Lebensmittel und behalten die biologisch angebauten für sich.“

In puncto nachhaltiger Landwirtschaft könnte sich Indien vom kleinen Nachbarn Nepal etwas abgucken. Hier gibt es noch viele Bauern, die nach traditionellen ökologischen Methoden anbauen. Doch das könnte sich bald ändern. „Das Land leidet unter den immer stärkeren Auswirkungen des Klimawandels“, erklärt Bedraj Paudel von der Umweltschutzorganisation Mountain View Eco Farm (MVEF), die sich für den Ausbau ökologischer Anbaumethoden einsetzt. In vielen Gegenden wird es immer trockener oder es kommt zu Überschwemmungen. Das treibt viele Menschen in die Städte und so bleiben immer weniger Bauern, die immer mehr Lebensmittel anbauen müssen. Um die Städte herum würden viele Farmer auf Chemikalien zurückgreifen, häufig verwenden sie diese unsachgemäß.

Lösungsansätze

Ein Mann steht in den nepalesischen Bergen und blickt in die Kamera (Foto: CC/Bob Webster, http://www.flickr.com/photos/xpda/5595146329/sizes/l/in/photostream/ Lizenz: http://creativecommons.org/licenses/by/2.0/deed.de)

Bergbauern setzen, im Gegensatz zu ihren Kollegen nahe den Städten, nach wie vor auf ökologischen Landbau

Es sei wichtig, die Menschen zu bilden, damit sie wissen, welche Pestizide sie verwenden dürfen und in welchen Mengen, doch das sei nicht alles. „Viele wissen, dass die Chemikalien ihnen schaden, doch das hindert sie nicht, sie zu verwenden. Das ist das Gleiche wie beim Stehlen: Menschen wissen, dass sie ins Gefängnis kommen, doch wenn sie keine Wahl haben, machen sie es trotzdem“, erklärt Bhushan. Vielmehr müsse man Alternativen schaffen und biochemische und organische Anbaumethoden fördern.

In Nepal gilt es momentan, den Status quo aufrechtzuerhalten. Denn dort bauen nach Angaben der Umweltschutzorganisation Mountain View Eco Farm viele Bauern heute noch nach traditionellen ökologischen Methoden an – und das sollte so bleiben.

Umdenken auch in Indien

Und auch in Indien besinnen sich die Bauern langsam auf alte Werte. Navdanya, ein gemeinnütziges Projekt mit Sitz in Delhi, ist ein prominentes Beispiel. Gegründet wurde es von Vandana Shiva, Indiens bekanntester Umweltaktivistin. Nach eigenen Angaben hat die Organisation, die für organische Landwirtschaft und Biodiversität eintritt, seit ihrer Gründung 1987 mehr als 500.000 Bauern im ganzen Land in nachhaltiger Landwirtschaft ausgebildet. Im Rahmen des Projekts werden auch Samenbanken gegründet, um lokale Pflanzen zu erhalten.

Die große Frage ist: Hat organische Landwirtschaft eine Zukunft in Indien? Das Potenzial ist theoretisch vorhanden. Nach Angaben der Indian Agricultural Products Export Development Agency wird bislang in dem Land erst ein Prozent der Erträge aus ökologischem Landbau gewonnen.

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