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Wirtschaft

Die gefühlte Verteuerungstemperatur

Früher war vielleicht nicht alles besser. Aber zumindest billiger. Diese Meinung ist in einer x-beliebigen Fußgängerzone in Deutschland durchaus konsensfähig. Aber ist diese Ansicht auch wahr?

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Zehn Minuten Arbeiten für ein Brot

Die schnelle Umfrage auf dem Bonner Marktplatz bringt ein eindeutiges Ergebnis: "Allgemein finde ich schon, dass Klamotten, T-Shirts teuerer geworden sind." "Ganz früher war es billiger, das ist klar." "Es ist schon Wahnsinn was für so Kleinigkeiten verlangt wird mittlerweile."

Die Sonne scheint. Aber die Laune ist schlecht. Schließlich wird offensichtlich alles immer teurer. Ist das wirklich so? Eine Frage an Cristoph Schröder vom Institut der Deutschen Wirtschaft. Als Statistiker hat er die Zahlen der letzten Jahrzehnte gesammelt, berechnet und verglichen. "Von 1960 aus gerechnet hatten wir insgesamt eine sehr starke Preiserhöhung. Die Preise haben sich in der Zeit fast vervierfacht."

Vier Mal so teuer, elf Mal so viel Lohn

Zum Beispiel Brot. Ein normales Mischbrot, ein Kilogramm schwer, kostete 1960 beim Bäcker um die Ecke umgerechnet ganze 41 Cent. Das waren noch Zeiten. Und heute? Zwei Euro und 28 Cent. Das haben die offiziellen Statistiker des Deutschen Bundesamts herausgefunden. Der absolute Brotpreis hat sich also nicht nur vervier-, sondern gar verfünffacht. Allerdings ist im gleichen Zeitraum auch der Lohn gestiegen. "Die Gehälter haben sich verelffacht", sagt Schröder.

Also vier Mal so teuer, aber elf Mal mehr Geld. Dann müsste ja jetzt alles billiger sein. Aber ganz so einfach ist die Rechnung nicht. Und der Vergleich von früher und heute sowieso nicht. Statistiker Schröder hat deshalb die so genannte Kaufkraft ermittelt. "Wir haben die Preise umgerechnet in Lohnminuten, das heißt: Wie viel Nettolohn - oder wie viele Minuten muss man arbeiten, um sich ein bestimmtes Produkt kaufen zu können damals und heute."

Gefühlte Preissteigerung

Das Mischbrot zum Beispiel. Musste der Mann an der Maschine 1960 ganze 20 Minuten für ein Kilo Brot arbeiten, sind es inzwischen nur noch 10. Trotz des höheren Realpreises ist Brot also nur halb so teuer wie damals. Überhaupt habe auch die Einführung des Euro das Leben letztlich gar nicht teurer gemacht, sagt Schröder. Schließlich hätten sich Preis- und Lohnanstieg vollkommen ausgeglichen. - Das mag sich zwar mathematisch nachweisen lassen, der normale Verbraucher wird derweil allerdings ungläubig den Kopf schütteln und kein Wort glauben, weiß Verbraucherpsychologe Stephan Grünewald. Für sein aktuelles Buch "Deutschland auf der Couch" hat der Psychotherapeut Tausende von Deutschen befragt. "Im Interview haben wir den Eindruck, als ob wir Preissteigerungen von 20 oder gar 40 Prozent haben, das ist aber nur eine gefühlte Verteuerungstemperatur."

Obwohl das Leben in Deutschland mathematisch nachweisbar für den Durchschnittsbürger in den letzten 45 Jahren nicht teurer wurde, wird trotzdem beständig über steigende Kosten geklagt. Zu dieser Diskrepanz kommt es laut Grünewald, da "die positiven Botschaften generell überlagert werden durch pessimistische Haltungen". Preissteigerungen blieben eben stärker im Gedächtnis als Preisrückgänge. So komme es zur gefühlten Inflation.

Genereller Teuerungsargwohn

Ernährung - Hähnchen vom Grill Hühnerfleisch

Hähnchen ist billiger als früher

Dabei gibt es auch Beispiele für Produkte, die absolut betrachtet billiger werden. "Das sind Bohnenkaffee und das Brathähnchen", sagt der Statistiker Schröder. Während der absolute Preis von Kartoffeln, Damenstrumpfhosen, Herrensporträdern und Normalbenzin zum Teil drastisch angezogen hat - sind Kaffee und Hühnchen viel billiger als damals. Würde man die gemeine Hausfrau von 1960 in den modernen Supermarkt beamen, würde die Gute sich zwar heillos wundern, an der Kasse aber für beide Produkte weniger zahlen. Nur auf den Kabeljau sollte sie verzichten. Denn für den muss man im Jahr 2006 nicht nur mehr bezahlen, sondern auch länger arbeiten. "1960 musste man für ein Kilo Kabeljau weniger als eine Stunde arbeiten und heute etwas länger", sagt Schröder. Im Warenkorb, den Schröder über die Jahrzehnte verglichen hat, ist der Fisch mit dem weißen Fleisch und der schmackhaften Leber, das einzige Produkt für das man heutzutage länger arbeiten muss als damals. Eine gute Nachricht. Auch wenn das nichts an der von Grünewald festgestellten gefühlten Verteuerungstemperatur ändert. "Am Ende des Jahres steht die Mehrwertsteuer ins Haus und wir werden sehen - ob wir Weltmeister sind oder nicht - dass die alten Probleme immer noch nicht gelöst sind." Dann benutzt Grünewald das schöne Wort "genereller Teuerungsargwohn". Und genau den bringen die Menschen auch auf den Bonner Marktplatz mit. Die Sonne scheint trotzdem und mathematisch betrachtet ist hier heute alles billiger als früher.

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