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Wirtschaft

Die gefühlte Inflation

Der Euro ist im Wahlkampf angekommen. Viele Verbraucher machen den "Teuro" für Preissteigerungen verantwortlich. Politiker und Boulevardpresse rufen zum Boykott überteuerter Geschäfte auf.

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Euro-Scheine im Café

"Mein Trinkgeld ist weniger geworden", schimpft eine Kellnerin im Gespräch mit DW-WORLD. "Mit der D-Mark war das alles kein Problem, aber jetzt rechnen die auf jeden Pfennig ab". Die Euro-Umstellung sei für sie alles andere als reibungslos verlaufen. Auch der Gemüsehändler hat seine Probleme. Beim Blumenkohl muss er auf dem Großmarkt bis zu fünf Euro pro Stück bezahlen. "Die Leute glauben mir nicht, dass die Preise gestiegen sind," sagt er und rät seinen Kunden, sich bei der Konkurrenz zu informieren. Da müsste man unter Umständen noch mehr bezahlen.

"Keinen Cent für Euro-Preistreiber"

Die Boulevardpresse macht indes mobil gegen die "Euro-Abzocker" und ruft die Verbraucher zum Boykott einzelner Geschäfte auf. Die Stimmungsmache fällt auf fruchtbaren Boden: Zwar haben sich die Verteuerungen eindeutig auf einzelne Waren oder Branchen beschränkt, doch entscheidend ist nach Meinung der Volkswirte die "gefühlte" Inflation. Die Verbraucher haben den Eindruck, sie hätten weniger Geld und die Preise seien überall gestiegen.

"Der seit Jahresbeginn erlittene Umsatzeinbruch ist kaum noch aufzuholen", meint Hermann Franzen, Präsident des Hauptverbandes des Deutschen Einzelhandels. Im Vergleich zum Vorjahr beklagt der Einzelhandel im ersten Quartal 2002 Einbußen bis zu 4,5 Prozent. Die Verbraucher drehen den Geldhahn zu und konsumieren weniger. Das zwingt den Einzelhandel zu stärkeren Rabatten und Sonderangeboten.

Der "Teuro" als Wahlkampfthema

Das gewachsene Misstrauen zwischen Einzelhandel und Verbrauchern ist allerdings weniger auf die Einführung des Euro als auf die lahmende Konjunktur zurückzuführen. In Wahlkampfzeiten endeckt die Politik den "Teuro" als Thema: Die Kabinettsmitglieder Hans Eichel, Walter Riester und Renate Künast riefen zum Boykott von so genannten Euro-Preistreibern auf. Die Bundesregierung stellte fest, dass das Vertrauen in die Selbstregulierung des Handels "offensichtlich ausgenutzt worden" ist.

Tatsächlich überließ die Bundesregierung die Preisfestsetzung nach der Währungsumstellung dem Einzelhandel. Da die Einzelhändler Preise mit psychologischer Kaufwirkung anstreben, kam es zu Auf- und Abrundungen, meist auf die "9" an der zweiten Stelle hinter dem Komma. Wenn ein Pfund Nudeln bisher 1,99 DM kostete, wäre die genau Umrechung exakt 1,02 €. Der Handel zeichnete aber meist neue Schwellenpreise aus, also in diesem Fall entweder 99 Cent oder 1,09 €.

Verbot von Preissteigerungen in Frankreich

Auch die europäischen Nachbarn habe ihre "Teuro"-Debatten - außer Frankreich: Hier wurden dem Handel per Gesetz Preisaufschläge verboten. Ist der Euro ein europäischer Preistreiber? Über diese Frage diskutierten die europäischen Verbraucherschutzminister am Dienstag (21. Mai 2002) in Brüssel. Und kommen zu dem Ergebnis: nur in einigen Bereichen.

Nach Zahlen der Europäischen Kommission hat vor allem die Gastronomie kräftig aufgeschlagen: Cafe- und Restaurantbesuche und Hotelübernachtungen seien deutlich teurer geworden, aber auch einfache Dienstleistungen wie der Friseurbesuch. Allerdings sei der Aufschlag im statistischen Mittel kaum spürbar. Der Blick auf den offiziellen deutschen Warenkorb bestätigt diese Einschätzung: In der Addition der darin enthaltenen 750 Artikel hat die neue Währung die Preise kaum nach oben getrieben.

Schwarze Listen im Internet?

Auf ein bisschen Wahlkampf wollte die deutsche Verbraucherschutzministerin Renate Künast dennoch nicht verzichten: Sie rief die Verbraucher dazu auf, nicht mehr in überteuerten Geschäften einzukaufen. Außerdem können man schwarze Schafe öffentlich anprangern - zum Beispiel auf speziellen Internet-Seiten.

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