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Digitales Leben

Die Gedanken sind natürlich nicht frei

Lust auf Empörung? Heute im Programm: ein echtes Aufregerthema. Zukunftsangst, Datenklau, ein bisschen asiatischer Plüsch und ein elektrisches Skateboard inklusive.

Sehr geehrte Damen und Herren, wir leben in Zeiten der medialen Erregungskultur. Ein Aufreger jagt den nächsten. Empörung, Ekel und Entsetzen treiben uns an. Während sich deutsche und internationale Medien langsam auf die Datenbrille von Google einschießen und mindestens den Untergang des Orients und des Okzidents prognostizieren, sind wir hier, bei mir, Ihrem Serviceanbieter natürlich weiter. Meilenweit.

Seit 300 Jahren

Ton läuft. Kamera läuft. Klappe. Und bitte. Wir sehen eine Blumenwiese im Sommerwind. Die sanfte Brise lässt die Halme rascheln. Ein langsamer Kameraschwenk nach rechts. Wir vernehmen das kindliche Summen einer Melodie. Es handelt sich um das deutsche Volkslied "Die Gedanken sind frei" - ein Klassiker seit fast 300 Jahren. Immer wieder war das Lied Ausdruck der Sehnsucht nach Freiheit und Unabhängigkeit. Vor allem in Zeiten politischer Unterdrückung oder Gefährdung.

Die Kamera schwenkt weiter. Ein blondes Mädchen sitzt im Gras, gedankenverloren lässt sie Sand über ihren Arm rieseln. An dieser Stelle wird der Redakteur des kritischen Fernsehbeitrags später texten: "Lina M. dachte an diesem Moment vielleicht an ihre Eltern, an ihr Zuhause und an das Mittagessen, als durchtriebene Datendiebe ihr den Standort des elterlichen Wohnhauses und die Zugangsdaten für die Eingangstür nahmen. Gedankendiebstahl - ein neues Übel unserer Zeit....“

Kreditkartenklau

Ja, ja, ja - das geht natürlich gar nicht. Zumindest nicht, wenn das arme Kind auf der Blumenwiese keine Elektrodenmatte um den Kopf gespannt bekommt. Wenn aber doch, dann geht das wohl. Einem internationalen Forscher-Team aus Wissenschaftlern der University of California in Berkeley, der Oxford University und der Universität Genf gelang es im vergangenen Jahr, bei Versuchen mit 28 Testpersonen unter anderem die Standorte der Wohnungen und die PINs für die Kreditkarten auszulesen.

Und damit herzlich willkommen in der munteren Welt der Gedankensteuerung. Verlassen wir dafür schleunigst die Welt der Labore. Die Welt hier draußen an der frischen Luft ist so viel schöner. Hier kann man inzwischen mit der reinen Kraft der Gedanken unter anderem: ein elektrisch betriebenes Skateboard steuern, lustige Puschelohren den gegenwärtigen Zustand des allgemeinen Befindes anzeigen lassen oder mit riesigen Kopfhörern nur noch Musik hören, die zur momentanen Stimmung passt.

Die Elektrodenkappe auf dem Kopf des Mannes erkennt die Aktivität seiner Hirnareale, die von dem angeschlossenen Computer in die Bewegung des Flipperhebels umgewandelt werden. Foto: Jochen Lübke dpa/lni

Flippern durch Gedankenübertragung - kein Scherz!

Verwirrt und platt

Das ist keine Hexerei. Denn das Funktionsprinzip ist erstmal verhältnismäßig einfach und einleuchtend. Ärzte nutzen die Methode der Elektroenzephalografie schon seit den 1920er Jahren. In aller Kürze: Nerven tauschen Signale durch elektrochemische Impulse aus. Durch eine Haut-Widerstandsmessung kann man diese Nervenaktivität sichtbar machen. Und anderweitig nutzen. Zum Beispiel, um ein Computerspiel zu steuern.

Das Mindset von Neurosky sieht zum Beispiel aus wie ein ganz normaler Kopfhörer. Allerdings mit einem dritten Arm, der auf der Stirn liegt und misst. Wer zum ersten Mal so ein Gestell auf dem Kopf hat, sich dann konzentriert und dann merkt, dass dieser Vorgang reale Auswirkungen hat - damit kann man zum Beispiel ein Männchen auf einem Computerscreen steuern - der ist erstmal verwirrt und dann ziemlich platt.

So viel Spaß

Das alles funktioniert noch nicht immer sensationell gut. Auch wenn das japanische Kollektiv Neurowear die Puschelohren etwas großspurig mit dem Satz "Wir haben ein neues menschliches Organ kreiert, das Gehirnstromsensoren nutzt“ anpreist. Das klingt nach Science-Fiction und ist doch inzwischen im Elektromarkt angekommen. Eigentlich kein Grund sich aufzuregen. Aber das macht nun mal so viel Spaß. Den meisten Menschen vermutlich mehr, als elektrische Skateboards oder Flipperautomaten mit einem Gehirnstrom-Gestell auf dem Kopf zu steuern.

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Marcus Bösch

DW-Netzkolumnist Marcus Bösch

Marcus Bösch war irgendwann 1996 zum ersten Mal im Internet. Der Computerraum im Rechenzentrum der Universität zu Köln war stickig und fensterlos. Das Internet dagegen war grenzenlos und angenehm kühl. Das hat ihm gut gefallen.

Und deswegen ist er einfach da geblieben. Erst mit einem rumpelnden PC, dann mit einem zentnerschweren Laptop und schließlich mit geschmeidigen Gerätschaften aus aalglattem Alu. Drei Jahre lang hat er für die Deutsche Welle wöchentlich im Radio die Blogschau moderiert. Seine Netzkolumne gibt es hier jede Woche neu.

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