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Politik

Die Furcht der Europäer vor dem Abseits

Die Diskussion über die Aufhebung der UN-Sanktionen gegen den Irak kommentiert Peter Philipp. Er findet sie schlicht absurd.

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"Erst kommt das Fressen, dann die Moral" - diese Feststellung des deutschen Schriftstellers Bertolt Brecht hat wieder neue Bedeutung gewonnen. Denn bei den Kriegsgegnern in Europa zermartert man sich nun das Gehirn, wie man wohl ohne allzu großen Gesichtsverlust am "Goldfieber" teilnehmen könne, das der angekündigte Wiederaufbau des Irak auslösen dürfte. Der Vorschlag, die Vereinten Nationen hierbei einzuschalten, ist aus europäischer Sicht durchaus verständlich, denn ein solches Gremium dürfte bei der Vergabe lukrativer Aufträge anders entscheiden als Washington, das sich in erster Linie selbst bedienen und erst viel später die "Koalition der Willigen" belohnen will.

Genau deswegen ist man in den USA ja auch nicht bereit, der UNO die von den Europäern geforderte Rolle zuzugestehen, und genau deswegen kommt es jetzt auch zu der mehr als

absurden Diskussion über die Aufhebung der UN-Sanktionen gegen den Irak. Washington fordert die Aufhebung, um möglichst bald irakisches Öl verkaufen und mit den Einnahmen Wiederaufbaumaßnahmen finanzieren zu können. In Europa zögert man. Formalistisch, weil der Irak ja immer noch nicht nachweisbar abgerüstet habe, in Wirklichkeit aber, weil man befürchtet, immer mehr ins Abseits gedrängt zu werden. Und es ist mehr diese gemeinsame Furcht als der Beginn einer neuen gemeinsamen Strategie, die die Europäer in diesen Tagen eint.

Nicht gerade die beste Ausgangsposition, denn Europa macht sich dadurch weiterhin manipulierbar. Nachdem man Washington auch mit Hilfe der Vereinten Nationen nicht am Kriege hatte hindern können, dürfte es kaum gelingen, den Amerikanern einen UNO-Frieden für den Irak aufzuzwingen. Es wird wohl bleiben, wie es schon seit geraumer Zeit ist: Die einzige Supermacht der Welt gibt den Ton an, auch in der UNO, und wer nicht mitspielt, der hat das Nachsehen.

Die einzige Chance, dass sich hieran etwas ändert, liegt in der Hoffnung, dass Washington einsieht - und das möglichst bald - dass Wiederaufbau und Demokratisierung des Irak Aufgaben sind, die weitaus komplizierter und auch gefährlicher sind als der Krieg es war, und dass die USA deswegen gut beraten wären, die Verantwortung hierfür auf möglichst viele Schultern zu verlagern - die Vereinten Nationen und die EU wie auch die Arabische Liga.

Von solch einer Erkenntnis ist Washington freilich noch weit entfernt. Aber das sollte Europa vielleicht nicht daran hindern, mehr an die Not und Bedürfnisse des Irak und seiner Bevölkerung zu denken als an die eigenen Profit-Chancen, so schwer das bei so viel Dollar-Milliarden auch fallen mag.