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Nahost

Die Frommen und die Nahost-Politik

Der Palästina-Konflikt war von Anfang an mehr als ein Kampf um Land. Religion spielt sowohl bei den Israelis als auch bei den Palästinensern eine große Rolle. Fromme Eiferer beider Seiten belasten die Verhandlungen.

Ultra-orthodoxe Juden in Jerusalem (Foto:ap)

Ultra-orthodoxe Juden lauschen ihrem Rabbi in Jerusalem

"Jetzt nehmen wir das Land unserer Väter in Besitz. Nach Jahrtausenden ist es uns endlich vergönnt, mitzuerleben, wie die Verheißungen des Alten Testaments Wirklichkeit werden. Und darum muss der Siedlungsbau weitergehen. Ein Baustopp widerspräche dem religiösen Auftrag." So oder ähnlich klingen die Ausführungen jüdischer, meist orthodoxer Siedler in den besetzten Gebieten, nachzulesen etwa in entsprechenden Reportagen der "Jerusalem Post". Viele orthodoxe Juden haben vor allem ein religiöses Verständnis von Israel und den Israelis. Ihre Standpunkte beziehen sie aus den Heiligen Schriften. Für private Belange ist gegen eine solche Position nichts einzuwenden. Problematisch wird sie aber, wenn mit ihr auch politische Forderungen der Gegenwart begründet werden.

Israelische Soldaten schützen eine Gruppe jüdischer Siedler (Foto:dpa)

Israelische Soldaten schützen eine Gruppe jüdischer Siedler in Hebron im Westjordanland.

Absolute Positionen

Ein solcher Standpunkt, so die in New York lehrende Historikerin Rakefet Zalashik, mache die Friedensverhandlungen ausgesprochen schwierig. Wenn sich Politik und Religion miteinander verbänden, übten beide einen stärkeren Einfluss aus, erläutert Zalashik. Sie neigten dann weniger zu politischen und diplomatischen Kompromissen und Lösungen. Die Auseinandersetzung drehe sich mit einem Mal um absolute Positionen, die keinerlei Kompromisse zuließen. Und das mache die Dinge für Verhandlungen sehr schwierig.

Militante Anhänger der Hamas in Gaza-Stadt (Foto:ap)

Militante Anhänger der Hamas in Gaza-Stadt

Aber auch von Seiten der Palästinenser zeigen sich fromme Verhärtungen. Auch die den Gaza-Streifen regierende Hamas verbindet politische mit religiösen Forderungen. Eine eindeutige Unterscheidung ist kaum noch möglich. Zudem, so die ehemalige Bildungsministerin der palästinensichen Autonomiebehörde, Hanan Ashrawi, führe die Hamas ein strenges religiöses innenpolitisches Regiment. Zwar sei die Partei durch die Wahlen legitimiert, sagt Ashrawi, die jetzt Vorsitzende der Initiative "Miftah" zur Förderung des palästinensisch-israelischen Dialogs ist. Übersehen werde aber, dass das palästinensische Volk von Zensur, Gedankenkontrolle, von Zwang und Bücherverboten ausgesprochen wenig halte. Ebenso sei es mehrheitlich dagegen, Internet-Cafés aus religiösen Gründen zu schließen. Trotzdem schüchtere die Hamas die Bevölkerung ein, sie verböte den Menschen, sich zu treffen, und Demonstrationen abzuhalten. So entstehe nach außen leicht der Eindruck, die Bewohner des Gaza-Streifens pflegten alle das gleiche – religiös geprägte – Weltbild.

Enttäuschte Hoffnungen

Handschlag zum Oslo-Abkommen 1993 (Foto:ap)

Vom Oslo-Abkommen 1993 blieben nur enttäuschte Hoffnungen übrig

Manches spricht allerdings dafür, dass die religiösen Verhärtungen auch Ausdruck konkreter Enttäuschungen sind. Denn die Hoffnungen, die beide Seiten in den vor anderthalb Jahrzehnten beginnenden Friedensprozess und die Vereinbarungen von Oslo steckten, sind gründlich enttäuscht worden. Und wenig spricht dafür, dass es jetzt zu einer tiefgehenden Verständigung kommt. Diese Enttäuschungen, erläutert Rakefet Zalashik, erklärten, warum der Konflikt auch eine starke religiöse Komponente habe. Zwar verhandle Ministerpräsident Netanjahu mit den Amerikanern nicht auf religiöser Grundlage. Ihm gehe es um Politik. Aber selbst, wenn er einige dieser religiösen Argumente für richtig halte, gehe es im Kern um etwas anderes. Darum nämlich, dass viele Israelis nicht mehr an den Friedensprozess glauben. Seitdem das Oslo-Abkommen gescheitert ist, die Hamas im Gazastreifen die Macht übernommen hat und die Position von Mahmud Abbas´ immer schwächer geworden ist, rechneten viele Israelis kaum mehr mit einer friedlichen Einigung. Selbst diejenigen, die keine dezidiert rechten Ansichten hätten, zeigten sich vom Friedensprozess enttäuscht. Die Möglichkeit zweier künftiger Staaten sähen sie einigermaßen skeptisch. Die Atmosphäre habe sich gegenüber den 90er Jahren, zu Beginn des Friedenprozesses, sehr verändert.

Zerstörerische Religion

Blick auf den Tempelberg in Jerusalem (Foto:ap)

Wäre der Nahe Osten ohne Religion besser dran?

Wie also stehen die Chancen der nun erneut einsetzenden Verhandlungen? Ihre Chancen würden steigen, meint Hanan Ashrawi, wenn religiöse und politische Argumente deutlich voneinander getrennt würden. Denn der Kern der Auseinandersetzungen liege in der Politik – und der seien Vermischungen mit religiösen Anliegen noch nie gut bekommen. Wer den Konflikt als religiösen zu beschreiben suche, verhindere dessen Lösung. Denn Religion wirke immer dann zerstörerisch, wenn sie für politische Zwecke missbraucht würde. Die gelte für alle Konfessionen: die christliche Liga in den USA, fundamentalistische Bewegungen im arabisch-islamischen Raum und auch für ultraorthodoxe Siedler, die ihre politischen Positionen mit dem Alten Testament begründeten. So konträr die Positionen zwischen Israelis und Palästinensern auch sind, in einem sind sich die Gemäßigten beider Seiten einig: Der Konflikt muss auf politische und juristische Fragen begrenzt werden. Religiöse Argumente sind bei allen Verhandlungen fehl am Platz. Könnten sich die Vertreter beider Seiten darauf einigen und würden sie die Ächtung der Religion in ihren Verhandlungen beherzigen, wären die Aussichten, am Ende zu einer Lösung zu kommen, zumindest nicht mehr ganz so klein.

Autor: Kersten Knipp
Redaktion: Thomas Latschan