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Europa

"Die Franzosen bangen um ihre nationale Identität"

Der heutige Terroranschlag ist Zeichen einer wachsende Radikalisierung unter Teilen der französischen Muslime. Er spiegelt aber auch einen wachsenden Zweifel an den Prinzipien der Republik, meint Claire Demesmay.

DW: Frau Demesmay, islamistische Terroristen haben heute eine Gasfabrik in Saint-Quentin Fallavier angegriffen. Überrascht Sie dieser Anschlag?

Claire Demesmay: Ja und nein. Ein Anschlag kommt immer überraschend. Doch restlos überrascht ist man trotzdem nicht, wenn man die angespannte Situation im Land kennt. In Paris etwa sieht man vor allen Synagogen und jüdischen Schulen Polizisten. Der Alarmzustand ist unübersehbar. Man hat also mit einem Anschlag gerechnet. Die Frage war nur, wo und wann.

DW: Der Anschlag gegen das Satiremagazin "Charlie Hebdo" und den jüdischen Supermarkt "Hyper Cacher" in Paris hat das Land erschüttert. Wie hat sich seitdem die Diskussion über den Dschihadismus einerseits und die Integration andererseits entwickelt?

Die Diskussion dreht sich um beides: den Dschihadismus und die Regeln des Zusammenlebens. Dabei gibt es zwei Aspekte. Der erste konzentriert sich auf die Kontrollen. Diese sollen verschärft werden. Mitte dieser Woche wurde ein Überwachungsgesetz verabschiedet, mit dem man besser gegen Terrorismus vorgehen will. Die Maßnahmen gehen sehr weit, das Gesetz ist umstritten.

Auf der anderen Seite sprechen sich viele Politiker und Intellektuelle für einen französischen Islam aus – also einen Islam, dessen gesellschaftliche Regeln in Zusammenarbeit mit dem französischen Staat vereinbart werden. Da betrifft zum Beispiel die Ausbildung von Imamen. Im Grunde geht es um die bessere Integration des Islams in die französische Gesellschaft.

Sie erwähnten gesellschaftliche Spielregeln. Die wurden bislang immer von dem Modell der französischen Republik vorgegeben. Mehr und mehr scheint es aber, als verliere die Republik ihre prägende Kraft.

Die französischen Bürger sind verunsichert was das Zusammenleben und die kollektive Identität angeht. Viele fragen sich, was heutzutage die Republik ausmacht. Der Begriff "Republik" ist konsensfähig. Es ist kein Zufall, dass Nikolas Sarkozy seine Partei, die ehemalige UMP, in "Les Républicains" ("Die Republikaner") umbenannt hat. Denn der Begriff und die Idee der Republik werden in Frankreich grundsätzlich positiv bewertet. Allerdings ist die Bedeutung nicht immer eindeutig. Darum gibt es Verunsicherung: über den Begriff der Republik wie auch darüber, was Frankreich ausmacht und ob die nationale Identität zukunftsfähig ist.

Zudem stellt sich die Frage, wie man mit der Religion umgeht. Frankreich ist eine laizistische Gesellschaft. Religion hat in der Öffentlichkeit keinen Platz. Mit der wachsenden Präsenz des Islam in der französischen Öffentlichkeit nimmt allerdings die Verunsicherung zu. Denn man erkennt, dass die Religion immer noch eine Rolle spielt – sogar eine immer größere.

Außerdem fragen sich derzeit viele Franzosen, wie sich Chancengleichheit ermöglichen lässt. Neben der "liberté" (Freiheit) ist die "égalité" (Gleichheit) eine der Grundsäulen der Französischen Republik. Und die ist geährdet.

Frankreich steckt seit Jahrzehnten in einer wirtschaftlichen Krise. Kann man vor diesem Hintergrund sämtliche Franzosen integrieren – auch und gerade ökonomisch?

Das ist meiner Ansicht nach eine zentrale Frage. Wie kann man Leuten ermöglichen, die jetzt keine Stelle haben, wieder Teil des wirtschaftlichen und sozialen Lebens zu werden? Denn Menschen, die sozial abgehängt wurden, gibt es ja nicht nur in den Banlieues. Viele leben auch in den Städten oder Dörfern der Peripherie. Einige dieser Franzosen schotten sich ab, fliehen in soziale Ghettos. Andere aber beginnen sich für radikale Ideen zu interessieren: den Rechtsextremismus des Front National ebenso wie den Dschihadismus.

In manchen Landesteilen ist die Jugendarbeitslosigkeit sehr hoch. Ein Viertel der Jugendlichen sind im Durchschnitt betroffen. Das ist zwar weniger als in manchen europäischen Ländern im Süden. Aber es ist dennoch sehr hoch. Und in den Banlieues beträgt sie noch einmal das Doppelte, betrifft also die Hälfte aller dort lebenden Jugendlichen. Solange es nicht möglich sein wird, diese Leute wirtschaftlich zu integrieren, wird Integrationspolitik scheitern.

Frankreich ist eine multikulturelle Gesellschaft. Für wie hoch schätzen sie die Bereitschaft der Franzosen, diese anzuerkennen?

Frankreich ist vielfältig. Dennoch war der multikulturelle Traum dort noch nie ausgeprägt. Im Gegenteil, das Ideal besteht für viele darin, eine kulturelle Einheit zu bilden. Die derzeitige Identitätskrise hat mit Zuwanderungs- und Integrationsfragen zu tun, aber nicht nur. Der Staat hat nicht mehr die gleiche Rolle wie vor 20, 30 Jahren. Die Veränderungen, die die Globalisierung und die europäische Integration mit sich bringen, tragen auch zur Verunsicherung bei. Es gibt weitere Faktoren. So ist die französische Sprache nicht mehr so bedeutend wir vor einigen Jahren. Frankreich ist das Land, in dem die Angst vor der Globalisierung im EU-Kontext am stärksten ist. All dies fördert eine tiefe Verunsicherung. Die Menschen sehnen sich nach einem festen Rahmen mit klaren Antworten. Sie fragen sich, wer sie sind und wie sie ihre Kultur auch in Zukunft behalten und weitergeben können. Es geht ihnen darum, ihre kollektive Identität zu erhalten. Und das führt zu Verkrampfungen.

Die Politologin Claire Demesmay ist Expertin für die Migrations- und Integrationspolitik Frankreichs und Deutschlands. Sie ist Programmleiterin im Programm Frankreich/deutsch-französische Beziehungen bei der Deutschen Gesellschaft für Auswärtige Politik (DGAP).