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Kultur

Die Frage nach dem Recht auf Schönheit

Die israelische Künstlerkolonie "Ein Hod" bei Haifa ist ein friedlicher Ort in einem unfriedlichen Land. Nun wird sie 50 Jahre alt - und fragt sich nach ihrem Auftrag.

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"Strahlend schön": Haifa

"Strahlend schön bei Tage und funkelnd in der Nacht", so wirbt die 500.000 Einwohner zählende Hafenstadt in Hochglanzbroschüren nicht ganz zu unrecht. Schließlich wird Haifa zu den schönsten Städten der Welt gerechnet. Ihr Wahrzeichen ist der Bahai-Tempel mit der weithin sichtbar goldenen Kuppel, und im israelisch-palästinensischen Konflikt gilt die Stadt als Musterbeispiel der friedlichen Koexistenz zwischen Arabern und Juden.

Doch die letzten Terrorakte haben das Bild erschüttert. Anfang März 2003 kamen bei einem Anschlag auf einen Linienbus 15 Menschen ums Leben. Im Oktober sprengte sich eine Selbstmordattentäterin in einem Restaurant in die Luft. 18 Menschen starben. In Haifa ist das Leben zunehmend unkalkulierbar geworden. Auch in "Ein Hod", der 20 Kilometer weiter südlich gelegenen renommierten Künstlerkolonie, gehört die Auseinandersetzung mit dem Terror inzwischen zum Berufsalltag vieler Menschen - ob unmittelbar oder nur als Randerscheinung.

Der Traum vom Bohemien

In diesem Jahr feiern sie das 50-jährige Bestehen ihres Dorfes. 1953 hatte Marcel Janko, der Mitbegründer der avantgardistischen Dada-Bewegung, die Künstlerkolonie aus den Ruinen eines arabischen Dorfes aufgebaut. Der gebürtige Rumäne war als Flüchtling nach Israel gekommen und suchte einen Ort, an dem er seinen Traum verwirklichen konnte: Den Traum von einem abgeschirmten Leben als Bohemien.

Janko selbst war es, der festlegte, welche Künstler nach "Ein Hod" kommen durften. Heute sind die Regeln ein wenig gelockert. Eine fünfköpfige Jury entscheidet über die Aufnahme eines neuen Künstlers. Geblieben ist das internationale Renommee, das Menschen aus aller Welt nach "Ein Hod" lockt - für immer oder nur für ein befristetes Projekt.

Suche nach dem Dialog

Heute arbeitet noch die Hälfte der 200 Einwohner "Ein Hods" von und für die Kunst. Ob es sich um Malerei, Skulpturen, Architektur, Tanz oder Photographie handelt, hier oben - auf einem kleinen Hügel nahe der berühmten Karmel-Berge - gibt es viele Formen der politischen Vision Ausdruck zu verleihen. Jüdische, arabische und drusische Künstler suchen den Dialog. Insgesamt sind mehr als 50 Nationen in "Ein Hod" vertreten.

"Schöne Dinge"

"Manchmal frage ich mich schon, was ich in diesen Tagen hier eigentlich mache", sagt Arie Ofir. Seit zehn Jahren lebt der in Tel Aviv geborene Künstler in "Ein Hod". "Dann denke ich: Ja, ich mache schöne Dinge. Aber gleichzeitig frage ich mich auch, ob ich in dieser Zeit das Recht dazu habe und ob ich mich nicht mehr für politische Kunst engagieren sollte. Na ja, letztlich mache ich dann doch mein Ding."

Die Krone des Gesetzes

Jerusalem - city of gold copper and light (1996) von Arie Ofir

Ofir steht mit seinem Konflikt keineswegs alleine da. Seit der Gründung des Staates Israel im Jahre 1948 pendelt die Kultur des Landes immer wieder hin und her: Auf der einen Seite intensives politisches Engagement, auf der anderen Seite der Rückzug ins Private. Seit dem Ausbruch der zweiten Intifada im Herbst 2000 hat sich der Trend zum Privaten verstärkt - wenngleich die internationale Szene von israelischen Künstlern oft eine politisch eindeutige künstlerische Aussage verlangt.

Politik - etwas außerhalb des Ateliers?

Im Moment werkelt der gelernte Designer Ofir an filigranen Antennen für Solar-Telefone. Seine letzte intensive Auseinandersetzung mit der Politik liegt schon über drei Jahre zurück. Damals kam der frühere US-Präsident Clinton zu Besuch. Ofir schenkte ihm eine Menora, einen der berühmten siebenköpfigen Leuchter. Seitdem findet die Politik für ihn irgendwo außerhalb der Ateliers statt.

Viele seiner Kollegen in "Ein Hod" sehen das zurzeit anders. Für sie ist die Künstlerkolonie ein wichtiger Ort des politischen Protests. "Natürlich hat die politische Situation in diesem Land meine Arbeit beeinflusst", sagt etwa der Künstler Dan Chamijez. "Schauen Sie sich diese Skulptur an der Dorfmauer an, eine große Landkarte Israels. Das ist meine persönliche ’road map’: ein Israel ohne die besetzen Gebiete. Ich habe sie aus ganz altem Stein gehauen – vielleicht auch eine Art Vision."

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