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Deutschland

Die frühe Fitness-Königin

Weg mit dem Korsett und Sport treiben: Mit ihren Anleitungen zum Frauenturnen löste die deutsch-amerikanische Gymnastikpäpstin Bess Mensendieck Ende des 19. Jahrhunderts die erste weltweite Fitness-Welle aus.

Bess Mensendieck demonstriert ihre Übungen (Foto: DW)

Bess Mensendieck demonstriert ihre Übungen

"Der menschliche Körper ist eines der wunderbarsten Naturgebilde, die es gibt." So schreibt Bess Mensendieck im Jahr 1906. Ihr erstes Buch heißt "Körperkultur des Weibes". Wenn es nach ihr geht, soll jede Frau ihren Körper so trainieren, dass er – ganz ohne Korsett – gesund und schlank bleibt. Bess Mensendieck selbst ist die mutige Vorturnerin. Detailliert beschreibt sie gymnastische Übungen für den ganzen Körper, zum Beispiel zur Kräftigung der Wirbelsäule und zur Straffung der Bauchdecke. Zum leichteren Nachturnen zeigt sie die Übungen zusätzlich auf Fotos. Das Modell ist sie selber – hüllenlos. Das Buch darf deswegen nur an Frauen verkauft werden.

Sportpädagogin Liz Jansen unterrichtet heute, mehr als hundert Jahre später, ebenfalls körperbewusste Frauen in einem renommierten Kölner Fitness-Studio. Sie weiß, wie ungeheuerlich Mensendiecks Forderung für die Frau des 19. Jahrhunderts gewesen sein muss, jetzt, da von außen gegebener Halt verloren ging. "Das war eine Revolution - mit Angstfaktoren für die Frauen.“

Die Fitness-Königin der Jahrhundertwende

Nicole Vaessen praktiziert Mensendieck-Therapie (Foto: DW)

Nicole Vaessen praktiziert Mensendieck-Therapie

Bess Mensendiecks Lehren fallen auf fruchtbaren Boden. Ihr erstes Buch wird ein Bestseller. Noch sechs weitere Bücher über Wege zu natürlicher Gesundheit und Schönheit für Frauen folgen. Dank Mensendieck wird es selbstverständlich, dass Frauen Sport treiben und ein gesundes Körperbewusstsein entwickeln. Im Jahr 1910 eröffnet sie mitten in Berlin unweit des Kurfürstendamms ihr erstes eigenes Gymnastik-Institut. In kürzester Zeit folgt ein ganzes Netz von Mensendieck-Schulen in Europa und Amerika.

Der Film wird auf sie aufmerksam In dem Stummfilmklassiker von 1925 "Wege zu Kraft und Schönheit" sind zwei Sequenzen enthalten, in denen Bess Mensendieck bei ihrer Arbeit mit Gymnastikschülerinnen gezeigt wird. Das „Mensendieken“ ist so populär, dass der Chansonnier Willi Rosen sogar einen Schlager darüber schreibt: „Frau Levy mensendiekt“ wird ein Gassenhauer, den bald jeder kennt. Eine Odeon-Aufnahme von 1926 ist bis heute erhalten.

Über Umwege nach Deutschland

Deckblatt der Noten zum Schlager Frau Levy mensendiekt (Foto: DW)

Deckblatt der Noten zum Schlager "Frau Levy mensendiekt"

Bess Mensendieck ist die Fitness-Königin des frühen 20. Jahrhunderts. Ein Weltstar. Ihr Privatleben hält sie dagegen streng geheim. Ihr Geburtsort ist unbekannt. Das Geburtsjahr ist vielleicht 1864, vielleicht auch 1867. Aufgewachsen ist sie in New York. Ihre Eltern sind offenbar sehr wohlhabend und vermutlich europäischer Abstammung. Früh übersiedelt sie selbst wieder nach Europa. Sie studiert Gesang, Bildhauerei, Tanz, Gymnastik und Anatomie. Durch ihre Heirat mit dem deutschen Arzt Hermann Mensendieck wird aus der geborenen Elisabeth Marguerite von Varel – auch ihr Mädchenname ist nicht wirklich belegt – die deutsche Staatsbürgerin Dr. Bess Mensendieck.

Ob sie selbst promoviert hat, oder nur den Titel ihres Gatten übernimmt, ist nicht gesichert. Vollkommen sicher ist dagegen die Qualität ihrer Methode. "Man kann die Übungen und die Bildtafeln, die sie einsetzte, eins zu eins ins heutige Training übertragen", sagt Sportlehrerin Liz Jansen. Lediglich an Feinheiten müsse man arbeiten, die Übungen seien gut und funktionell.

Mensendiecken jetzt auch für Männer

Vorderseite des Buches Körperkultur des Weibes von Bess Mensendiek (Foto: DW)

Vorderseite des Buches Körperkultur des Weibes von Bess Mensendiek

In Norwegen, Schweden, Dänemark und den Niederlanden ist die Methode Mensendieck auch im 21. Jahrhundert wieder außerordentlich populär. Aus der reinen Gymnastik für Frauen ist inzwischen eine Physiotherapie für Männer, Frauen und Kinder geworden. Nicole Vaessen betreibt eine Mensendieck-Praxis im niederländischen Heerlen. Sie setzt modernes Mensendiecken gegen Schmerzen ein, die durch falsche Körperhaltung entstehen. Zum Beispiel Nacken-, Rücken- oder Kopfschmerzen. Falscher Gebrauch der Muskulatur könne vielfältige Schmerzen verursachen, die durch Mensendieck-Therapie wieder verschwinden, sagt sie. Der besondere Vorzug der Methode liege darin, dass die Patienten die Übungen später auch ohne den Therapeuten und ganz nach Bedarf durchführen können.

Moderne Haltungsschäden, z. B. durch Computerarbeit, erlebt Bess Mensendieck selber nicht mehr. Obwohl sie bis zu ihrem 90. Geburtstag Unterricht gibt. Trotz ihrer langen Karriere gelangen niemals Details aus ihrem Privatleben an die Öffentlichkeit. Hartnäckige Reporter vertröstet die Hochbetagte auf eine Biographie, die nach ihrem Tod erscheinen soll. Es wird aber nie dazu kommen. Bess Mensendieck verwischte gekonnt alle Spuren ihrer Person. Sie will durch ihre Arbeit wirken. 1957 stirbt sie, da ist sie fast 100 Jahre alt. Ihr größter Wunsch, selbst der beste Beweis für die Wirksamkeit ihrer Methode zu sein, ist in Erfüllung gegangen.

Autor: Catrin Möderler

Redaktion: Michael Borgers