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Globale Zusammenarbeit

Die Folgen von Rana Plaza

Die Bilder vom eingestürzten Rana Plaza-Gebäude in Bangladesch gingen um die Welt, zeigten sie doch das hässlichste Gesicht der globalisierten Textilindustrie. Doch wie nachhaltig war die Aufregung?

Es ist traurig, aber wahr: Mehr als 1100 Tote und 1600 Verletzte waren nötig, um auf die verheerenden Arbeitsbedingungen in der Textilindustrie aufmerksam zu machen. Vor einem Jahr stürzte die Fabrik Rana Plaza bei Dhaka ein - die größte Industriekatastrophe von Bangladesch machte weltweit Schlagzeilen und bahnte den Weg für längst überfällige Abkommen. Nur wenige Wochen nach dem Einsturz des Gebäudes konnten jahrelange Verhandlungen über Gebäude- und Brandschutzstandards für die Textilindustrie in Bangladesch erfolgreich beendet werden. Große internationale Bekleidungsfirmen - darunter auch viele deutsche - traten dem Abkommen bei und übernahmen somit Verantwortung für die Arbeitsbedingungen bei ihren Lieferanten.

"Nach Rana Plaza haben wir die starke Öffentlichkeit nutzen können, um endlich, endlich das verbindliche und transparente Abkommen zum Gebäude- und Brandschutz durchzusetzen", sagt Frauke Banse von der deutschen Kampagne für Saubere Kleidung, Teil des pan-europäischen Netzwerkes Clean Clothes Campaign.

Ohne Druck ändert sich nichts

Bitter, so Banse im DW-Gespräch, sei allerdings, dass erst eine Katastrophe solchen Ausmaßes passieren musste, um ein überfälliges Abkommen durchzusetzen. "Bis Rana Plaza sind wir auf taube Ohren gestoßen", berichtet sie. "Ohne den öffentlichen Druck, der da stattgefunden hat, hätten wir es nicht schaffen können".

Textilfabrik in Bangladesch - Foto: C. Meyer (DW)

Textilfabrik in Bangladesch: Teilweise verheerende Arbeitsbedingungen

Auch der internationale Entschädigungsfonds für die Opfer von Rana Plaza, der im November gegründet wurde, kam erst nach öffentlichem Druck zustande. An dem Fonds sollen sich die Textilfirmen beteiligen, die die Arbeit in den Fabriken im Auftrag gegeben hatten. Bisher sind erst rund 15 der erforderlichen 40 Millionen US-Dollar zusammengekommen. Dass der Fonds überhaupt zustande gekommen sei, liege auch an den Kampagnen und an der öffentlichen Meinung, sagt der Vizegeneralsekretär der Internationalen Arbeitsorganisation (ILO), Gilbert Houngbo.

"Als ILO haben wir weder ein Mandat noch ein Interesse dran, solche öffentlichen Kampagnen zu unterstützen", gibt er zu bedenken. "Doch ich muss zugeben, dass die Kampagnen von vielen NGOs und auch den Medien sehr hilfreich waren, um die beteiligten Käuferfirmen für das Thema zu sensibilisieren", sagt Houngbo der DW. Die ILO hat die Verhandlungen über den Entschädigungsfonds für die Opfer geleitet und verwaltet ihn mit der deutschen Gesellschaft für Internationale Zusammenarbeit (GIZ).

Großes Medieninteresse

Der öffentliche Druck entstand vor allem durch die umfassende weltweite Berichterstattung. Auch in Deutschland beschäftigten sich Nachrichtensendungen, Magazine, Talkshows und Verbraucherprogramme mit der Katastrophe von Bangladesch. Das Medienecho sei erstaunlich gewesen, meint Christian Thorun, Gründer und Leiter von Conpolicy, einem Institut für Verbraucherpolitik, das sowohl die Politik als auch Unternehmen berät.

"Das Thema Arbeitnehmerrechte in Bangladesch war vor fünf Jahren ein Randgruppenthema", sagt Thorun und verweist auf die Kampagnenarbeit, die von vielen NGOs aktiv betrieben wurde und die letztendlich dazu geführt habe, dass auch deutsche Unternehmen das Gebäude- und Brandschutzabkommen unterzeichneten. "Das zeigt auf jeden Fall, dass solche zivilgesellschaftlichen Aktionen Märkte verändern können."

Demonstrierende Textilarbeiterinnen in Dhaka - Foto: Shariful Islam (Xinhua)

Demonstrierende Textilarbeiterinnen in Dhaka: "Erstaunliches Medienecho"

Druck vom Minister

Jetzt macht auch das zuständige Mitglied der Bundesregierung Druck: Für den 30. April hat der deutsche Entwicklungsminister Gerd Müller einen Runden Tisch über Sozialstandards und ökologische Mindeststandards in der Textilindustrie einberufen. Eingeladen sind Vertreter der deutschen Textilindustrie und Handel, Gewerkschaften und zivilgesellschaftliche Arbeitsrechtsinitiativen wie die Kampagne für Saubere Kleidung.

Dem Minister geht es dabei zunächst um freiwillige Selbstverpflichtungen von Industrie und Handel, damit ökologische, soziale und arbeitsrechtliche Mindeststandards in den Produktionsländern eingehalten werden. Als Ergebnis könne ein Internetportal entstehen, wo der Verbraucher bei seinem Sakko oder Kostüm anhand des Strichcodes überprüfen kann, ob der Hersteller diese Mindeststandards einhält, sagte Müller in einem ARD-Interview. In einem zweiten Schritt könne dann ein Siegel entstehen, das vernünftige Löhne und ökologische Mindeststandards bei der Produktherstellung garantiert.

Bundesentwicklungsminister Gerd Müller - Foto: Soeren Stache (dpa)

Entwicklungsminister Müller: Strichcode für Mindeststandards

Sollte es in den Gesprächen am Runden Tisch nicht gelingen, transparente freiwillige Selbstverpflichtungen durchzuführen, werde der Entwicklungsminister auch verbindliche gesetzliche Regelungen in Erwägung ziehen, versichert ein Ministeriumssprecher.

Umstrittenes Siegel

Weder Einzelhandel noch NGOs halten jedoch viel von einem neuen Siegel. Den einen geht es zu weit, den anderen nicht weit genug. "Wir haben verschiedene Selbstverpflichtungsinitiativen bereits gesehen und ihre sehr, sehr begrenzte Wirkung schon beobachtet", führt Frauke Banse von der Kampagne für Saubere Kleidung an. Sie sähe lieber eine verbindliche Gesetzgebung, wo die Auftraggeber in den Industrieländern für die Arbeitsbedingungen in Entwicklungsländern wie Bangladesch mit haftbar gemacht werden könnten.

Für Stefan Wengler, Geschäftsführer der Außenhandelsvereinigung des deutschen Einzelhandels, geht es bei einem neuen Siegel vor allem um die Durchführbarkeit. "Ein solches Siegel soll garantieren, dass die betreffende Ware während der gesamten Lieferkette vom Baumwollfeld bis zum Konsumenten unter ökologisch und sozial sauberen Aspekten hergestellt wurde", sagt Wengler, der die meisten deutschen Importeure repräsentiert. Die Branche hat einen Jahresumsatz von rund 230 Milliarden Euro.

Es gebe jedoch so viele Glieder in der Lieferkette, "dass es schlicht und ergreifend in der Praxis nicht zu machen ist". Wengler nennt dabei die Rohstoffbeschaffung und die mehrfachen Transportwege, die entstehen, wenn in einem Land gewebt, in einem anderen gefärbt, in einem dritten zugeschnitten und genäht wird, bevor die Ware dann letztendlich zum Verbraucher gelangt. "Für den letzten Teil der Lieferkette wäre es machbar", fügt er hinzu und verweist auf die "Business Social Compliance Initiative" (BSCI), mit der Unternehmen sich freiwillig verpflichten, soziale Standards einzuhalten.

Trotz ihrer Bedenken werden sich sowohl die Außenhandelsvereinigung des deutschen Einzelhandels als auch die Kampagne für Saubere Kleidung zusammen mit anderen deutschen Akteuren an den Gesprächen am Runden Tisch des Entwicklungsministeriums beteiligen.

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