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Afrika

Die Folgen der Arabellion

Der Sturz des libyschen Machthabers Gaddafi hat die Sahel-Zone erschüttert. Mali ist davon besonders betroffen. Die Folgen des Arabischen Frühlings wirken sich aber auch in anderen afrikanischen Ländern aus.

Ein Tuareg-Rebell mit Satelliten-Telefon in Mali (Foto: Ferhat Bouda)

Ein Tuareg-Rebell mit Satelliten-Telefon in Mali

Der Termin für die Wahl eines neuen Präsidenten stand bereits fest. Doch darauf wollten die malischen Soldaten nicht warten. Ende März 2012, vier Wochen vor der geplanten Abstimmung, putschte die Armee Präsident Amadou Toumani Touré aus dem Amt. Das Argument der Soldaten: Der Präsident sei unfähig gewesen, die Lage im Land zu kontrollieren und sich gegen die rebellierenden Stämme im Norden durchzusetzen. Bereits seit Anfang des Jahres kämpften die Tuareg und ihre Verbündeten mit zunehmendem Erfolg gegen die Regierung in der Hauptstadt Bamako. Nicht zum ersten Mal – aber das erste Mal mit Hilfe von Söldnern, die bis vor einigen Monaten noch im Dienst des getöteten libyschen Machthabers Muammar al-Gaddafi gestanden hatten. Das wollten sich einige malische Offiziere nicht länger bieten lassen. Sie übernahmen selbst die politische Führung.

Militärputsch in Mali

Malis gestürzter Präsident Amadou Toumani Touré (Foto: DPA)

Malis gestürzter Präsident Amadou Toumani Touré

Seit diesem Militärputsch herrscht allerdings noch mehr Chaos in Mali: Die Verfassung wurde außer Kraft gesetzt, die Präsidentschaftswahl gestrichen und die Auflösung aller staatlichen Institutionen erklärt. Von den Soldaten unbeabsichtigt, verlieh der Staatsstreich den Stämmen im Norden noch mehr Schlagkraft - und das wussten die Tuareg und ihre Verbündeten für sich zu nutzen: Die Rebellen überrannten nicht nur den gesamten Norden, sondern auch das im Westen gelegene Timbuktu. Am 6. April 2012 riefen sie die Unabhängigkeit Nordmalis aus. Der neue Staat "Azawad" umfasst vor allem das Gebiet der Tuareg, die sich bereits seit langem von den wechselnden Regierungen in Bamako vernachlässigt fühlen.

Demokratisches Musterland

Flüchtlinge aus dem Norden Malis in der Hauptstadt Bamako

Flüchtlinge aus dem Norden Malis in der Hauptstadt Bamako

Im Norden des Landes haben jetzt die Tuareg-Rebellen der Nationalen Bewegung für die Befreiung des Azawad (MNLA) und ihre Verbündeten das Sagen, darunter die islamistische Gruppe Ansar Dine und Al-Qaida im islamischen Maghreb (AQIM). "Im Vergleich zu Diktaturen wie unter Mubarak und Gaddafi hatten sich in den Sahel-Staaten einigermaßen stabile Demokratien gebildet", sagt Mali-Experte Marco Scholze von der Universität Frankfurt rückblickend. Gerade die Republik Mali galt lange Zeit als demokratisches Musterland. Mit einer Verfassung, zahlreichen Parteien und einer Nationalversammlung hatte sich das Land in den vergangenen Jahrzehnten von einem Einparteienstaat in eine mehr oder weniger funktionierende Demokratie verwandelt.

Rückkehr der Söldner Gaddafis

Doch davon scheint in Mali nun nicht mehr viel übrig zu sein. Im Gegenteil: Hier sind die negativen Folgen des so genannten Arabischen Frühlings besonders deutlich zu spüren. Die meisten afrikanischen Söldner, darunter viele Tuareg, die lange Jahre in Gaddafis Truppen gedient hatten und sich in Libyen ihren Lebensunterhalt verdienten, sind seit dem Sturz des libyschen Machthabers in ihre Heimatländer zurückgekehrt – nach Mauretanien, Niger, in den Tschad und nach Mali. Ihre Waffen haben sie mitgenommen. "In Libyen wurden die Munitions- und Waffendepots geplündert", sagt Marco Scholze. "Die zirkulieren jetzt in der ganzen Region." Kein Wunder also, dass die Tuareg-Rebellen der MNLA nun besonders schlagkräftig sind. "Auch früher gab es schon Tuareg-Rebellionen, und die politische Lage in Mali war bereits seit einer ganze Weile angespannt", sagt Judith Vorrath von der Stiftung Wissenschaft und Politik (SWP). "Aber durch die Situation in Libyen und durch die Waffen und Kämpfer ist das Ganze auf die Spitze getrieben worden."

Bewaffnete Auseinandersetzungen

Moussa Ag Assarid, Sprecher der MLNA (Foto: Xavier Malafosse)

Moussa Ag Assarid fungiert als Sprecher der MLNA

Weder von der demoralisierten malischen Armee noch von den mit ihr verbündeten Milizen drohen den international nicht anerkannten Separatisten ernsthafte Konsequenzen. Auch die Afrikanische Union hält sich bisher zurück. Lediglich in der westafrikanischen Wirtschaftsgemeinschaft (ECOWAS) erwägt man zurzeit die Entsendung von 3000 Soldaten nach Mali, verhandelt aber gleichzeitig mit Putschisten und Separatisten. Die größte Gefahr für den neuen Staat "Azawad" kommt aber von innen. Denn die Rebellenarmee der Tuareg (MNLA) und die islamistische Gruppe Ansar Dine haben unterschiedliche Ziele. Während Ansar Dine und die mit ihr verbündete Al-Qaida im islamischen Maghreb (AQIM) einen islamistischen, auf der Scharia basierenden Staat errichten wollen, lehnt die Mehrheit der Menschen in der Region dieses Vorhaben ab. Mittlerweile ist es bereits zu ersten bewaffneten Zwischenfällen zwischen den säkularen Rebellen der MNLA auf der einen und Kämpfern von Al-Qaida und ihren Verbündeten von Ansar Dine auf der anderen Seite gekommen.

Organisierte Terror-Gruppen

Kämpfer der islamistischen Gruppe Ansar Dine (Foto: AP/dapd)

Kämpfer der islamistischen Gruppe Ansar Dine

Bewaffnete Auseinandersetzungen wie diese sind nichts Neues in der Region. Bereits seit den 1990er Jahren hatte sich in den Sahel-Staaten eine Zone der Instabilität gebildet. Sie wurde durch den algerischen Bürgerkrieg nur noch verstärkt. Eine Minderheit der um ihren Wahlsieg in Algerien gebrachten Islamisten organisierte sich in verschiedenen terroristischen Gruppen neu. Sie gingen 2006 in dem Netzwerk Al-Qaida im islamischen Maghreb auf. AQIM verfügt außer in Mali über Einfluss in Niger und Mauretanien und hat enge Kontakte zu lokalen kriminellen Netzwerken, die vom zunehmenden Drogen- und Menschenschmuggel nach Europa profitieren. Inzwischen gibt es erste Hinweise auf eine Zusammenarbeit zwischen AQIM und den radikalislamischen Terroristen der Boko Haram in Nigeria sowie den ebenfalls mit Al Qaida alliierten Milizen der Al Shabab in Somalia, was besonders die USA alarmiert hat.

Unkontrollierte Grenzen

Vor diesem Hintergrund wirkte der Sturz Gaddafis wie ein Brandbeschleuniger. Neben 300.000 bis 400.000 Gastarbeitern strömten Tausende ehemalige Soldaten und Söldner Gaddafis zurück nach Mali, Niger, Mauretanien oder in den Tschad zurück – und mit ihnen Waffen aus Libyen. "Der Norden Malis besteht weitgehend aus Wüste", erklärt Judith Vorrath von der SWP. "Da werden die Grenzen, die auf der Karte eingezeichnet sind, nicht kontrolliert. Dort siedeln sich Tuareg und kriminelle Netzwerke an. Das sind sozusagen weitgehend unkontrollierte Räume." Beobachter fürchten nun, dass sich in der Sahelzone eine neue terroristische Gefahr etablieren könnte.