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Europa

Die Flüchtlingszelte von Linz

Krieg, Flucht, Zeltstadt. Für einige Flüchtlinge in Österreich endet ihre Odyssee unter Planen auf einem Sportplatz in Linz. Alison Langley hat sie besucht.

Die Männer schlafen in schmalen Feldbetten aus Stahl, im Schutz weißer Zeltplanen. Auf einem Sportplatz in Linz, Oberösterreich, stehen ihre Zelte.

Ebrahim Vasei kommt aus dem Iran. Über Bulgarien ist er nach Österreich gereist. 17 Tage verbrachte er unterwegs als Geisel serbischer Menschenschmuggler, die ihn erst nach der Zahlung von Lösegeld gehen lassen wollten.

Sara Touray stammt aus Gambia. Der 29-Jährige bezahlte Schlepper in Libyen, die den jungen Mann in einem Boot kurz vor der italienischen Küste zurückließen.

Amir Hossain ist Afghane. Zu Fuß machte sich der 22-Jährige über die Türkei, Bulgarien, Serbien und Ungarn auf den Weg nach Österreich. Geblieben sind Blasen an seinen Füßen.

Fadi Fakahani ist aus Damaskus geflohen, fast auf der gleichen Route wie Hossain. Er verließ seine Heimat Syrien, als die Kämpfe zwischen Regierungstruppen und "Islamischem Staat" immer mehr zunahmen.

Nass, aber sicher

Neben den Zelten von Vasei, Touray, Hossain, Fakahani und mehr als 100 weiteren Flüchtlingen drehen Läufer ihre Runden über die Aschenbahn des Sportparks in Linz. Ungerührt joggen sie, den leichten Regen scheinen sie nicht wahrzunehmen. In den Zelten haben die Flüchtlinge sich unter blauen Decken verkrochen, sie sitzen da und hören dem Brummen der Generatoren zu, die einige Heizstrahler antreiben.

Zelte als Unterkunft für Flüchtlinge in Linz, Österreich (Photo: DW/Alison Langley)

Die Zelte seien eine Übergangslösung, sagen die Behörden in Linz

Eine Gruppe von Männern, die vor einer Woche ankam, ist in eine Turnhalle umgezogen, um Platz zu schaffen für Neuankömmlinge. Auch Fakahani kann jetzt unter einem festen Dach schlafen. Die Zeltstadt in Oberösterreich erinnere ihn an die Rot-Kreuz-Lager im Libanon, sagt Fakahani. Dabei sei er ja nun in Österreich. "Ein reiches Land."

Ein anderer Flüchtling hinter ihm meldet sich zu Wort, Anwar Baban, aus Bagdad. "Es ist ein sicheres Land." Sehr schön sei es. "Wir haben hier Frieden gefunden. Was sollen sie machen, viele Leute kommen hierher." Mit Regen, mit der Kälte hier könne er leben, sagt der Iraker: "Kein Morden, keine Miliz, kein IS."

Auch Vasei aus dem Iran betont, er wolle sich nicht beschweren: "Manchmal hat man keine Wahl." Er lächelt, obwohl er mit einer Erkältung zu kämpfen hat, seit er vor drei Tagen hier ankam. Vasei möchte keine Aufregung verursachen. Er möchte in Österreich bleiben.

Kein Raum zum Wohnen

Österreichs Innenministerin Johanna Mikl-Leitner sagt, es gebe nicht genug Platz im Land. Neuen Wohnraum könnten lokale und nationale Behörden nicht schnell genug bereitstellen. Mehr als 10.000 Menschen haben in Österreich allein im ersten Jahresviertel Asyl beantragt, 150 Prozent mehr als im gleichen Zeitraum ein Jahr zuvor. Und die Zahlen steigen weiter. Insgesamt 310 Flüchtlinge sind in Linz, Thalham und Salzburg in Zelten untergebracht. Auch in Deutschland wird darüber nachgedacht, Flüchtlinge in Zelten unterzubringen. Volker Türk, stellvertretender UN-Flüchtlingskommissar, sagte bei seinem Besuch in Wien: "Flüchtlinge zu isolieren, ist Vogel-Strauß-Politik. Das funktioniert nicht."

Vasei und die anderen Flüchtlinge in Linz waren zuerst in einem Auffanglager in Traiskirchen, eine halbe Stunde Autofahrt von Wien entfernt. Dort war es so voll, dass sie auf dem Boden schlafen mussten. Tagsüber gingen sie umher, es gab nicht genug Stühle, um sich zu setzen. Vor einigen Tagen dann wurden sie in Bussen zum Sportplatz nach Linz gebracht. Viele waren schockiert, als sie die Zelte sahen.

Freiheit auf Feldbetten

"In Libyen habe ich in einem Zimmer geschlafen", sagt Touray aus Gambia. Er sitzt am Rand seines Feldbetts. Zwischen ihm und dem nächsten Bett: knapp ein Meter Platz. Am Boden unter ihm: eine graue Plane, die nach neuem Plastik riecht. Am Fußende seines Bettes: ein schmales Schließfach, in dem er all seine Besitztümer untergebracht hat.

Zelte als Unterkunft für Flüchtlinge in Linz, Österreich (Photo: DW/Alison Langley)

Alles, was Vasei besitzt, passt in diesen Metallschrank

Jeweils acht Personen schlafen in einem Zelt, alles junge Männer. Ihre nassen Kleider hängen sie zum Trocknen an die Befestigungsschnüre, die die Zelte aufrecht halten. Einige Steckdosen versorgen sie mit Strom aus dem Generator. Touray stöpselt sein Telefon ein. Auch Hossain gehört zu denjenigen, die ein Smartphone besitzen. Er zeigt Bilder seiner Eltern. Die anderen reden, während er weiter auf den kleinen Bildschirm starrt.

Mittagessen, Langweile, Abendessen

Vasei zeigt sein Abendessen: zwei Brötchen, Aufschnitt und ein Apfel. Das hat man ihm zum Ende des Mittagessens gegeben. Über das Essen beschweren möchte er sich nicht. Widerlich seien aber die beiden einzigen Toiletten für 140 Männer im Lager, sagt er. Über den Sportplatz müssen die Männer dorthin laufen, Treppenstufen hinauf, einen Flur hinunter. Für diesen Toiletten-Gang hat ihm jemand einen Regenschirm geschenkt, der jetzt über seinem Bett hängt.

Die Beamten in Österreich seien netter als die in Bulgarien, erzählt Vasei. Dort sei er einmal verprügelt worden, hier dagegen sei die Polizei freundlich. Die Langeweile in den Zelten jedoch macht den Männern zu schaffen. Sie besitzen kaum etwas, dürfen nicht arbeiten. Die 40 Euro, die sie monatlich erhalten, reichen nicht weit. Kaum einer der Flüchtlinge spricht Deutsch oder Englisch. Sprachkurse gibt es nicht, wer will, erhält Übungsblätter zum Deutschlernen.

Keine Ruhe zwischen den Zeltstangen

Die Männer in den Zelten sind offensichtlich nervös, viele bitten um Hilfe mit Papieren und Formularen. Die Zelte machen sie unruhig, sie sind ein Symbol für vorübergehende Unterbringung. "Bedeutet das, dass wir bald wieder fortgeschickt werden?", so fragen sie. Niemand würde ihnen darüber Auskunft geben, sagen Vasei, Hossain und die anderen im Zelt.

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