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Welt

Die Flüchtlingsdebatte zwischen Zahl und Moral

Immer mehr Menschen sind weltweit auf der Flucht. Ihnen zu helfen, ist moralisch verpflichtend. Eine Erinnerung an den Soziologen Max Weber hilft, den Streit darüber zu entschärfen.

Die Fregatte 'Schleswig-Holstein' rettet Flüchtlinge im Mittelmeer (Foto: dpa)

Die Fregatte "Schleswig-Holstein" rettet Flüchtlinge im Mittelmeer

Die Zahl steht. Was fehlt, sind moralische Maßstäbe. Weltweit sind rund 65 Millionen Menschen auf der Flucht. Die Hälfte der Flüchtlinge sind Kinder. "Die Liste der Probleme ist lang, und sie sollte uns um den Schlaf bringen", sagte Filippo Grandi, UN-Hochkommissar für Flüchtlinge, anlässlich des Weltflüchtlingstags. Grandi nannte eine weitere Zahl: "Während im Jahr 2005 durchschnittlich sechs Menschen pro Minute entwurzelt wurden, sind es heute 24 pro Minute - das sind statistisch zwei Menschen pro Atemzug."

Die Frage, die insbesondere die Europäer - als direkte Nachbarn der großen Fluchtregionen – beschäftigt, ist so einfach wie kaum eindeutig zu beantworten: Wie lässt sich so vielen Menschen helfen?

Im Jahr 2015 hat Deutschland von allen EU-Staaten in absoluten Zahlen die meisten Flüchtlinge aufgenommen, nämlich über eine Million. Seitdem wird diskutiert: Kann das Land weitere Flüchtlinge aufnehmen? Oder ist eine Kapazitätsgrenze erreicht? Die Ansichten darüber gehen auseinander – oft bis zur Unversöhnlichkeit.

Binnenflüchtlinge im südlichen Sudan (Foto: Getty Images)

Die große Zahl: Binnenflüchtlinge im südlichen Sudan

Max Weber und die Ambivalenz der Ethik

Der Streit ist auch darum so heftig, weil er die Europäer unausweichlich in die Pflicht nimmt. "Der Begriff des Flüchtlings ist immer intrinsisch normativ", schreibt der Philosoph Konrad Ott in seinem Buch "Zuwanderung und Moral". "Man versteht seine Bedeutung nicht, ohne zu wissen, dass sein korrekter Gebrauch jede moralische Person in die Pflicht nimmt."

Die Spannungen, die sich aus ethischen Pflichten und den unklaren Möglichkeiten ihrer Umsetzung ergeben, hat der Soziologe Max Weber (1864-1920) auf eine berühmte Formel gebracht: Er unterschied zwischen Gesinnungsethik auf der einen und Verantwortungsethik auf der anderen Seite.

Der Volkswirtschaftler und Soziologe Max Weber (Foto: dpa)

Theoretiker der Moral: Max Weber (1864-1920)

Die Gesinnungsethik ist radikal: Sie benennt das moralisch oder sittlich Gebotene, ohne Rücksicht auf die Folgen seiner Umsetzung. Die Gesinnungsethik leistet der Gesellschaft einen hohen Dienst: Sie gibt ihr einen moralischen Maximalwert an die Hand, an dem sie dessen konkrete Umsetzung messen kann.

Der Gesinnungsethik gegenüber steht die Verantwortungsethik. Sie interessiert sich vor allem für die Folgen, die sich aus der Umsetzung des moralisch Gebotenen ergeben. Verantwortungsethiker wissen um die Erfordernisse der Moral. Sie nehmen aber auch die Auswirkungen ihrer Umsetzung in den Blick.

Das Gebotene und das Mögliche

Übertragen auf die Flüchtlingskrise heißt das derzeit: Wie viele Flüchtlinge kann - zum Beispiel - Deutschland aufnehmen? Die Stärke von Webers Begriffspaar liegt darin, das sie keine Ausflüchte zulässt: "Fragen wir nach dem Gesollten und Gebotenen, wollen wir wissen, was welche Akteure tun oder unterlassen sollen - nicht, was diese Akteure tun oder unterlassen möchten", schreibt der Philosoph Jan Brezger in dem Sammelband "Welche und wie viele Flüchtlinge sollen wir aufnehmen?". "Erst wenn wir also wissen, was moralisch geboten ist, sollten wir dann im Streben nach der bestmöglichen Umsetzung die politischen Macht- und Mehrheitsverhältnisse in den Blick nehmen."

An diesem Punkt tritt die Verantwortungsethik auf den Plan. Sie ist nüchtern, und darum für den Geschmack vieler uninspiriert und grau. In der Tat gibt es gute Gründe, ihr zu misstrauen: Allzu leicht kann sie als Ausflucht dienen, um sich den durch die Gesinnungsethik formulierten Pflichten nicht zu stellen. Das in diesem Fall vorgetragene Argument lautet dann, man sei überfordert. "Wir können nicht", heißt dann nicht sehr viel anderes als: "Wir wollen nicht." Und weil wir nicht wollen, tun wir so, als könnten wir auch nicht.

Moral und Messbarkeit

Zugleich aber liefert die Verantwortungsethik zumindest in der Tendenz ernsthafte und ethisch vertretbare Argumente gegen die Maximalforderungen der Gesinnungsethik. Doch auch sie kann nicht mit exakten Richtwerten dienen. Wann genau, fragt die Philosophin Maria Luisa Frick, wissen etwa die Deutschen, dass sie die Integration tatsächlich nicht bewältigen? "Wenn die Anzahl der unerledigten Asylanträge diejenigen der abgeschlossenen um das Zehnfache übersteigt oder 'nur' um das Fünffache? Wenn Zehntausende Menschen in einem Jahr immer noch in provisorischen Unterkünften leben müssen? Wenn die bereinigten Kosten der 'Flüchtlingskrise' diesen oder jenen Prozentsatz des Bruttoinlandsprodukts ausmachen? Wenn 'nur' ein Drittel der Asylberechtigten oder subsidiär Schutzberechtigten dauerhaft auf Transferleistungen angewiesen bleiben, ohne je den Eintritt in den ersten oder zweiten Arbeitsmarkt zu schaffen?"

Die Flüchtlingskrise wirft Fragen auf, die sich eindeutig nicht beantworten lassen. Der Streit zwischen Gesinnungs- und Verantwortungsethik, schrieb darum Max Weber, sei "unaustragbar". Das ist einerseits beklemmend. Andererseits aber auch erleichternd. Denn wenn das moralisch Gebotene grundsätzlich nicht eindeutig zu definieren ist – dann besteht auch kein Anlass, die Debatte auf eine Weise zu emotionalisieren, die alle Sachlichkeit hinter sich lässt.

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