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Kultur

Die Fitness-Falle

Die allerbeste Lüge ist die, mit der man sich selbst belügt. Und das funktioniert besonders gut, wenn man den eigenen inneren Schweinehund foppen will. Silke Wünsch beschreibt in ihrer Kolumne, wie das am besten geht.

Eine junge Frau beim Training für Ausdauer auf Ergometer (Bild: Fotolia)

In Deutschland trainieren mehr als sechs Millionen Menschen in Fitness-Clubs. Die gut 5700 Studios gibt es von der Luxusvariante mit Sauna und Schwimmbad bis hin zu riesigen Fitness-Tempeln, in denen hunderte Sportgeräte stehen. Fast alle Clubs bieten Kurse an – Body-Workout, Bauchweg-Training, Aerobic, Yoga, Pilates und vieles mehr. Die Studios kosten je nach Ausstattung zwischen 20 und 70 Euro im Monat, dafür kann man aber auch so oft dort trainieren wie man will. So weit, so gut.

Bauchumfang mit Maßband (Bild: Picture Alliance)

Ob das was wird mit der Wespentaille?

Ich habe mich entschieden, das Wagnis mal wieder einzugehen: Bereits zum vierten Mal starte ich nun das Schlank-und-schön-Projekt. Wieder möchte ich meinen Körper stählen, wieder ein paar Kilos verlieren. Was mich trotz der Erfahrungen aus meiner erfolglosen Fitness-Vergangenheit wieder in die Falle tappen lässt, ist der traurige Anblick des hübschen Cocktailkleids, das einsam im Kleiderschrank hängt, weil ich nicht mehr reinpasse.

Hinzu kommt das unschlagbare Angebot eines neuen Fitnesscenters bei mir um die Ecke. Nichts kann mich mehr aufhalten. Diesmal plane ich, VOR der großen Weihnachtsschlemmerei so fit zu werden, dass mir Spekulatius, Weihnachtsgans und Glühwein nicht mehr zusetzen können.

Erfolgreiche Verführungstaktik

Frauen im Fitness Studio (Foto: illuscope)

Es hat doch etwas von einer Folterkammer...

Um mich zu motivieren, kaufe ich mir direkt ein neues Fitness-Outfit. Schließlich will man sich ja dafür belohnen, dass man vorhat, von nun an täglich Sport zu treiben. Derart motiviert, sprich: frisch ausstaffiert mit Fitness-Dress, Fitness-Schuhen, Fitness-Getränk und einem neuen weißen Frotteehandtuch betrete ich das Studio. Mit einer Mischung aus Faszination und Mitleid beobachte ich die schuftenden Männer und Frauen, die sich an und auf verschiedensten Geräten abmühen. Zum Beispiel die rotgesichtige 90-Kilo-Dame auf dem Laufband. Tapfer reißt sie ihre Kilometer ab, aus den Ohren hängen die unvermeidlichen weißen Kabel der iPod-Kopfhörer. Direkt neben ihr keucht ein Mittvierziger, sein T-Shirt ist nass geschwitzt, da hilft auch das lässig um die Schultern gelegte Frotteetuch nichts. Ein muskelbepackter Türsteher-Typ trainiert seinen baumdicken Bizeps mit einer Langhantel, daneben macht eine junge Frau auf einer Trainingsbank Sit-ups, mit Todesverachtung im Gesicht. Hier quälen sich die Menschen freiwillig.

Die teilweise martialisch anmutenden Geräte sind nicht mein Ziel, mir ist eher nach einem der vielen Kurse, und heute Abend lasse ich mich zu Beginn meiner sportlichen Zukunft in die Geheimnisse einer neuen Fitness-Wunderwaffe einweihen: Zumba.

Der Check: Schwarte oder Sixpack?

Dieser kolumbianische Tanz verspricht, dass die Kilos schon nach kürzester Zeit wie von selber purzeln. Zumba besteht aus Elementen lateinamerikanischer Tänze wie Salsa, Merengue, Samba oder Cumbia. Das Ganze soll so schweißtreibend sein, dass man angeblich bis zu 1000 Kalorien pro Stunde verliert. Dazu muss man allerdings schon Hochleistungs-Zumba-Profi sein. Zum hohen Kalorienverbrauch sollen weitere angenehme Nebenwirkungen wie festere Pobacken und ein straffer Bauch hinzukommen. Das Werbeplakat mit den durchtrainierten Frauen vor dem Kursraum überzeugt mich vollends. Ich betrete den Saal, scanne meine Mitsportler auf bekannte Gesichter und stelle fest, dass sich nur Frauen im Raum befinden.

Manche brauchen meiner Meinung nach gar nicht hier zu sein, sie tragen ihre Waschbrettbäuche mit ihren bauchfreien Oberteilchen in einer fast schon obszönen Weise zur Schau. Vor meinem geistigen Auge erscheint mein eigenes Spiegelbild, das solche Qualitäten nicht aufweist. Ich schaue lieber in die andere Richtung, wo ein paar beleibtere Damen stehen; puh, wenn die hier mitmachen, dann fall' ich gar nicht auf.

Ein merkwürdiger Tanz

Fitness-Tanzgruppe Zumba Team zeigt Teile ihres Fitnessprogramms. (Foto: dpa)

Zumba sieht nicht bei jeder Frau so gut aus

Dann kommt schließlich doch ein Mann in den Raum. Er geht schnurstracks auf die Stereoanlage zu, reißt ein Headset an sich, setzt es sich auf. Per Mikrofon und Lautsprecher begrüßt er sein Publikum, stellt sich mit dem Namen Evo vor und kommt sofort zur Sache. Die Musik geht los, ein treibender Rhythmus - die Musik, zu der die Sängerin Shakira so toll mit dem Popo wackeln kann. Nach den ersten Schritten, die recht einfach sind, stellt sich schnell heraus, dass es nicht wesentlich schwieriger wird. Man muss sich keine komplizierten Schrittfolgen merken, wie bei Aerobic oder anderen Tanz-Workouts. Dafür sieht das, was man da macht, nicht unbedingt vorteilhaft aus. Man rüttelt und schüttelt sich zwar fleißig zu den pumpenden Beats, aber man ist eben doch keine Südamerikanerin. Die Frauen von dort können 150 Kilo wiegen und sehen dennoch sexy aus, wenn sie ihren Speck schütteln. Bei uns Europäerinnen wirkt es etwas unbeholfen. Gut, dass (fast) keine Männer im Kurs sind.

Nach einer dreiviertel Stunde weiß ich, was ich getan habe. Meine Wasserflasche ist leer, das Handtuch schweißgetränkt. Ich denke, dass ich die nächsten Tage Muskelkater haben werde.

Die Falle ist einfach gestrickt

Yoga Frau Meditation (Bild: Picture Alliance)

Ideal zum Abnehmen: Yoga tut nicht weh und macht schlank

Ich kann noch nicht sagen, wie lange ich es diesmal durchhalte. Natürlich bin ich erst mal hoch motiviert und euphorisch, ich pflege meinen Muskelkater, hänge mir das Kursprogramm neben die Wohnungstür.

Ich werde sie alle mitnehmen, die Yoga- und Pilates-Kurse, die Bauch-Beine-Po-Workouts. Und Zumba natürlich. Aber meine Erfahrung aus den letzten Versuchen sagt mir, dass die Begeisterung für das Schlank-und-schön-Projekt stets nach wenigen Wochen nachgelassen hat. Dann ging ich nicht mehr hin, zahlte aber weiter meine 50 Euro im Monat. Bis ich es irgendwann mal geschafft habe, dieses kleine Kündigungsschreiben aufzusetzen.

Diesmal aber ziehe ich es durch, schwöre ich mir, das Kleid wird bei der Silvester-Party wieder passen. Ich kann und will ich Ihnen jetzt nicht sagen, ob es wirklich klappt. Mein Sinn für die schönsten Lebenslügen ist stark: Ich werde meinen Körper stählen, ich werde ein paar Kilos verlieren, ich werde Silvester dieses Kleid tragen.

Mein Sinn für Realität, der gibt mir vier bis sechs Wochen.

Autorin: Silke Wünsch
Redaktion: Conny Paul