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Die Filzokratie – unentwirrbar verfilzt

Der Filz gehört zu den ältesten Stoffen der Welt. Noch bevor die Menschen begannen zu weben, haben sie Wolle zu Filz verarbeitet. Und heute? Heute ist der Filz weit verbreitet – allerdings in einer besonderen Form.

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Die Filzokratie – unentwirrbar verfilzt

Wenn man nasse Wolle knetet oder drückt, dann entsteht Filz. Denn Wolle hat eine schuppenartige Oberfläche. Beim Walken, also dem Bearbeiten der Wolle, verhaken sich diese Schuppen ineinander und können nicht mehr getrennt werden. Die einzelnen Wollfäden sind sozusagen unentwirrbar miteinander verknüpft, verfilzt.

Vom Filzen zum Filz

Mehrere Männer werden von Polizisten durchsucht

Hier wird gleich mehrfach gefilzt

Wenn jemand Wolle zu Filz verarbeitet oder Dinge aus Filz herstellt, dann heißt das filzen. Diese Handarbeit ist zwar im Rahmen des Do-it-yourself in letzter Zeit ziemlich populär geworden. Weitaus bekannter als die Handarbeit sind aber die übertragenen Bedeutungen des Wortes „filzen“.

Im Rotwelschen bedeutete „filzen“ die Kleidung einer Person auf ihre Sauberkeit hin zu untersuchen. Wenn ein reisender Handwerker in eine Herberge kam, wurde er zunächst gefilzt. Seine Kleidung wurde durchgekämmt und auf Flöhe untersucht. Aber nicht nur das: Oft wurde er dabei auch bestohlen. Wer heute gefilzt wird, der wird beispielsweise von der Polizei nach Waffen durchsucht.

Filz: undurchdringlich wie der Urwald

Filz ist ein Stoff, der nicht gewebt werden muss, er hält auch so. Welcher Wollfaden mit welchem verbunden ist, lässt sich im Nachhinein einfach nicht mehr feststellen. Und da haben wir ihn, den Filz, der unsere Gesellschaft durchdringt – oder hält er sie gar zusammen?

Immer dann, wenn nicht mehr festgestellt werden kann, in welcher Beziehung Menschen zueinander stehen, ja wenn noch nicht einmal klar ist, ob sie von ihren Beziehungen Vorteile haben oder nicht, spricht man von Filz. Filz ist undurchdringlich wie der Urwald. Er breitet sich aus – wie wuchernde Pflanzen.

Der Filz und seine Verwandten

Mehrere sogenannte Bananenhände

Viel Vitamin B ist nicht nur gesund, sondern auch nützlich

Von Filz spricht man, wenn Politiker und Wirtschaftsbosse undurchsichtige Absprachen treffen, wenn bei einer Bewerbung nicht nach Können, sondern nach Parteizugehörigkeit entschieden wird, wenn die Polizei verdächtig oft mit den Kriminellen Absprachen trifft, die sie doch eigentlich bekämpfen sollte, oder wenn mal wieder ein Posten in einer Regierung mit einem nahen Verwandten des Präsidenten besetzt wird. Die

Vetternwirtschaft

ist auch eine Art Filz. Eher harmlos ist das

Vitamin B

, eine scherzhafte Bezeichnung für nützliche Beziehungen. Genauso bildhafte Wörter, um zu beschreiben, wie Menschen voneinander abhängig sind, sind die Begriffe Filzokratie und

Seilschaft

.

Das Suffix „-okratie“ ist der Ausdruck für eine bestimmte Form der Herrschaft. Und die Seilschaft gibt es eigentlich beim Bergsteigen. Um sich gegenseitig sichern zu können, binden sich mehrere Bergsteiger mit einem Seil aneinander. Dabei besteht aber auch immer die Gefahr, dass einer alle anderen mit in die Tiefe zieht. Eine Seilschaft entsteht immer dann, wenn Menschen gemeinsam etwas Ungesetzliches tun, oder wenn sie über andere Dinge wissen, die nicht ans Licht kommen sollen. Wie beim Filz oder dem Klüngel sind sie dann voneinander abhängig und müssen zusammenarbeiten, ob sie wollen oder nicht.

Im Rheinland zuhause: der Klüngel

Bundeskanzler Konrad Adenauer sitzt an seinem Schreibtisch im Bonner Bundeskanzleramt

Ein Freund des Kölschen Klüngels: Konrad Adenauer

Eine regionale Ausprägung des Filzes, besonders im Rheinland beheimatet, ist der Klüngel. Das Wort bedeutet eigentlich „Knäuel“, also Wolle, die zu einer Kugel aufgerollt ist. Besonders bekannt ist der Kölsche Klüngel. In Köln gab es seit dem Mittelalter immer wieder einige reiche Familien, die die Stadt beherrschten. Anstatt sich zu bekämpfen, zogen sie es vor, Absprachen zu treffen. Das war natürlich friedlicher als der Kampf. Aber wenn jemand nicht zu diesem Kreis der Leute dazugehörte, hatte er keine Chance etwa auf einen Sitz im Stadtrat oder auf bestimmte wirtschaftliche Rechte.

Dieses Klüngelsystem hielt sich über die Jahrhunderte – bis heute. Nach außen gaben sich die regierenden Parteien verfeindet, nach innen hatten sie längst Absprachen getroffen, wer die besten Posten bekam. Da konnten die Bürger wählen, wen sie wollten, es kam immer dasselbe heraus. Der Klüngel wurde und wird als rheinische Lebensart verharmlost. Der erste Bundeskanzler der Bundesrepublik Deutschland und ehemalige Kölner Oberbürgermeister Konrad Adenauer wird gern mit dem Satz zitiert: „Man kennt sich und man hilft sich.“ Das klingt doch eigentlich nett, oder?

Filz und Korruption

Ein wildes Schaf mit 40 Kg Wolle am Körper

Es ist leichter, das Schaf von der Wolle zu befreien als die Politik vom Filz

Im Filz der Gesellschaft sind die Dinge undurchschaubar wie ein Stück Filz. Niemand weiß so richtig, wer von wem abhängig ist, wer wen beeinflusst, und wer – wie ein Marionettenspieler – die Fäden in der Hand hält. Solche undurchsichtigen Verhältnisse sind natürlich eine wunderbare Grundlage für Bestechung, Vorteilsnahme und Günstlingswirtschaft.

Doch weil Filz ja so undurchschaubar ist, ist es schwer bis unmöglich, irgendetwas nachzuweisen. Schwierig wird es allerdings, wenn etwa jemand, der bestochen wird, also korrupt ist, sich dabei erwischen lässt. Er stellt eine Gefahr für den gesamten Filzverband da, bildet eine Art Loch. Er gehört nicht mehr dazu und man muss den Entlarvten schnell loswerden, ihn opfern. Dann kann der Rest des Filzverbandes weiter bestehen.

Der Selbstreparatureffekt

Denn der menschliche Filz hat einen großen Vorteil gegenüber dem herkömmlichen Filzstoff. Er kann seine Löcher selbst reparieren. Davon können die Do-it yourself-Handarbeiter nur träumen.




Arbeitsauftrag
Wie sieht es in eurem Land aus? Gibt es dort auch Filzstrukturen? Seid ihr schon einmal auf Filz gestoßen und habt euch darüber geärgert? Erzählt in wenigen Sätzen, was ihr erlebt habt und diskutiert in eurer Lerngruppe darüber.

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