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Zum 65-jährigen Thronjubiläum

Die fiktionale Königin: Elizabeth II. in der Literatur

90 Jahre und davon 65 auf dem Thron: Dieses Leben sollte reichlich Stoff für Literaten bieten – genug Trouble gab es ja in der Familie der Queen. Wie kommt sie als Romanfigur oder auf der Bühne weg?

Helen Mirren als Queen Elizabeth II. (c) dpa/bildfunk

Die Schauspielerin Helen Mirren als Queen Elizabeth II.

Sie bestieg 1951 den Thron, sie regiert England, und sie bekommt es mit Geheimnisverrat zu tun. Aber so einiges stimmt nicht mit Königin Caroline. Der amerikanische Autor William F. Buckley hat seine Spionagegeschichte "Saving the Queen" zwar im Jahr 1952 angesiedelt, geschrieben wurde sie aber erst Mitte der 1970er Jahre. Als erste Folge der Serie um den CIA-Agenten Blackford Oakes erschien der Band im Januar 1976. Vorbild für Königin Caroline, die in dem Thriller die Hauptrolle spielt, war die britische Königin, Elizabeth II.

Die distanzierte Monarchin

In neun Lebensjahrzehnten und mehr als 60 Jahren auf dem Thron hat "Her Majesty the Queen", kurz HMQ oder einfach nur HM, reichlich Stoff für fiktionale Interpretationen geliefert – sollte man meinen. Doch die Dramen, Romane und Filme, die sich um ihre Figur ranken, arbeiten sich häufig an der vornehmen Zurückhaltung ab, die dem britischen Staatsoberhaupt zur zweiten Natur geworden ist. Der englische Autor Roald Dahl stellt sie in seinem 1982 erschienenen Kinderbuch " The BFG" als distanzierte Monarchin dar, mit der auch der "Big Friendly Giant" seine Probleme hat. Die deutsche Ausgabe erschien 1984 unter dem Titel "Sophiechen und der Riese".

Vielleicht ist es gerade ihr Stoizismus, der Autoren immer wieder dazu herausfordert, der Queen eine hintergründige Verschmitztheit anzudichten. Den leichten Ton dafür prägte 1988 Alan Bennett mit seinem Einakter "A Question of Attribution" (Eine Frage der Zuschreibung), in dem ein Kunstberater der Königin als sowjetischer Spion enttarnt wird. Die Verfilmung des Stücks von John Schlesinger wurde nicht allein wegen ihrer scharfsinnigen Psychologie gelobt und 1992 mit dem Fernsehpreis BAFTA ausgezeichnet. Prunella Scales glänzte als HMQ.

Die Queen als Bühnenschlager

Einen würdigen Nachfolger auf der Bühne fand Bennett 2013 mit Peter Morgans äußerst erfolgreichem Drama "The Audience" (Die Audienz). Im vergangenen Jahr wurde die britisch-französische Schauspielerin Kristin Scott Thomas für ihre Interpretation der Rolle 'Ihrer Majestät' als schlagfertige, reife Frau bei der Wiederaufnahme am Londoner Apollo-Theater frenetisch gefeiert. Am Broadway spielte das Stück mit Helene Mirren in der Hauptrolle von Februar bis Juni 2015 wöchentlich eine Million Dollar ein. Auch bei der Londoner Uraufführung am 8. Mai 2013 hatte Helen Mirren schon die Queen verkörpert. Nichts lag näher – schließlich ist sie seit 2006 die Oscar-gekrönte Königin. Für Stephen Frears Film "The Queen" hatte auch Peter Morgan schon das Buch geschrieben. Von der echten Königin wurden Mirren und Thomas für ihre darstellende Kunst als Dame geadelt. Peter Morgan ernannte sie 2016 zum Commander of the British Empire.

Die Corgis und das Ende der Monarchie

Turbulenzen um das Königshaus beschrieb vor Morgan bereits Sue Townsend, ungefähr zu der Zeit als die Ehe des Thronfolgers zu bröckeln begann. In ihrem Roman "The Queen and I" von 1992 (dt. "Die Queen und ich", 1993) richtet sich HM auf ein Leben in der Gefängnis-ähnlichen Residenz "Hell Close" ein, nachdem eine linke Regierung von republikanischen Corgis die Monarchie abgeschafft hat. Auch in ihrem späten Nachfolgetitel "Queen Camilla" von 2006 (dt. "Queen Camilla", 2008) bellen Hunde – in einer Menage à Trois von Charles, Diana und Camilla. Die untergehende Dynastie jedoch bekommt Aufschub: Die Monarchie wird restauriert und lebt als Sozialkomödie weiter.

Auch Alan Bennett kehrte nach fast 20 Jahren zu seiner Königin zurück. Seine Novelle "The Uncommon Reader" 2007 (dt. "Die souveräne Leserin", 2008) zeichnet sie als besessene Leserin, nachdem ihre Corgis eine fahrende Bibliothek aufgespürt haben. Die Lieblingshunde von Elizabeth II. haben somit schon mehrfach literarischen Niederschlag gefunden. Die Queen selbst ist klug, neugierig, einfühlsam und vernünftig – ein amüsanter Kontrast zur echten Regentin, die stets Distanz bewahrt.

Der geheime Humor der Königin

Der Humor ist nicht ganz so fein dosiert in Emma Tennants witzigem Kurzroman "The Autobiography oft the Queen" von 2007 (dt. "Die Autobiografie der Queen", 2009). Die Königin hat genug davon, immer nur lächelnd Schiffe zu taufen oder Untertanen zu empfangen und verschwindet an einem nebligen Septembermorgen von Balmoral. Als Gloria Smith getarnt, reist sie auf die Karibikinsel St. Lucia. Was nicht alles beim Versuch, ein normaler Mensch zu sein, schief gehen kann!

Eröffnungsfeier der Olympischen Spiele von London 2012 (c) REUTERS/Fabrizio Bensch

Queen-Double bei der Eröffnungsfeier der Olympischen Spiele von London 2012

Wie sehr die Briten ihre unverwüstliche Monarchin lieben und verehren, und wie viel Humor sie ihr insgeheim zuschreiben, zeigte sich am deutlichsten bei der Eröffnung der Olympischen Spiele von London. Da schwebte die Queen neben James Bond – der als Romanfigur 1953, ein Jahr nach ihrer Thronbesteigung, das Licht der Welt erblickte – am Fallschirm ins Stadion: eine doppelte Fiktion.

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