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Fußball

"Die FIFA hört nur auf sich selbst"

Die Kritik von außen war groß, doch im Innern herrschte Einigkeit: Die FIFA wählte ihren Präsidenten Joseph Blatter wieder. "Realitätsverlust" attestiert daher der FIFA-Kritiker Guido Tognoni und fordert Reformen.

Guido Tognoni (Foto: AP)

FIFA-Kritiker Guido Tognoni

Er weiß, wovon er spricht: Guido Tognoni kennt die FIFA bestens, war Medienchef und Marketingmanager - somit über viele Jahre ein Insider im Weltfußballverband. Tognoni agierte sogar als rechte Hand vom damaligen Generalsekretär Joseph Blatter, musste aber 1995 gehen, nachdem er bei Blatter in Ungnade gefallen war. Heute ist er einer der schärfsten Kritiker der FIFA und fordert umfassende Reformen von deren Führung. Joscha Weber hat Guido Tognoni nach der Wahl in Zürich getroffen.

DW-WORLD.DE: Herr Tognoni, Sie kennen die FIFA gut, haben fast 20 Jahre für FIFA und UEFA gearbeitet. Noch nie stand der Weltfußballverband so in der Kritik und trotzdem wurde Joseph Blatter mit überwältigender Mehrheit wiedergewählt. Leidet man bei der FIFA unter Realitätsverlust?

Guido Tognoni (Foto: pa)

1995 war Tognoni noch Teil des Systems FIFA

Guido Tognoni: Ja, man hat den Eindruck. Man muss einfach sehen, wenn die FIFA sich versammelt, dann hören die Delegierten und hohen Offiziellen nur auf sich selbst. Man zelebriert sich selbst, man dankt einander, man klopft sich auf die Schultern, man isst und trinkt gemeinsam, es entwickelt sich ein richtiges Wagenburggefühl und die Leute fühlen sich darin wohl. Man muss auch sehen, wer die FIFA repräsentiert. Das sind vielleicht acht große Verbände und 200 kleine Verbände, die glücklich sind, wenn sie nach Zürich fliegen dürfen und hervorragend behandelt werden. Da ist kein kritisches Umfeld zu erwarten.

"Ein großes Familienfest auf fremde Kosten"

Hat der Druck von außen im Innern zusammengeschweißt?

Das stellt man immer wieder fest. Blatter versteht es hervorragend, ein Familiengefühl zu erzeugen, damit die Leute näher an ihn heranrücken und sich auch untereinander näher kommen. Das ist wie ein großes Familienfest auf fremde Kosten.

FIFA-Präsident Joseph Blatter (Foto: dapd)

"Fast unbegrenzte Möglichkeiten" - FIFA-Präsident Joseph "Sepp" Blatter

Trotzdem wirkt es doch bizarr für den Beobachter von außen: Es gibt Kritik, Korruptionsvorwürfe und Mauscheleien und auf dem Kongress haben sich dennoch alle lieb.

Ja, das ist das Phänomenale. Nur ein einziger Verband hat sich gegen diese Nachtruhe erhoben. Das waren die Engländer. Sie haben etwas eigentlich ganz normales gefordert: Warum nicht die Wahl verschieben? Aber sie wurden sofort dafür scharf kritisiert. Deshalb hat man den Eindruck, dass bei der FIFA die Realität nicht mehr richtig wahr genommen wird.

"Blatter hat sehr lange Arme"

Blatters Gegenkandidat wurde vor der Wahl von der Ethikkommission aus dem Weg geräumt. Kritiker haben gesagt, da könnte Blatter selbst hinter gesteckt haben…

Mohamed bin Hammam und FIFA-Präsident Joseph Blatter (Foto: dpa)

Kurz vor der Wahl wurde bin Hammam (l.) gestoppt

In der FIFA darf man überhaupt nichts ausschließen. Bin Hammam hat eine einsame Entscheidung getroffen. Er hat selbst mir, dem er sehr nahe steht, nichts gesagt. Er meinte, er wolle die Situation einfach beruhigen. Aber Blatter hat natürlich sehr lange Arme. Ich möchte nicht unbedingt sagen, dass er dahinter steckte. Aber wenn man weiß, was er für Anstrengungen unternahm, um zu gewinnen und um den Gegenkandidaten auszuschalten, dann muss man schon sagen: Er hat seine Macht ausgenutzt.

Kurz vor der Wahl wurden Vorwürfe gegen Joseph Blatter laut, er habe im Wahlkampf "Geschenke" in Höhe von rund 700.000 Euro verteilt. Was wird jetzt aus diesem Vorwurf.

Da sehen Sie die fast unbegrenzten Möglichkeiten des FIFA-Präsidenten. Er kann eine Million dahin schicken oder dorthin. Und wenn dann die Frage aufkommt, 'wozu ist denn das Geld?', dann kann er sagen: 'Das ist für ein Entwicklungsprojekt oder ein Jubiläumsgeschenk an den Verband CONCACAF.' Ich möchte damit zeigen, welche ungeahnten Möglichkeiten ein amtierender FIFA-Präsident hat, um seine Position zu sichern.

"Vier Jahre unter Sepp Blatter werden nicht revolutionär sein"

Kann sich die FIFA unter Joseph Blatter überhaupt ändern?

Vier Jahre unter Sepp Blatter werden nicht revolutionär sein. Wenn er jetzt vielleicht mal endlich einige Dinge umsetzt, die er verspricht, dann sollte man ihm diese Chance geben. Aber eine ganz große Änderung sehe ich nicht kommen.

Das Gespräch führte: Joscha Weber

Redaktion: Martin Schrader

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