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Lebensart

Die Feministin der Nation: Alice Schwarzer zum 75. Geburtstag

Alice Schwarzer hat an vorderster Front für die Gleichberechtigung gekämpft. Ob mit ihren Aktionen, Auftritten, Büchern oder der von ihr gegründeten Zeitschrift "Emma", die Journalistin polarisiert - seit über 40 Jahren.

"Der Motor meines ganzen Handelns ist die Gerechtigkeit. Alles andere wäre für mich ein verpasstes Leben." Diese Sätze hat Alice Schwarzer ihrer 2011 erschienen Biografie "Lebenslauf" vorangestellt. Es ist das Credo einer Frau, die die Gesellschaft verändert hat. Über sich selbst schreibt Schwarzer, sie sei "nicht der Mensch, der sich am liebsten mit sich selbst beschäftigt und über seine Befindlichkeiten beugt. Dafür finde ich die Welt viel zu aufregend".

Der schlimmste Vorwurf zuhause: Spießigkeit 

Mag sein, dass ihr die Rebellion schon in die Wiege gelegt wurde. Alice wird am 3. Dezember 1942 als uneheliches Kind geboren. Damals eigentlich ein Skandal, aber in den Kriegswirren haben die Menschen andere Sorgen. Sie wächst bei den Großeltern in Wuppertal auf, nennt sie Mama und Papa. Das klassische Rollenbild sei auf den Kopf gestellt gewesen, so Schwarzer später. Die Großmutter war politisch aktiv; es war der Großvater, der sich um die kleine Alice kümmerte. Der schlimmste Vorwurf zu Hause lautete: "Wie spießig!", schreibt sie in ihrer Biografie.

Alice ist früh selbstständig und sagt, was sie denkt. Schon damals lässt sie sich den Mund nicht verbieten. Zunächst macht sie eine kaufmännische Lehre, dann geht sie in ihre Traumstadt Paris und lernt Französisch. Als sie zurückkehrt, steht für sie fest: "Ich will Journalistin werden." Sie macht ein Volontariat bei den "Düsseldorfer Nachrichten" und geht als Korrespondentin nach Paris. Dort begegnet sie der Schriftstellerin und Feministin Simone de Beauvoir und gerät mitten in den Wirbelsturm der französischen Frauenbewegung.  "Doch während in der ganzen westlichen Welt die Frauen auf die Barrikaden gingen, hielten die deutschen Gretchen still", schreibt sie Jahre später in der "Emma".

Alice Schwarzer deutsche Frauenrechtlerin (picture-alliance/dpa/R. Newald)

Alice Schwarzer in jungen Jahren

Schwarzer bricht Tabus 

Das will die streitbare Journalistin ändern. Vorbild ist eine Aktion des linksliberalen Wochenblatts "Le Nouvel Observateur", wo sich unter anderem Simone de Beauvoir, die Schauspielerinnen Catherine Deneuve und Jeanne Moreau sowie die Regisseurin Agnès Varda öffentlich zur Abtreibung bekennen.

Alice Schwarzer überzeugt die Zeitschrift "Stern", es den Franzosen nachzutun und gegen den Paragraphen 218 in Stellung zu gehen, der Frauen dazu zwingt, heimlich und unter fragwürdigen Umständen abzutreiben. Am 6. Juni 1971 erscheint das Heft mit 374 Frauen, die eine Abtreibung zugeben, darunter illustre Schauspielerinnen wie Romy Schneider und Senta Berger.

Die Bundesrepublik steht Kopf, denn das Thema Abtreibung ist damals noch ein totales Tabu. Alice Schwarzer wird zur Vorkämpferin für die Emanzipation der Frau. Als am 9. März 1974 hunderttausende Frauen von Kiel bis Konstanz gegen den Paragraphen 218 auf die Straße gehen, gehört sie zu den Hauptinitiatorinnen. 

Stern 1971 Titel Wir haben abgetrieben EINSCHRÄNKUNG (Der Stern)

Die "Stern"-Titelgeschichte wurde von Alice Schwarzer initiiert

Und sie kämpft nicht nur an dieser Front, sondern gegen viele Gesetze, die Ende der 1970er Jahre noch gelten und ihr unsinnig erscheinen. So ist eine Frau mit der Eheschließung gesetzlich "zur Führung des Haushalts verpflichtet" und darf "ihre familiären Verpflichtungen nicht vernachlässigen." Der Ehemann kann der Frau verbieten zu arbeiten, und in den Großstädten tut das auch jeder Fünfte - für Alice Schwarzer ein Unding. Ebenso wie die Tatsache, dass eine betrogene oder geschlagene Ehefrau, die ihren Mann verlässt, bei der Scheidung als schuldig gilt und wegen "böswilligen Verlassens" keinen Unterhalt bekommt. Sie streitet für gleichen Lohn, für gleiche Arbeit und gegen Vergewaltigung in der Ehe und regt sich über die Aussage des CDU-Bundestagsabgeordneten Wolfgang von Stetten auf, der öffentlich erklärt: "Zum ehelichen Leben gehört auch, die Unlust des Partners zu überwinden. Der Ehemann ist nicht darauf aus, ein Verbrechen zu begehen - manche Männer sind einfach rabiater."

 Alice Schwarzer (2. v. l.) und die Emma-Frauen 1977 in der Redaktion (G. Jakobi)

Alice Schwarzer (2. v. l.) und die Emma-Frauen 1977 bei einer Redaktionskonferenz

In den 1970er Jahren ist Alice Schwarzers Name in aller Munde. In ihrer 1977 gegründeten Zeitschrift "Emma" lanciert sie Kampagnen gegen frauenverachtende Titelbilder und gegen Pornographie. Sie gründet ein feministisches Archiv, ist Dauergast in zahlreichen Talkshows und hat sogar eine eigene. Und sie schreibt  Bücher wie "Der kleine Unterschied und seine großen Folgen" (1975). Es geht um Liebe und Sexualität im Leben von Frauen, und Alice Schwarzer nimmt kein Blatt vor den Mund: Sie spricht Dinge aus, über die bisher schamhaft geschwiegen wurde. Und plötzlich diskutierten auch Frauen, die sich nicht als Feministinnen verstehen, über weibliche Frigidität und den weiblichen Orgasmus.

Vielen ist Schwarzer zu radikal 

Als Vorreiterin des deutschen Feminismus hat Alice Schwarzer viele Frauen hinter sich gebracht. Aber es sind nicht nur Männer, die sie als "frustrierte Tucke", "Hexe mit dem stechenden Blick", "Männerhasserin" und "Schwanz-ab-Schwarzer" beschimpfen, auch vielen Geschlechtsgenossinnen ist sie zu radikal.

Als die Autorin Esther Vilar ihr Buch "Der dressierte Mann" (1971) veröffentlicht und in zahlreichen Fernsehshows verkündet, Frauen beuteten die Männer schamlos aus und machten sich auf deren Kosten ein bequemes Leben, ist das eine These ganz nach dem Geschmack vieler Männer, die sich schon lange über die radikalen Forderungen der Feministinnen ärgern. Deutschlands berühmteste Frauenrechtlerin geht wutentbrannt auf die Barrikaden: In einem TV-Duell attackiert sie Vilar aufs Schärfste - und zieht sich erneut den Hass der halben Nation zu.

Matriarchin von gestern?

Doch Alice Schwarzer war es immer egal, was andere von ihr hielten - das ist es bis heute. Sie hat ihren Platz in der deutschen Frauengeschichte erobert und viel erreicht. Es schmälert auch nicht ihr Verdienst, dass sie Jahrzehnte nach der Kampagne "Ich habe abgetrieben" bekennt, sie und andere Mitstreiterinnen hätten es gar nicht getan, es sei einzig um politische Provokation gegangen.

Allerdings hat ihr Ansehen in der Öffentlichkeit unter einer Steueraffäre gelitten, die 2014 bekannt wurde: Im Jahr zuvor hatte sie eine steuerrechtliche Selbstanzeige erstattet - inklusive einer Nachzahlung in Höhe von 200.000 Euro. Das Verfahren wurde 2016 mit einem Strafbefehl samt etwa 100.000 Euro Strafzahlung für die fehlerhafte Selbstanzeige abgeschlossen.

Alice Schwarzer deutsche Frauenrechtlerin (picture-alliance/Geisler-Fotopress/P. Mertens)

Die Frauenrechtlerin ist oft zu Gast bei Staatsempfängen - hier 2016 beim 70. Jahrestag der Gründung Nordrhein-Westfalens

Und auch beim Thema Feminismus haben sich die Zeiten geändert. Schwarzers Aushängeschild, die "Zeitschrift "Emma", hatte zu Hochzeiten 200.000 Leserinnen, heute dümpelt die Auflage oft bei unter 40.000. Das hat nicht nur mit dem allgemeinen Auflagenrückgang der Printmedien zu tun; mittlerweile gilt Alice Schwarzer, die einst ihrer Zeit voraus war, vielen Frauen der jungen Generation als eine in den Kämpfen von gestern erstarrte Matriarchin. Sie habe ja wirklich viel für die Frauen erreicht, doch jetzt müsse es auch mal gut sein, erklären Autorinnen wie Charlotte Roche. Historikerin Miriam Gebhardt schreibt in ihrem Buch "Alice im Niemandsland" (2012), Schwarzer sei ideologisch unbeweglich und verbreite ewig dieselben "Wahrheiten".

Loslassen ist nicht ihr Ding 

Eigentlich wollte Alice Schwarzer ja auch schon loslassen und die Chefredaktion der "Emma" 2008 abgeben, aber Nachfolgerin Lisa Ortgies flog schon nach ein paar Wochen. Sie sei nicht geeignet, verkündete Schwarzer. Vielleicht hatte die Neue Probleme mit dem autoritären und selbstherrlichen Führungsstil, den ehemalige Mitarbeiterinnen Schwarzer vorwerfen.

Doch eine wie sie kann es sich leisten. 1996 bekam sie das Bundesverdienstkreuz verliehen, eine von zahlreichen Auszeichnungen. Und noch immer ist die wortgewandte und scharfzüngige Feministin ein gern gesehener Gast in Talkshows - zum Beispiel, als sie die Ausschreitungen muslimischer Männer bei der Kölner Silvesterfeier 2015 geißelt. Wie hat sie ihre Lebensmotto mal so treffend formuliert: "Ich werde denken, schreiben und handeln, solange ich lebe." Happy birthday, Alice! 

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