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Kultur

Die fehlbare Päpstin

Als unfehlbar hat sich Margot Käßmann nie gesehen. Die Bischöfin und evangelische Ratsvorsitzende ist geschieden und steht zu den Brüchen in ihrem Leben. Ihre Alkoholfahrt stellt die Protestanten auf eine harte Probe.

(Foto: ap)

Das Image und der moralische Anspruch Käßmanns sind vorläufig angekratzt. Käßmann könnte zu einem stumpfen Schwert im Kampf um kirchliche Interessen werden, fürchtet die Evangelische Kirche in Deutschland (EKD). Welche Rolle spielt die Ratsvorsitzende für die evangelische Kirche?

Gleichberechtigung statt Machtübernahme

Margot Käßmann ist die erste Frau im Amt der evangelischen Ratsvorsitzenden. Seit sie im Herbst 2009 zur obersten Repräsentantin der 25 Millionen Protestanten in Deutschland gewählt wurde, wird sie nicht müde zu betonen, dass dies nur ein Zeichen der Gleichberechtigung, nicht aber der Machtübernahme durch die Frauen in der Kirche sei. "Bei uns leitet niemand von oben", betont die 51-jährige Theologin gerne, die bereits seit zehn Jahren Bischöfin von Hannover ist.

Eine protestantische Regierung

Der Rat der evangelischen Kirche in Deutschland versteht sich als eine Art Regierung, in der gemeinsam Beschlüsse gefasst werden. Die Ratsvorsitzende vertritt die Entscheidungen des Kirchenparlaments dann in der Öffentlichkeit. Die Evangelische Kirche in Deutschland (EKD) besteht aus 22 evangelischen Landeskirchen, denen insgesamt rund 25 Millionen Protestanten angehören. Wichtigstes Leitungsgremium ist die EKD-Synode mit 126 Mitgliedern, die Kirchenkonferenz und der aus ehrenamtlichen 15 Mitgliedern bestehende Rat. 14 dieser Mitglieder werden gemeinsam von der Synode und der Kirchenkonferenz gewählt. Dabei ist eine Zweidrittel-Mehrheit nötig.

Parallelen zur Bundespolitik

Der Kirchenkonferenz gehören je zwei Vertreter aus den Kirchenleitungen der 22 Landeskirchen an. In der Regel sind das der leitende Geistliche und der leitende Jurist einer Landeskirche. Die Kirchenkonferenz ist das dem deutschen Bundesrat vergleichbare Organ, mit dem die Landeskirchen direkt Einfluss nehmen, etwa indem es an der Gesetzgebung und der Ratswahl mitwirkt. Den Vorsitz in der Kirchenkonferenz, die in der Regel viermal im Jahr zusammentritt, hat die Ratvorsitzende.

Verschiedene Protestanten unter einem Dach

Die EKD wurde im August 1945 im nordhessischen Treysa als Zusammenschluss verschiedener Richtungen des Protestantismus, also lutherischer, reformierter und unierter Landeskirchen, ins Leben gerufen. Sie sorgt dafür, dass die einzelnen Kirchen in wesentlichen Fragen nach übereinstimmenden Grundsätzen verfahren. Sie kann etwa die Ausbildung der Pfarrer und zur Vermögensverwaltung Richtlinien aufstellen, ist zuständig für die Herausgabe der beiden Grundtexte des Protestantismus, der Lutherbibel und des Gesangbuches.

Kritische Worte für eine gerechtere Gesellschaft

Die EKD nimmt Stellung zu Fragen des öffentlichen Lebens. Regelmäßig gibt sie in politischen und sozialen Fragen Stellungnahmen ab, die vom Ratsvorsitzenden vorgetragen werden. Sein Wort hat in Gesellschaft und Politik Gewicht - als Anwalt der Armen und sozial Benachteiligten, als Mahner für eine gerechtere Gesellschaft. Kaum ein halbes Jahr im Amt, hat Margot Käßmann diese Rolle bereits energisch übernommen. Ob es um den verkaufsfreien Sonntag, die Bildungsbenachteiligung von Migrantenkindern, den ausgrenzenden Umgang mit depressiven Menschen etwa im Fall des Todes von Nationaltorwart Robert Enke oder um den Bundeswehreinsatz in Afghanistan geht - die Ratsvorsitzende übt offen Kritik und steht damit auch selbst in der Kritik.

Dringender Reformbedarf

Wie ihre zehn männlichen Vorgänger möchte Käßmann gesellschaftliche Reformen anstoßen und muss innerkirchliche Reformen durchsetzen. Denn seit vielen Jahren befindet sich die evangelische Kirche im Umbruch. Immer mehr Menschen treten aus der Kirche aus. Die Kirchensteuereinnahmen werden kontinuierlich geringer, die Gemeinden schrumpfen. Gleichzeitig treffen die Kirchen auf eine Gesellschaft, die zwar kirchenscheu, aber auch glaubensfreudiger geworden ist. Dies hat Käßmann bislang als Chance gesehen, ein neues Bild von Kirche zu vermitteln. Sie wolle etwas weitergeben von ihrem Glauben an Menschen, die sich fragten: Hat mein Leben überhaupt einen Sinn, betonte Käßmann kurz nach ihrer Wahl zur Ratsvorsitzenden. Denn wolle sie zeigen, so sagte sie: "Kirche hat Antworten, die dich tragen."

Autorin: Sabine Damaschke

Redaktion: Conny Paul