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Deutschland

Die Faszination der Ringe

Berlin und Hamburg greifen nach den olympischen Ringen. Aber wollen wir das Milliardenspektakel 2024? Organisieren können wir, aber ohne Rückendeckung der Bevölkerung ist die Bewerbung nichts wert, findet Volker Wagener.

Mutig, mutig! Gleich zwei deutsche Metropolen greifen nach den Ringen. Die gescheiterte Bewerbung Münchens vor zwei Jahren für die Winterspiele 2018 ist noch präsent: Eine Blamage für die Bewerberstadt, aber ein Lehrstück gelebter Demokratie. Die Olympiagegner hatten sich durchgesetzt. Für ein paar Tage Ski-Zirkus wollten sie nicht Berge verrücken und Hänge einbetonieren lassen. Ähnlich die knallharte Bürgerfront in Stuttgart. Nicht um Olympia ging es, sondern um einen schnöden Bahnhof. Verbissen kämpften Schüler, Rentner und brave Hausfrauen gegen den Neubau. Wegen 20 Minuten kürzerer Fahrzeit nach Ulm wollten viele keine Milliarden-Baustelle. Vergeblich. Erst eine Bürgerbefragung machte das Projekt "Stuttgart 21" möglich.

Portraitbild Volker Wagener, DW-Redakteur, Foto: DW

DW-Redakteur Volker Wagener

Teure Großprojekte sind in Deutschland gerade nicht sehr beliebt. Die Bevölkerung will auf jeden Fall mitreden. Und in Zeiten wie diesen spielen die beiden größten deutschen Städte Olympia-Monopoly: Jeweils mehr als zwei Milliarden Euro wollen beide Kommunen in die olympische Infrastruktur investieren. Und alle wissen: teurer wird es am Ende immer. Trotzdem: In Berlin finden etwas mehr als die Hälfte der Befragten die Olympia-Bewerbung gut, in Hamburg sogar deutlich mehr. Woran liegt das?

Berlin und Hamburg können Olympia

Berlin, die glänzende Metropole und Hamburg, Europas älteste Stadtrepublik, können Olympia organisieren, das ist keine Frage. Trotz des unfassbaren Desaster um den Berliner Großflughafen, mit dem sich der Wirtschaftsmusterknabe Deutschland so gründlich blamiert hat. Und auch Hamburg hat ein Bau- und Kostentrauma: die Elbphilharmonie. Sie soll jetzt trotz allem bis 2016 verspätet und überteuert fertig werden. Aus all diesen Erfahrungen wollen die beiden Metropolen Konsequenzen ziehen. Eine Verschuldung komme wegen Olympia nicht in Frage, heißt es aus den Rathäusern. Die Bürger würden zuvor gefragt. Und auch die Korruption, die immer mit im Spiel ist, wenn mit öffentlichen Geldern großes spendiert wird, ist als Problem erkannt. Transparency International, die Korruptionsbekämpfer, sollen von Anfang an mit ins Boot. Das mögen fromme Ankündigungen sein, sind aber die Schlüssel zum Erfolg. Ohne breite Akzeptanz in Stadt, Region und Land sollte Olympia 2024 lieber woanders gefeiert werden.

London als Vorbild

Es geht immer wieder um die Kernfrage: Geben Olympische Spiele der Stadt mehr als sie ihr nehmen? Man wird in Hamburg und Berlin nun noch einmal ganz genau auf London schauen. Die Briten hatten es 2012 geradezu meisterlich geschafft, sinnvoll zu investieren. Sie nutzten Olympia, um den etwas weniger attraktiven Osten der Stadt aufzumöbeln, sie ergänzten die Infrastruktur der Riesenmetropole so, dass auf Jahrzehnte Einwohner wie Touristen Vorteile davon haben. Selbst Sportstätten, die nur für das Sommerspektakel neu entstanden, wurden so konzipiert, dass sie rückbaubar, beziehungsweise zu verkleinern waren. Genau solche Vorschläge müssen Hamburg und Berlin nun präsentieren, um der Idee Strahlkraft zu verleihen. Eine Frage der Verantwortung.

Olympia als willkommenes Deutschland-Marketing

Und jenseits aller finanzieller und baulicher Fragen ist Olympia auch eine Bühne für die Selbstdarstellung. Wer sind wir, wie möchten wir gesehen werden? Überzeugend und für uns selbst etwas überraschend, ist uns bei der Fußball-Weltmeisterschaft 2006 ein Imagegewinn gelungen. So sympathisch hatte uns die Welt nie zuvor wahrgenommen.

Deutschland hätte - egal ob nun in Berlin oder Hamburg das olympische Feuer brennt - die Chance, das Welt-Großereignis als Bürgerwillen zu präsentieren. In Peking wurden die Spiele zur Leistungsschau des chinesischen Systems zwischen Sozialismus und Kapitalismus, in Sotschi diente Olympia als Glitzer-Element der Demokratur Putin. Wir können es anders. Wir könnten zum Beispiel die ersten sein, die die Spiele wieder mit Augenmaß ausrichten - wider den Gigantismus von Peking und Sotschi.