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Fokus Südosteuropa

Die falschen Söhne des Ostblocks

Kommunistische Geheimdienste nutzten nach dem Zweiten Weltkrieg Identitäten von Kindern deutscher Abstammung, um ihre Agenten im Westen einzuschleusen. Einige Zeit hatten sie leichtes Spiel.

Als Deutschland und Polen 1970 ihre diplomatischen Beziehungen erstmals nach dem Zweiten Weltkrieg wieder aufnahmen, stand der polnische Geheimdienst schon in den Startlöchern. Nach dem Vorbild der Sowjetunion, die seit den 1920er Jahren Identitäten von Waisenkindern für fiktive Agentenbiografien nutzte, versuchten auch Geheimdienste anderer Ostblockländer mit dieser Methode, ihre Agenten in den Westen einzuschleusen. Vorzugsweise sollten die Waisenkinder deutscher Abstammung sein und irgendwo im Westen Verwandte haben. Denn das erhöhte die Glaubwürdigkeit der Agenten und somit ihre Erfolgschancen.

Kinder von hinten in einem polnischen Kinderheim in Lebork (Foto: WDR)

Identitäten von Waisenkindern wurden von Ostblock-Spionen benutzt

"Bereits in den 1960er Jahren gab die polnische Geheimdienstzentrale eine entsprechende Anweisung an die regionalen Stellen der Nachrichtendienste, wo früher Deutsche lebten", erklärt Władysław Bułhak, Historiker am polnischen Institut für Nationales Gedenken. Dort sollte man nach Kindern Ausschau halten, deren Identität man nutzen konnte.

Die politische Annäherung zwischen Ost und West begünstigte die Einschleusung von Agenten, meint der polnische Historiker Slawomir Cenckiewicz. "Es waren keine üblichen Operationen, sondern die am besten geschützten. Sie wurden von einer speziellen Abteilung des Geheimdienstes 'betreut'."

Rekrutierung mit System

Der Agentenkandidat sollte zum Beispiel die Sprache des Einsatzlandes perfekt beherrschen. Deshalb wurde gerne Germanistikstudenten als Nachwuchskräfte angeworben. So wie Jerzy K., den der Geheimdienst der Volksrepublik Polen bei seinem Gaststudium in Leipzig besuchte. Er nahm das Jobangebot an. Dann bekam er die Identität eines Mannes, dessen deutsche Mutter ihn auf der Flucht aus Pommern in einem Kinderheim zurückgelassen hatte. Ihr richtiger Sohn, der auf den Namen "Heinz" getauft worden war, wuchs bei Adoptiveltern in Polen auf und bekam den Namen Janusz. Der polnische Geheimdienst glaubte, dass Janusz nie die Wahrheit über seine Herkunft erfahren würde, also stattete man Jerzy K. mit seiner Identität aus.

Die folgenden fast drei Jahre wurde Jerzy K. zum Spion ausgebildet: Zur Tarnung arbeitete er zwei Jahre als Lehrer in Polen, um im Kontrollfall einen glaubwürdigen Lebenslauf vorweisen zu können. Schließlich fand er 1977 über das Rote Kreuz die leibliche Mutter von Janusz und spielte ihr den leiblichen Sohn vor. Die Begegnung endete tragisch, denn die Frau verstarb kurz nach dem "Wiedersehen" an Herzversagen. Der Spion wurde jedoch als ihr Sohn anerkannt und ließ sich in Bremen nieder.

Der doppelte Heinz

Jerzy K. hieß offiziell Heinz Arnold und arbeitete im Bremer Amt für Aussiedler und Zuwanderer sowie in der Volkshochschule als Deutschlehrer. Er war SPD-Mitglied und engagierte sich bei Hilfsorganisationen, wo er vieles über die deutsche Rüstungsindustrie und ihre Exporte erfuhr. Am meisten interessierte er sich dafür, wie Aussiedler aus dem Osten im Westen überprüft wurden. Wichtige Informationen, die den kommunistischen Geheimdiensten halfen, das Einschleusen von Agenten besser vorzubereiten. Außerdem spionierte er im Umfeld polnischer Oppositioneller, die aus dem Ausland die polnische Gewerkschaft "Solidarność" unterstützten. Jerzy K. hatte Zugang zu zahlreichen Personaldaten.

Eine Bild-Collage: Links Spion Jerzy K. und rechts sein Legendenspender Janusz (Foto: WDR)

Links der Spion Jerzy K., rechts Janusz

Währenddessen verstand der echte Heinz Arnold in Polen nicht, warum man ihm Auslandsreisen verweigerte und ihn regelmäßig von der Militärmiliz befragen ließ. 1984 begann er über das Deutsche Rote Kreuz ebenfalls nach seiner leiblichen Mutter zu suchen. So wurden die deutschen Behörden auf Jerzy K. aufmerksam. Doch erst Monate später, im März 1985 wurde er als polnischer Agent enttarnt und verhaftet. Bald darauf, im Juni 1985 starb der echte Heinz Arnold in Polen.

Das Drama und die Politik

In Deutschland ermittelte die Bundesanwaltschaft weiter gegen Jerzy K.. Doch am Ende habe sich der Fall außerhalb des normalen rechtsstaatlichen Verfahrens abgespielt, so Lothar Jachmann, langjähriger Mitarbeiter beim Landesverfassungsschutz in Berlin und Bremen. "Wenn man damals einen Spion schnappte, überlegte man, was man damit politisch anfangen kann. Das war die übliche Vorgehensweise im Kalten Krieg." Die Politik und die Nachrichtendienste beider Seiten wollten damals vor allem ihre eigenen Leute zurückbekommen, die auf der Gegenseite gefangen waren. Also versuchte man Agenten auszutauschen.

Agentenaustausch auf der Glienicker Bruecke bei Berlin 11.2.1986 (Foto: Bundesamt für Stasiunterlagen)

Agentenaustausch auf der Glienicker Bruecke bei Berlin am 11.2.1986

Als im Frühjahr 1985 Michail Gorbatschow in der Sowjetunion an die Macht kam, brachte seine Offenheit gleich Bewegung ins Tauschgeschäft. Kurz darauf fanden zwei spektakuläre Aktionen auf der Glienicker Brücke bei Berlin statt, bei denen fast 40 Agenten ausgetauscht wurden. "In diesem Punkt waren alle gleich", betont heute Hans Koschnick, damaliger Bremer Bürgermeister und Stellvertreter von Willy Brandt im SPD-Parteivorsitz. "Wenn man eigene enttarnte Agenten nicht zurückbekam, demoralisierte es diejenige, die noch unterwegs waren. Da gab es keinen Unterschied zwischen KGB und CIA oder unserem BND und der Stasi." Im Osten und Westen sei das die unausgesprochene Arbeitsgrundlage gewesen, so Koschnick.

Unbekanntes Erbe des Kalten Krieges

Polnischer Spion Jerzy K. erstattet Bericht über das Ende seiner Operation in Deutschland vor seinen Führungsoffizieren (Foto: Bundesamt für Stasiunterlagen)

Jerzy K. erstattet Bericht über seine Operation vor seinen Führungsoffizieren nach dem Agententausch

So war das auch im Fall von Jerzy K., der nach zehn Monaten in Untersuchungshaft ausgetauscht wurde. Ohne Anklage lief er am 11. Februar 1986 fast unbemerkt über die Glienicker Brücke. Der Pole war der letzte getauschte Agent des Kalten Krieges.

Anschließend arbeitete er weiter beim Geheimdienst, getarnt als Geschäftsmann im polnischen Außenhandel. Erst nach 1989 verließ er den Nachrichtendienst. Der ehemalige Spion wurde nach fast 30 Jahr mit seiner Vergangenheit konfrontiert, im Rahmen einer Fernsehdokumentation des öffentlich-rechtlichen Westdeutschen Rundfunks (WDR). Als Grund für seine Agententätigkeit gab er vor allem die Abenteuerlust an. Auch wenn er nicht mehr als Spion tätig ist, glaubt Jerzy K., dass immer noch Agenten unterwegs seien, die im Kalten Krieg mit falschen Identitäten ausgestattet wurden. "Alles andere zu glauben, wäre naiv."

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