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Deutschland

Die fünf verlorenen Jahre in Guantanamo von Murat Kurnaz

Murat Kurnaz saß fünf Jahre lang unschuldig im US-Gefangenenlager Guantanamo. Inzwischen hat er sich ein neues Leben in Deutschland aufgebaut. Er kämpft aber weiter dafür, dass das Lager bald geschlossen wird.

Murat Kurnaz trägt immer noch das Stigma, ein ehemaliger Häftling des amerikanischen Gefangenenlagers Guantanamo auf Kuba zu sein. Der "Taliban aus Bremen", wie ihn die Boulevardpresse einst nannte, wurde auch nach seiner Rückkehr nach Deutschland von vielen Mitmenschen verurteilt. "Ich war nicht in irgendeinem normalen Knast, ich war in Guantanamo", sagt der Deutsch-Türke der DW.

Die Amerikaner beschuldigten ihn, dass er kurz nach den Anschlägen vom 11. September 2011 terroristisch aktiv gewesen sein soll. Das stellte sich später als falsch heraus, aber das Taliban-Etikett blieb hängen. Sein früheres Aussehen - lange, lockige rot-braune Haare und ein buschiger roter Bart, haben dazu beigetragen.

Kurnaz veränderte sein Aussehen

Inzwischen hat er sein Erscheinungsbild verändert. Der Murat Kurnaz, der beim DW-Gespräch in einem türkischen Teehaus in seiner Geburtsstadt Bremen sitzt, hat einen Kurzhaarschnitt und einen Dreitagebart. "Das war keine große Sache, ich hab mich einfach entschieden, ihn abzuschneiden", sagt Kurnaz über die Trennung vom Vollbart. Er entschuldigt sich, dass er eine halbe Stunde zu spät kommt und wirkt zurückhaltend, taut aber nach der ersten Tasse Tee langsam auf. Der 31-Jährige kennt sich mit Pressegesprächen aus. Kurnaz wirkt gelassen und älter, als er wirklich ist.

Ernsthafte gesundheitliche Probleme habe er von der Folter in Guantanamo nicht davon getragen, sagt der Ex-Häftling. "Ich habe einige kleine Verletzungen, aber ich kann nicht sagen, ob die von Guantanamo kommen oder vom Kampfsporttraining", erzählt Kurnaz. "Ich habe auch keine psychologischen Probleme, aber das heißt nicht, dass jeder, der aus Guantanamo entlassen wird, genauso gesund ist." Sein Anwalt Bernhard Docke stimmt ihm zu: "Man konnte von Anfang an sehen, dass er ein aktiver Mensch ist, nicht zerstört durch die Folter."

Einzelhaft und Folter

Der Deutsch-Tuerke Murat Kurnaz zu Beginn einer Sitzung des Unterschungsausschusses des Bundestages in Berlin am Mittwoch, 17. Januar 2007. Der Ausschuss untersucht, ob Kurnaz tatsaechlich von KSK-Soldaten der Bundeswehr im US-Gefangenenlager im afghanischen Kandahar im Januar 2002 misshandelt wurde. (Foto: AP Photo/ Jan Bauer)

Kurnaz' Erscheinungsbild befeuerte Spekulationen der Boulevardpresse

Kurnaz war nach den Terroranschlägen auf das World Trade Center zur falschen Zeit am falschen Ort. Mit 19 Jahren ging er im Oktober 2001 auf eine Pilgerreise nach Pakistan, um mehr über seinen muslimischen Glauben zu erfahren. Dort verkauften ihn Kopfgeldjäger für 3000 Dollar an die US-Streitkräfte. Er wurde in ein Gefangenenlager in Kandahar, Afghanistan, verlegt. Dort war er Elektroschocks und Water-Boarding ausgesetzt, eine Form der Folter, die das Ertrinken simuliert. Dann kam er nach Guantanamo Bay in Kuba. In dem amerikanischen Gefangenenlager für Terrorverdächtige wurde er geschlagen, angekettet und in eine Einzelzelle unter extremen Bedingungen eingesperrt.

Kurnaz befand sich damals in einer ähnlich verzwickten Lage wie viele der 166 Insassen, die immer noch in Guantanamo einsitzen. Mehr als der Hälfte von ihnen wurde ein Freispruch in Aussicht gestellt. Doch die Häftlinge können das Lager nicht verlassen, weil ihre Heimatländer die Sicherheitsbedingungen, die die USA stellen, nicht erfüllen wollen.

Amerika hatte keine Beweise gegen den Deutsch-Türken Kurnaz und war schon 2002 bereit, ihn freizulassen. Aber weder Deutschland noch die Türkei wollten Verantwortung für ihn übernehmen. Deswegen musste er vier weitere Jahre im Gefängnis verbringen. Erst nach der Wahl von Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) kam Kurnaz aus Guantanamo frei. Merkel hatte seine Freilassung persönlich mit dem damaligen US-Präsidenten George W. Bush ausgehandelt.

Ein Leben nach Guantanamo

Kurnaz' erste Frau ließ sich von ihm scheiden, während er in Haft saß. Er heiratete ein zweites Mal und ist jetzt Vater von zwei kleinen Mädchen. Er hat in verschiedenen Berufen gejobbt, Kampfsport unterrichtet und mit schwierigen Jugendlichen gearbeitet. In den vergangenen Monaten war Kurnaz auf Werbetour für den Film "5 Jahre Leben", der auf seiner Autobiografie über die fünf Jahre in US-Gefangenschaft beruht.

Eine Filmszene aus «Fünf Jahre Leben»: Ein Gefangener wird von zwei Soldaten abgeführt. Das Drama über den ehemaligen Guantánamo-Häftling wurde am 23.01.2013 in Saarbrücken beim Max-Ophüls-Filmfestival uraufgeführt. Bundesweiter Kinostart ist am 23.05.2013. (Foto: Zorro Film)

Szene aus dem Film "5 Jahre Leben" nach der Autobiografie von Murat Kurnaz

"Er ist zu seinem normalen Leben zurückgekehrt, aber gleichzeitig hat er nie vergessen, was in Guantanamo passiert ist", sagt Anwalt Docke. "Er hat so etwas wie Schuldgefühle, dieses Gefühl von Verantwortung für die, die er zurückgelassen hat." Kurnaz hält auch Vorträge für Menschenrechtsgruppen in Deutschland und im Ausland. "Ich versuche, alle möglichen Menschenrechtsorganisationen zu unterstützen, weil ich weiß, was sie für mich getan haben, als ich in Guantanamo saß", sagt er.

Kurnaz fordert von Obama Taten statt Worte

Im vergangenen Mai erneuerte US-Präsident Obama sein Wahlversprechen, Guantanamo zu schließen, wenn der Hungerstreik einen kritischen Punkt erreichen würde. Dieses Versprechen wiederholte er bei seinem Besuch in Berlin im Juni.

Kurnaz denkt, dass die wenigen wirklich gefährlichen Terrorverdächtigen in Kuba in ein Hochsicherheitsgefängnis in die USA verlegt werden sollten und der Rest nach Hause oder in ein drittes Land zurückkehren könnte. "Es würde die Dinge einfacher machen, wenn Europa einige von ihnen aufnehmen würde", sagt Kurnaz. Aber er glaube nicht, dass der politische Wille, Guantanamo zu schließen, wirklich vorhanden sei. "Obama hat schon vor den ersten Wahlen gesagt, dass er Guantanamo schließen will", sagt Kurnaz. "Jetzt, fünf Jahre später, hat er es immer noch nicht getan. Wenn er es wirklich wollte, könnte er es auch tun."

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