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Kultur

Die ewige Gewalt von São Paulo

Nach dem schweren Ausbruch von Gewalt in São Paulo scheint sich die Lage wieder etwas beruhigt zu haben. Die Ruhe ist jedoch trügerisch. Der soziale Sprengstoff ist längst nicht beseitigt.

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Politik der harten Hand statt Resozialisierung

Die drittgrößte Stadt der Welt steht unter Schock. Die 20-Millionen Metropole São Paulo war in den vergangenen Tagen Schauplatz des schlimmsten Ausbruches an urbaner Gewalt in der Geschichte Brasiliens. "Das Wochenende hat uns in den Irak versetzt", schrieb die Zeitung "Folha de São Paulo". Auch wenn der Vergleich etwas hinkt; São Paulo und nicht Bagdad war am Wochenende sicher die gefährlichste Stadt der Welt. Fast 100 Menschen fielen der Gewaltwelle marodierender Verbrecherbanden zum Opfer, darunter auch vier Passanten und 39 Polizisten. Im Irak starben am Wochenende im ganzen Land rund 60 Menschen.

Brasilien Gewalt in Sao Paulo

Bilder wie aus dem Irak

"Wir befinden uns in einem wahren Krieg gegen die Mafia", sagte der Landespolizeichef Elizeu Borges. Das Blutbad begann am Freitag (12.5.2006). Junge Männer überfielen Polizei- und Feuerwehrwachen, erschossen systematisch Beamte und warfen Handgranaten. Die Gewalt beschränkte sich nicht auf Elendsviertel, die Verbrecherbanden wüteten auch in den teuren Stadtvierteln von São Paulo. Schulen, Universitäten, Firmen, Läden und Bahnhöfe blieben geschlossen. "Die Stadt war Montagnacht wie leergefegt", sagt Dennis Pauschinger, Mitarbeiter der deutschen Hilfsorganisation Monte Azul, die sich in São Paulo vor allem um Jugendliche aus Elendsvierteln kümmert. "Wir mussten unseren Unterricht absagen", erzählt Pauschinger. Inzwischen habe sich die Situation wieder beruhigt. "Mit einer solchen Brutalität haben wir nicht gerechnet", so Pauschinger.

Eskalation der Gewalt nur eine Frage der Zeit

Dass es aber zu einem Gewaltausbruch kommen würde, das war nicht nur Pauschinger schon vorher klar. Auch Susanne Breuer, Länderreferentin für Brasilien von der katholischen Hilfsorganisation Misereor, ist nicht überrascht: "Seit Jahren nimmt die Gewalt in Großstädten zu. Die Bombe musste irgendwann einmal hochgehen." Es gebe Stadtviertel, wo die Partnerorganisationen von Misereor und andere Hilfsorganisationen schon vor einiger Zeit ihre Arbeit einstellen mussten.

Mafiaterror in Brasilien Polizeipatroulie

Die Mafia regiert die Gefängnisse

Als Drahtzieher der Gewaltwelle gilt das so genannte Erste Hauptstadtkommando (PCC - Primeiro Comando da Capital), eine Mafiagruppierung, die von inhaftierten Drogenbossen angeführt wird. Ihr gehören schätzungsweise 5000 Mitglieder an. Sie wollte offenbar Rache nehmen. So hatte die Regierung 765 Häftlinge in ein Hochsicherheitsgefängnis verlegt. Dabei waren unter anderem auch acht ranghohe Mafiabosse isoliert worden.

Ein Staat im Staat

Das PCC hat in fast allen Gefängnissen im Südosten Brasiliens ihr eigenes Gesetz etabliert. Die Mitglieder kommunizieren unter den Augen und mit der Hilfe korrupter Polizisten und Wächter per Handy und betreiben so Drogen- und Waffenhandel. "Die Gefängnisse sind hoffnungslos überfüllt", sagt Breuer. Die Zahl der Gefangenen soll weiter steigen, von aktuell 330.000 auf 476.000 im Jahr 2007. "Es gibt Häftlinge, die warten seit Jahren auf ein Verfahren", so Breuer. "Oft haben die nur ein Bagatelldelikt begangen oder sind sogar unschuldig, sitzen aber mit Schwerverbrechern in einer Zelle."

Die Verbrecherbanden rekrutieren bereits im Gefängnis neue Mitglieder und nutzen dabei den Frust der jungen Menschen über die riesigen sozialen Unterschiede im Land aus. "Sie machen sich linke Parolen zu eigen und versuchen den Kampf gegen soziale Gerechtigkeit mit ihren kriminellen Zielen zu vereinen", sagt Sergio Costa, Soziologe vom Forschungsinstitut Cebrap in São Paulo.

Problem nicht ernst genommen

Mafiaterror in Brasilien Anschläge auf Polizeiaktion

40.000 Morde im Jahr

Nach Ansicht von Costa haben weder rechte noch linke Politiker eines Lösung für das Gewaltproblem gefunden. "Sie haben diese Frage vernachlässigt, ebenso die Regierung Lula". Auch Pauschinger von Monte Azul ist vom ehemaligen Hoffnungsträger der Armen Luiz Inácio "Lula" da Silva enttäuscht. "Die Hilfsorganisationen hatten sich mehr erwartet".

Mit 40.000 Morden im Jahr ist Brasilien eines der gewalttätigsten Länder der Welt. "50 Prozent der Opfer stammen aus dem Milieu des Drogenhandels", sagt Costa. Angesichts des Ausmaßes der Gewalt gebe es in der Bevölkerung auch wenig Verständnis für gemäßigte Ansätze, die auch die Menschenrechte der Verbrecher berücksichtigen wollen.

Wahlkampfthema Gewalt?

Stattdessen überwiegt eine "Politik der harten Hand", stellt Misereor-Mitarbeiterin Breuer fest. Nachdem die schlimmste Offensive des organisierten Verbrechens inzwischen abgeebbt ist, werden immer mehr Hinweise auf Übergriffe der Staatsmacht bekannt. In den Favelas, den Armenvierteln, sollen maskierte Polizisten unschuldige Jugendliche in den vergangenen Tagen regelrecht hingerichtet haben. Im Internet treten Polizisten bereits offen für die berüchtigten "Todesschwadronen" ein.

Das meist gern verdrängte Thema ist nun viereinhalb Monate vor der Präsidentenwahl ein Politikum. Erste Wahlmanöver sind bereits zu beobachten. Präsident Lula hatte die Entsendung von 4000 Angehörigen der Streitkräfte angeboten. Doch der Gouverneur von Sao Paulo, Claudio Lembo, wies das Hilfsangebot der Zentralregierung in Brasilia zurück. Der Soziologe Costa vermutet wahltaktische Gründe. Lembo ist ein Unterstützer von Lulas mutmaßlich schärfsten Widersacher, Geraldo Alckmin. Alckmin war bis vor wenigen Wochen noch Gouverneur von São Paulo.

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