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Welt

"Die Essensvernichter"

Lange vor der aktuellen Debatte um die Vernichtung von Lebensmitteln begann Valentin Thurn zu recherchieren. Fazit des Publizisten und Filmemachers: "Die Hälfte landet im Müll."

Ein Fleischberg, aufgenommen in Hamburg in einer Szene des Kinofilms 'Taste the Waste' (Foto: dpa)

Fleischberg aus dem Kinofilm "Taste the Waste"

Deutsche Welle: Gibt es zuverlässige Zahlen, wie viele der in Europa und USA produzierten Lebensmittel auf dem Müll landen?

Valentin Thurn: Die Forschungsergebnisse sind nicht sehr präzise. Es gilt die Größenordnung, dass in den Industrieländern ungefähr genau so viel auf dem Müll landet, wie wir essen. Und zwar entlang der ganzen Produktionskette: Das fängt schon in der Landwirtschaft an, weil die Bauern aussortieren, und zieht sich fort über Transport und Handel bis hin zum Verbraucher. Man kann sagen, dass die Zahl der Kalorien, die in Nordamerika und in Europa auf dem Müll landen, ausreichen würde, um die Hungernden dieser Welt drei Mal zu ernähren. Eine Milliarde Menschen hungert und wir wissen, auf der Welt gibt es inzwischen mehr als eine Milliarde  übergewichtiger Menschen. Auch das ist eine Größenordnung.

Was ist die Hauptursache für diese Verschwendung?

Der Filmemacher und Buchautor Valentin Thurn (Foto: DW)

Valentin Thurn fordert mehr Bewusstsein der Konsumenten

Es gibt keinen Bösewicht, auf den wir mit dem Finger zeigen können. Es ist ein System, das sich in den vergangenen Jahrzehnten etabliert hat. Wir als Verbraucher sind mitten drin. Aber ich denke schon, dass es einen zentralen Akteur gibt. Das ist der Handel: Der Handel, der Normen für die Produkte festsetzt, der bestimmt wie landwirtschaftliche Produkte aussehen müssen. Der Handel zwingt die Bauern beispielsweise dazu, Kartoffeln, Karotten, Gurken, die eben nicht dieser Norm entsprechen, die anders aussehen, die krumm gewachsen sind, auszusortieren. Bestenfalls können die Landwirte das noch den Tieren verfüttern, schlimmstenfalls wandert das aber einfach auf den Kompost.

Gibt es einen Zusammenhang zwischen dieser Verschwendung in den reicheren Teilen der Welt und dem Hunger im armen Teil der Welt?

Ja, leider sind wir mit unserem Wegwerf-Verhalten mitverantwortlich für Hungerkrisen. Es ist nicht der Hauptgrund für den Hunger - der liegt in der Vernachlässigung der Landwirtschaft in diesen Ländern über viele Jahrzehnte. Aber wenn man sich vor Augen hält: In Entwicklungsländern wird gehungert, nicht weil es zu wenig Nahrungsmittel auf dem Markt gibt, sondern weil die Menschen sie sich nicht mehr leisten können, weil ihnen die Kaufkraft fehlt.

Lebensmittel liegen in einer Mülltonne (Foto: dpa)

Hunger ist vor allem eine Frage der Verteilung und des Zugangs zu Nahrung

Das liegt daran, dass wir inzwischen von gleichen Getreidemärkten wie die Afrikaner oder Asiaten leben. Wenn wir mehr verbrauchen, wenn die Nachfrage aus Europa steigt - wenn es in die Abfalltonne wandert - dann steigern wir damit die Preise auf dem Weltmarkt. Dann können sich die Menschen, die jetzt hungern, noch weniger leisten. Insofern tragen wir durch unser Wegwerfen auch eine Verantwortung für den Hunger in der Welt.

Was könnten denn die Gesetzgeber in den reichen Gesellschaften tun, um der Verschwendung Einhalt zu gebieten?

Die Politik kann eine ganze Reihe tun. Solche Regulierungen müssen natürlich mit unserer Marktwirtschaft kompatibel sein. Diese können aber bei den Standards und Normen ansetzen, indem man sie nicht so strikt fasst. Die EU ist mit gutem Beispiel vorangegangen, sie hat einige Normen auch zurückgenommen. Leider gilt das für den Handel nicht. Eine krumme Gurke ist das beste Beispiel, weil der Handel seine Normen für solche Produkte weiter behalten hat. Die Politik muss vorangehen, aber die Umsetzung muss in der Wirtschaft folgen.

Aber es gibt noch eine ganze Reihe von anderen Dingen. Was zum Beispiel machen die Supermärkte mit ihren Resten? Statt sie in die Tonne zu werfen, könnten sie die ja auch den Menschen zur Verfügung stellen. Manche Supermärkte geben es den Tafeln [ehrenamtlichen Einrichtungen, die Essensspenden an Bedürftige verteilen, Anmerkung der Redaktion]. Das ist wunderbar, aber das tun nicht alle. Die Politik könnte zum Beispiel die Müllgebühren so stark erhöhen, dass Unternehmen kreativ nach Lösungen suchen, nach anderen Wegen, und Lebensmittel nicht in die Tonne werfen.

Was kann denn der Verbraucher seinerseits machen?

Das schöne an dem Thema ist: Jeder kann etwas tun. Man muss sich eigentlich nur an die eigene Nase packen und in seinen Kühlschrank gucken: Haben wir diese Woche wieder zu viel eingekauft? Warum ist das so? Marktforscher wissen: Wir kaufen irrational ein. Wir kaufen nicht nach den Bedürfnissen ein, die wir eigentlich haben. Die Werbung vermittelt uns viele Bilder. Wir kaufen optional Emotionen ein. Ein Psychologe hat uns einmal in einem Interview gesagt: Der Kühlschrank ist eine Art Stimmungsapotheke.

Wir füllen sie mit anregenden, beruhigenden und was auch immer für Produkten, je nachdem, was uns die Werbung suggeriert. Ich war selbst ein Impulskäufer, das muss ich zugeben. Was mich angelacht hat, das habe ich gerne genommen. Dann habe ich irgendwann festgestellt: Das ist genau das, was ich zu viel gekauft habe. Das musste ich am Ende der Woche wegwerfen. Es ist eine anale Sache: Lieber einen Einkaufszettel machen und wenn man etwas zusätzlich kauft, etwas anderes von dem Einkaufszettel wegstreichen. Und vielleicht nicht einmal die Woche eine Riesenmenge einkaufen, man kann nicht immer so gut planen. Man kann viel leichter planen, wenn man vielleicht zwei, drei Mal die Woche einkauft.

Valentin Thurn hat zusammen mit Stefan Kreutzberger das Buch verfasst: Die Essensvernichter. Warum die Hälfte aller Lebensmittel im Müll landet und wer dafür verantwortlich ist, Kiepenheuer & Witsch, 2011

2011 erschien Thurns Dokumentationsfilm "Taste the Waste".

Audio und Video zum Thema