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Kultur

Die ersten Olympia-Würfel sind gefallen

Träume haben es so an sich, dass sie oft zu schön sind, um wahr zu sein. Leipzigs Traum von Olympia 2012 ist jetzt ausgeträumt. Hanspeter Detmer kommentiert die Entscheidung des Internationalen Olympischen Komitees.

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Jetzt schlägt die Stunde der Besserwisser in Deutschland. Leipzig war doch von Anfang an die falsche Wahl. Was will die Welt noch von deutscher Wiedervereinigungsnostalgie und dem Aufbau der östlichen Bundesländer wissen, die in 40 sozialistischen DDR-Jahren ruiniert worden sind? Wie sollte sich dieses Provinznest Leipzig gegen acht Metropolen von Weltformat behaupten? Zum Spekulativen kam schließlich Handfestes: Die korrupten Verfehlungen innerhalb der Leipziger Bewerbungsgesellschaft hätten schon frühzeitig das vernünftige Ende eines unsinnigen Höhenflugs sein sollen. Und außerdem: Wie kann man sich in einem Land, das eine schwere Finanzkrise durchmacht, Extravaganzen wie Olympische Spiele erlauben?

Der Korruptionsskandal um die Leipziger Bewerbungsgesellschaft war im politischen Sommerloch des Jahres 2003 willkommener medialer Schlagzeilenlückenbüßer. Mit gründlicher deutscher Nabelschau wurde aus einem Alltagskonflikt, den es unbedingt zu lösen galt, fast schon eine Staatsaffäre, die aller Welt mitgeteilt wurde. Dass ein vom Umfang her sogar noch größerer Korruptionsfall auch bei dem Bewerberkonkurrenten Madrid auftrat, davon nahm man in Deutschland keine Notiz. Sie hätte ja die Position der Kritiker geschwächt. Positive Indikatoren wurden dagegen kaum zur Kenntnis genommen.

Ausgerechnet die, die nichts von deutscher Nostalgie wissen wollen, brachten im Zusammenhang mit der New Yorker Bewerbung den 11. September ins Spiel. Zweifelsfrei - dieses Datum markiert eine Katastrophe in der Weltgeschichte. Aber man muss auch wissen, dass gewisse Dinge in großen Teilen der Welt in völlig anderen Zusammenhängen interpretiert werden. Der 11. September wird nach dieser Entscheidung nicht überall als ein Bonus für New York angesehen.

Zum Schluss die Kritik an den olympischen Hirngespinsten: Wer ist noch willens oder überhaupt in der Lage sich daran zu erinnern, dass die Idee, Olympische Spiele 1972 in München auszutragen, ebenfalls in Zeiten einer Rezession entstanden ist? Ein Visionär wie Willi Daume setzte sich damals über temporäres Wehklagen hinweg - und hätte einen uneingeschränkten Triumph davongetragen, wenn palästinensische Terroristen nicht israelische Sportler getötet und menschliche Ideale zerstört hätten.

IOC-Präsident Jacques Rogge hat nur die Namen jener Städte genannt, die jetzt für Olympia 2012 offiziell als Candidate Cities gelten. Leider ist Leipzig nicht dabei. Es ist nicht die Praxis des IOC, eine solche Entscheidung zu begründen. Damit will es denen, denen es nachher leicht fällt, bereits vorher alles besser gewusst zu haben, nicht im nachhinein noch Recht geben. Zum sportlichen Fair Play gehört, dass man nicht über Verlierer herfällt. Vom Verlierer aber wird verlangt, dass er selbstkritisch mit seiner Bewerbung umgeht und die notwendigen Konsequenzen zieht. Nur dann hat er die Chance auf ein Comeback. Das gilt auch für Leipzig.