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Amerika

Die ersten Kumpel dürfen nach Hause

Einen Tag nach ihrer Rettung sind die ersten Bergleute aus dem Krankenhaus entlassen worden. Präsident Piñera versprach, sich für bessere Arbeitsbedingungen in den Bergwerken einzusetzen.

Chiles President Sebastian Pinera mit Kumpel (Foto: AP)

Immer vor Ort: Chiles Präsident Sebastian Piñera

Am Ausgang des Krankenhauses wurden Juan Illanes, Edison Pena und Carlos Mamani von einem Blitzlichtgewitter empfangen. Auf die drei ersten der "33", die aus dem Krankenhaus entlassen wurden, warteten über hundert Journalisten. Es gab ein Winken und ein Lächeln für die Kameras, keine Interviews. Das chilenische Fernsehen begleitete wenig später den 34-jährigen Kumpel Edison Pena, wie er nach dem fast zehn Wochen langen Grubendrama erstmals wieder vor seinem Zuhause stand. "Ich hätte nicht gedacht, dass ich zurückkomme", sagte er. "Das war eine schlimme Erfahrung. Danke, dass ihr daran geglaubt habt, dass wir leben." Nachbarn und Freunde bereiteten ihm einen jubelnden Empfang.

Den "33" geht es gut

Weitere Kumpel sollen noch vor dem Wochenende entlassen werden, teilte die Krankenhausleitung in Copiapó mit. Den meisten der Männer gehe es sehr gut, so der stellvertretende Klinikleiter Dr. Jorge Montes. Wie die Männer das erlebte Trauma psychisch verarbeiten würden, darüber ließe sich jedoch keine Aussage machen, so Montes gegenüber der BBC.

Chilene mit Bild von 33 geretteten Kumpel (Foto AP)

Ganz Chile ist stolz auf seine Kumpel

Der 27-jährige Richard Villaroel Godoy gab der Washington Post inzwischen ein kurzes Telefoninterview. "Wir warteten auf den Tod", sagte der Chilene, der im November Vater wird, über die Anfangszeit. In den 17 Tagen wusste niemand, ob sie in der dunklen, feuchten und heißen Rettungskammer jemals lebend gefunden würden. Doch der Teamgeist habe die Gruppe zusammengeschweißt. "Wenn es einem von uns schlecht ging, hat der Kamerad an seiner Seite ihm geholfen." Ihre Vorräte hätten die Männer streng rationiert. Bis zu ihrer Entdeckung ernährten sich die Kumpel von zwei Teelöffeln Thunfisch pro Tag. Er habe mehr als 12 Kilogramm abgenommen, sagte Villarroel. Die Auffahrt in der Rettungssonde "Phönix" beschreibt er als "ruhig". Er habe Musik gehört, sagte der 27-Jährige.

Bessere Arbeitsbedingungen

Die chilenische Regierung hat den 33 Bergleuten für die nächsten sechs Monate Unterstützung zugesagt. "Wenn wir die Kumpel in 700 Meter nicht alleingelassen haben, dann werden wir sie auch an der Oberfläche nicht alleinlassen", sagt Präsident Sebastián Piñera. Es sei zwar "unmöglich" eine Garantie dafür auszusprechen, dass ein solcher Unfall nie wieder passieren würde, doch eines könne man garantieren: "Niemals wieder werden wir in unserem Land so unmenschliche und unsichere Arbeitsbedingungen erlauben, wie wir sie in der San José Mine vorgefunden haben und wie es sie an vielen Orten in unserem Land gibt", so der Präsident, umringt von Medien, vor dem Krankenhaus in Copiapó.

Chiles Präsident und Kumpel (Foto: AP)

"Alles soll besser werden", verspricht Piñera

Präsident Sebastian Piñera kündigte außerdem ein großes Fest für die Minenarbeiter an, am 25. Oktober in der Hauptstadt Santiago. Dabei solle es auch ein Freundschafts-Fußballspiel zwischen dem Rettungsteam und den Arbeitern geben: "Der Gewinner darf zu mir in den Regierungspalast La Moneda ziehen, der Verlierer muss zurück in die Mine", versuchte der Präsident bei seinem Besuch im Krankenhaus einen Witz.

Auch aus anderen Ländern bekommen die Kumpel jede Menge Angebote: Ein griechisches Bergbauunternehmen hat ihnen Erholung auf einer Insel in der Ägäis in Aussicht gestellt. Fußballclubs in Madrid, Manchester und Buenos Aires wollen sie in ihren Stadien sehen und der bolivianische Präsident Evo Morales hat die Bergleute in seine Residenz eingeladen. Ein Gros der Kumpel hat aber angekündigt, wieder im Bergbau arbeiten zu wollen.

Wut in Mexiko

Die spektakuläre Rettungsaktion hat in anderen Bergbauländern wie beispielsweise Mexiko nicht nur Freude sondern auch Wut auf die eigene Regierung ausgelöst. 2006 sind in dem nördlichsten Land Lateinamerikas 65 Arbeiter in einer Mine verschüttet und fünf Tage nach dem Unglück für tot erklärt worden. Nach ihnen wurde nicht gesucht, sie wurden nie gefunden. Die Witwe eines der Verschollenen sagte der Nachrichtenagentur dpa, man könne Mexiko und Chile zwar nicht vergleichen, es sei jedoch traurig zu sehen, wie unterschiedlich mit den Angehörigen umgegangen worden sei: "Die Chilenen standen zu den Angehörigen und haben ihnen geholfen. Uns hat die Regierung damals angegriffen und für verrückt erklärt."

Kamera in der Atacama - Wüste (Foto: AP)

Die Atacama-Wüste im Fokus: Unter diesen Bergen schlummert ein gigantischer Reichtum. Wird sich an den Arbeitsbedingungen der Bergleute wirklich etwas ändern, wenn die Medien nicht mehr hinschauen?

Chile, der Vorzeigestaat? Man müsse erst noch sehen, wem Piñeras Worte gelten, den Kumpel oder den Medien, hieß es von der Gewerkschaft. "Der Staat hat den geretteten Kumpeln keine Pension angeboten, keine Entschädigung und keine Stipendien für ihre Kinder", sagte der Gewerkschaftschef des Unternehmens, Javier Castillo gegenüber dpa. Damit nicht genug: Der Betreiber, das Minenunternehmen San Esteban, ist zahlungsunfähig. Fraglich, ob er den Schadensersatzforderungen in Millionenhöhe nachkommen kann, die 27 Familien der 33 Kumpel von ihm und dem Staat einfordern.

Vorzeigeland Chile?

Die Mine sei schon lange als gefährlich bekannt gewesen, weil sie in einer geologisch instabilen Region liege. Seine Gewerkschaft habe die Behörden seit 1999 davor gewarnt: "Es gab nie eine Reaktion", sagt Castillo, dessen linke Hand seit einem Minenunfall verkrüppelt ist. Im Bergwerk San José sind nach Angaben von Castillo seit 1996 zwei Arbeiter ums Leben gekommen und drei erlitten Amputationen. Die Familien der geretteten Kumpel erhalten Geld aus einem Fonds für Notfälle. Aber von den anderen 328 bisherigen Arbeitern haben mehr als zwei Monate nach dem Unglück nur 5 einen neuen Job. Die anderen warten noch immer auf ihre Entschädigung.

Konflikte im Bergbau

Unglück in Kohlemine inMexiko, 2006 (Foto: AP)

2006 stürzte in Mexiko die Mine Pancha de Conchos ein.

Nach Schätzungen des Internationalen Verbands der Bergbaugewerkschaften kommen weltweit jedes Jahr mindestens 12.000 Kumpel bei ihrer Arbeit ums Leben. In Lateinamerika, stellt der Bergbau fast in jedem Land eine bedeutende Säule der nationalen Wirtschaft dar. In Chile beispielsweise hat sich die Produktion im Sektor zwischen 1991 und 2005 verdreifacht, gleichzeitig ist jedoch die Beschäftigung um 40 Prozent zurückgegangen. Denn die großen Bergwerksgesellschaften fördern Metalle und Kohle überwiegend im Tagebau. Mit modernster Technologie, riesigen Schaufelradbaggern und vergleichsweise wenig Personal werden gigantische Mengen von Gestein bewegt, um an die begehrten Rohstoffe zu kommen. Häufig werden die Metalle mit Hilfe chemischer Substanzen aus dem Gestein gelöst. So kommt der eigentliche Widerstand gegen den heutigen Bergbau weniger von den Arbeitern in den Minen, sondern von der Landbevölkerung der umliegenden von Umweltverschmutzung bedrohten Gegenden.

Zu den Aussichten der Geretteten, ihre Geschichten aus der Tiefe für bis zu 50 000 Euro an Medien unter anderem aus Deutschland zu verkaufen, sagt Castillo: "Einem Armen kann nichts Schlimmeres passieren, als über Nacht reich zu werden." Aber vielleicht stimmen die Gerüchte ja, dass die 33 noch in der Tiefe einen Pakt geschlossen haben: Alle Einnahmen sollen in einen großen Topf kommen, aus dem jeder einen gleichen Teil erhält. Dann könnten sie ihre wunderbare Geschichte doch noch gemeinsam zu Gold machen.

Autorin. Anne Herrberg (dpa, afp, kna, bbc)

Redaktion: Oliver Pieper

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