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Musik

Die erstaunliche Geschichte des Tim Linde

Wie kann man in Deutschland noch Popstar werden? Mit Glück. Oder mit deutschen Texten und Heimatgefühl - wie der Hamburger Liedermacher Tim Linde gerade zeigt.

Während Nachwuchs-Rockstars ihre Amateurvideos auf YouTube posten, in der Hoffnung irgendwann mal berühmt zu werden, musste Tim Linde nur eines tun: Auf der Taufe seiner kleinen Tochter ein Lied singen. Eigentlich war es nur eine persönliche Geste, im kleinen Kreis. Doch mit diesem Moment änderte sich das Leben des 38-Jährigen. Und das 20 Jahre nachdem er seinen Traum, Popstar zu werden, aufgegeben hat.

"Es waren einfach viele Zufälle, die da zusammengekommen sind", erzählt Linde. "Wenn da nur ein einziges Steinchen nicht drin gewesen wäre, dann wäre es nie dazu gekommen.

Linde, der eine eigene Filmproduktionsfirma betreibt, beschloss, als Andenken für die Taufgäste den Song "Wasser unterm Kiel" im professionellen Tonstudio aufzunehmen. Er lernte René Münzer kennen, der schon erfolgreiche Popgruppen wie "Orange Blue" produziert und eng mit TV-Moderator Stefan Raab zusammengearbeitet hat. Er nahm Tim Linde unter Vertrag und veröffentliche im Herbst 2014 das erste Album "Menschenverstand". In der Zwischenzeit war aus dem unbekannten Nordlicht eine Art Mediensensation in Deutschland geworden. Es wurde viel über ihn berichtet - und schließlich landete er in den deutschen iTunes-Charts auf Platz zwei - direkt hinter Megastar Helene Fischer.

Helene Fischer (Foto: DW popXport)

Helene Fischer hat mehr als sieben Millionen Platten verkauft

Linde schreibt erdige Songs mit Liedermacher-Attitüde, während Helene Fischer ihre Schlager im Hochglanz-Pop-Outfit präsentiert. So unterschiedlich beide sind: Sie stehen für eine wachsende Anzahl von unter 40-jährigen Künstlern, die sich wieder auf ihre Wurzeln besinnen und selbstbewusst die deutsche Muttersprache zelebrieren. Noch "radikaler" ist Andreas Gabalier, ein 30-jähriger Österreicher, der in Lederhosen auftritt und in breitestem Alpenslang singt. Oder De Fofftig Pens - eine junge Elektro-Pop-Band, die auf Plattdeutsch singt, ein Dialekt, der in Norddeutschland und entlang der deutsch-niederländischen Grenze gesprochen wird.

Das Geheimnis des Erfolgs: Tu es einfach!

Als Produzent René Münzer Tim Linde unter Vertrag nahm, hörte er auf sein Bauchgefühl: "Wenn du was Gutes hörst, dann musst du es einfach machen. Dann darfst du nicht lange nachdenken, ob das jetzt gerade aktuell ist oder ein interessanter Stil."

Am meisten beeindruckten Münzer die Texte der Songs. "Gute Musik in deutscher Sprache heißt, dass auch der Text gut sein muss." Von den Rappern der Fantastischen Vier bis hin zum Soulbarden Xavier Naidoo hat sich gezeigt, dass deutsch-sprachige Musiker dann den größten Erfolg haben, wenn sie gut mit Worten umgehen können. Bei englischer Popmusik spielt das nicht so eine große Rolle – die meisten deutschen Fans achten nicht so sehr auf die Texte und verstehen nicht jedes Wort.

Lindes Texte handeln viel von den Zehn Geboten aus der Bibel, dann garniert er seine Lieder noch mit väterlichen Ratschlägen: "Was du nicht willst, das man dir tu, das füg auch keinem anderen zu, schaue jedem freundlich ins Gesicht", heißt es in seinem Song "Wasser unterm Kiel".

Auf einen wie ihn haben viele gewartet

Hamburg bei Nacht (Foto: dpa)

Hamburg bei Nacht - ein besonderes Stück Norddeutschland

Texte mit Herz und Seele, gefällige Melodien, der sentimentale Klang der Mundharmonika und immer den Blick in die Weiten der norddeutschen Landschaft gerichtet: Linde nennt seine Musik "Liedermacher-Pop". Und scheint damit eine große Lücke zu füllen. "Die typischen Liedermacher finden eigentlich gar nicht statt heutzutage, obwohl es dafür ein großes Publikum gibt", erklärt Münzer. "Es gibt Popmusik und es gibt Schlager, und Schlager beschränkt sich auf Diskofox."

Und jetzt ist Tim Linde da. Schon wird er mit dem Altmeister der deutschen Liedermacherszene, Reinhard Mey (72) verglichen. Lindes "Wasser unterm Kiel" hat 250.000 YouTube-Klicks, seine Fans kommen nicht nur von der "Waterkant", sondern aus ganz Deutschland – sein starker Bezug zur norddeutschen Heimat stört noch nicht mal die Bayern, die eher einen Bezug zu Bergen als zum Meer haben.

Die Deutschen lieben exotische Klänge

Andreas Gabalier, österreichischer Musiker (Foto: Getty Images)

Andreas Gabalier lebt seinen alpenländischen Style voll aus

Exotisch - das muss in Deutschland nicht unbedingt ein beschwingter Bossa Nova aus Brasilien sein - da reicht auch schon ein Song in einem starken Dialekt. "Wenn ein Bayer etwas Norddeutsches hört, kann das für ihn schon exotisch klingen", erklärt René Münzer. Und tatsächlich feierte zuletzt auch ein großes Münchener Publikum einen Abend mit kölschen Liedern - Songs von Kölner Musikern, die außerhalb des Rheinlands kaum verstanden werden. Was aber überall verstanden wird, ist die Heimatverbundenheit, die aus den Mundart-Songs spricht.

Jakob Köhler von der Mundart-Band De Fofftig Penns dreht es noch weiter: "Regionalverbundenheit ist immer auch ein bisschen das Jonglieren mit Klischees. Der Bayer trägt Lederhose und trinkt Bier, der Hesse nur Äppelwoi (Apfelwein), der Norddeutsche Tee. Und dabei schaut er griesgrämig vom Deich aufs Wasser raus. Das stimmt ja alles gar nicht mehr. Aber wenn man das Thema 'Herkunft' ein bisschen selbstironisch interpretiert, entstehen tolle Sachen. Und tolle Sachen mögen die Leute überall.“

Nachdem der deutsche Musikmarkt jahrzehntelang von englisch-sprachiger Pop- und Rockmusik beherrscht war, und später deutsche Acts genau diese Musik mit deutschen Texten versehen haben, kommt mit Schlager, Folk und Liedermacher-Pop eine Musik, mit der man sich identifizieren kann – und in Tim Lindes Fall wirkt es fast schon kurios: "Die Schleswig-Holsteiner feiern mich als Schleswig-Holsteiner. Gleichzeitig wurde ich 'Hamburger der Woche', während die regionalen Medien am Niederrhein sagen, ich sei einer von ihnen", erzählt Tim Linde, der zwar im niederrheinischen Krefeld geboren wurde, aber schon seit vielen Jahren bei Hamburg lebt.

Immer die Realität im Auge behalten

Der deutsche Liedermacher Tim Linde (Foto: Tim Linde)

Linde spielt am liebsten live - weil er das Feedback mag

Tim Linde bleibt trotz seines schnellen Erfolgs auf dem Teppich: "Da ich Familie habe, kann ich nicht sagen, ich ziehe jetzt meine Lederjacke an und werde Rockstar. Ich muss gucken, dass alles in seriösen und planbaren Bahnen bleibt". Er und sein Produzent sind sich bewusst, dass zurzeit mit 250.000 YouTube-Klicks und einer guten Charts-Platzierung noch nicht der Lebensabend gesichert ist. Die vielen Möglichkeiten, durch Streaming und Downloadplattformen billig an Musik zu kommen, machen Newcomern wie ihm das Künstlerleben nicht einfach. "Musik hat einfach ihren Stellenwert deutlich verloren. Sie ist eine beiläufige Ware geworden", bedauert Münzer. "Wenn man es als Musiker schafft, ist es wie ein Lottogewinn."

So arbeitet Tim Linde tagsüber weiter als Kameramann, nebenbei wird er allerdings an seiner nächsten Platte arbeiten – Konzerte sind für die kommenden Monate auch schon geplant. Und den Grund für seinen Erfolg, den verliert er nicht aus dem Auge – schließlich ist sein Hit "Wasser unterm Kiel" einzig und allein für seine kleine Tochter entstanden: "Das ist kein Show-Produkt, sondern sie schläft jeden Abend tatsächlich zum Schlaflied ein. Und 'Wasser unterm Kiel' ist nach wie vor einer der Smash-Hits, da flippen die Kinder aus."