1. Inhalt
  2. Navigation
  3. Weitere Inhalte
  4. Metanavigation
  5. Suche
  6. Choose from 30 Languages

Politik

Die Erhebung der Massen

Es ist eine französische Revolution: Die Massen werden mobilisiert – Nur diesmal erheben sich die Franzosen nicht gegen die Monarchie, sondern gegen Jean-Marie Le Pen.

default

Angst vor Le Pen

Le Pen trägt neuerdings eine schwarze Augenklappe und Hitlerbärtchen, sein zuvor kahles Haupt ist wie durch ein Wunder bedeckt von schwarzem, zur Seite gekämmten Haar - so wird er zumindest auf Plakaten von Le Pen-Gegnern gezeigt.

Am 1. Mai demonstrierten mehr als 1,3 Millionen Menschen in Frankreich gegen Le Pen und gegen Fremdenfeindlichkeit. So viele Franzosen haben sich noch nie zuvor aus Protest gegen Fremdenhass auf die Straße begeben. Allein in Paris demonstrierten 400.000 Menschen gegen den rechten Politiker, damit ging nahezu jeder fünfte Einwohner von Paris auf die Straße. In anderen Städten waren es Zehntausende. Städte wie Grenoble und Bordeaux erlebten die größte Demonstration seit Kriegsende.

"Wir sind alle auf der Straße"

Anti-Le Pen Demonstration in Paris

künstlerische Verfremdung von Le Pen

Zu der Kundgebung hatten neben Studenten auch Gewerkschaften, Politiker, Menschenrechtler und andere Organisationen aufgerufen. Und die Franzosen kamen. Sie strömten zur Place de la Republique. Schnell waren angrenzende Straßen von der Menschenmenge verstopft. Unter den Demonstranten waren Spitzenpolitiker wie der Pariser Bürgermeister Bertrand Delanoe, die Sozialministerin Elisabeth Guigoi, der Sozialist Dominique Strauss-Kahn, der Kommunist Robert Hue, der Europapolitiker Daniel Cohn-Bendit und der Globalisierungsgegner José Bové.

Auf dem Weg durch die Stadt riefen die Menschen in Sprechchören "Le Pen Du bist am Ende, wir sind alle auf der Straße" und "Lieber den Betrüger wählen als den Faschisten." Auf Plakaten standen Slogans wie: "Nieder mit Le Pen, es lebe die Republik" oder "Ich liebe die Demokratie". Andere hatten sich ganz kurz gefasst und einfach nur "Nein" geschrieben – was gemeint war, wusste trotzdem jeder.

Die schwarzen Schafe unter den Franzosen

Nicht nur die Gegner von Le Pen verließen am 1. Mai ihre Wohnungen. Der Front National schaffte es immerhin, zwischen zehn- und zwanzigtausend Anhänger zu mobilisieren. Das waren zwar mehr als sonst, erwartet hatte der FN-Chef Le Pen jedoch rund 100.000 Menschen. Wie jedes Jahr legte er auf dem Weg durch Paris am Denkmal der französischen Nationalheiligen Jeanne d'Arc einen Strauß Lilien ab.

Die Le Pen-Anhänger erinnerten auf ihrem Marsch an die Korruptionsaffären, in die Chirac verstrickt ist. Ihr Tenor: Chirac sei ein Verbrecher, der sich auf Kosten Frankreichs ein schönes Leben gemacht hat. Man hörte Parolen wie "Chirac ins Gefängnis", "Kommunisten sind Mörder" oder "Stolz, Franzosen zu sein". Le Pen selber sagte in einer Ansprache unter dem Jubel seiner Anhänger "Noch vor drei Jahren haben sie uns gesagt, wir seien tot, aber heute findet unter den Füßen unserer Feinde ein Erdbeben statt."

Blumen auf der Saine

Anti Le Pen Demonstration in Frankreich

Le Pen erinnert einige Demonstranten an Adolf Hitler

Die Gewalt im Kielwasser des Front National wurde von deren Anhängern nicht erwähnt. Rund Tausend ihrer Gegner dagegen vergaßen nicht: Vor sieben Jahren, nach einer Kundgebung der FN, töteten Skinheads den Marokkaner Brahim Bourama. Sein Fehler: Er war Araber. Am ersten Mai gedachten tausende Menschen dieses Mordes und ließen Blumensträuße in der Seine schwimmen, in der Brahim Bourama ertrunken war.

Zu den erwarteten Straßenschlachten zwischen Anhängern und Gegnern Le Pens kam es jedoch nicht. In Paris überwachten Tausende von Polizisten die Menschenmenge. Sie waren ausgerüstet mit Mannschaftswagen, Hubschraubern und Überwachungskameras. Nur ein paar kleinere Zwischenfälle trübten den 1. Mai.

Ein schmachvoller Sieg steht bevor

Insgesamt können die Franzosen zufrieden sein mit den Demonstrationen gegen Le Pen. Dennoch wollen ihm nach einer Umfrage des Instituts Ipsos immerhin 10 Prozent der Wahlberechtigten ihre Stimme geben. Fast ebenso viele schließen zumindest nicht aus, für Le Pen zu stimmen. Somit kann Le Pen damit rechnen, dass 19 bis 26 Prozent der Wähler ihn zum Präsidenten haben wollen. Trotz der Gefahr, dass ein Rechtsextremer Präsident werden könnte, wollen ein Drittel der Befragten sich der Stimme enthalten.

Chirac wird nach der Umfrage zwischen 74 und 81 Prozent der Stimmen bekommen. Die Stimmung am 1. Mai machte jedoch sehr deutlich, dass viele Franzosen Chirac nicht aus Überzeugung, sondern als das geringere Übel wählen werden.

Die Redaktion empfiehlt

WWW-Links