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Hintergrund

Die Entdeckung der Langsamkeit

Die Kälte hat uns fest im Griff. Selbst die modernste Technik stößt an ihre Grenzen. Mitten im Weihnachts-Stress geht plötzlich alles viel langsamer. Für Hektiker eine mittlere Katastrophe. Aber nicht jeden stört's.

Der 4-jährige Janik nutzt den Wintereinbruch, um am Brandenburger Tor Ski zu fahren. (Foto: dpa)

Kindlicher Skifahrerspaß am Brandenburger Tor

Da denken wir immer, wir hätten alles im Griff mit unserer hochmodernen Technik. Fliegen mal eben für ein "Meeting" nach London; tippen am akustisch völlig überfrachteten Flughafen wie wild auf unserem Laptop herum, um noch in letzter Minute Weihnachtsgeschenke beim Online-Versandanbieter zu bestellen. Denn der liefert sie direkt und noch dazu hübsch verpackt an die gewünschte Adresse. Wir sind eben bestens organisiert, mobil und sowieso immer erreichbar.

Schnee und Glatteis sorgen für kilometerlange Staus auf den Autobahnen, wie hier auf der A1 bei Wuppertal. (Foto: dpa)

Stillleben auf der Autobahn

Bis uns plötzlich die Natur einen fetten Strich durch die Rechnung macht. Da bricht draußen vor unserem Fenster tatsächlich der Winter ein, dicke Schneepracht inklusive. Und eh man sich versieht, wird der viel besungene Traum von der weißen Weihnacht zum Albtraum: Die Züge fahren nicht mehr regelmäßig, Flughäfen werden gesperrt und LKWs können die Supermärkte nicht mehr rechtzeitig mit Frischware beliefern. Unsere gesamte Planung gerät ins Wanken. Eine Katastrophe?

Die Natur schlägt zurück

"Nein.", sagt Karlheinz Geißler. Er ist emeritierter Professor für Wirtschaftspädagogik an der Universität der Bundeswehr in München und forscht seit einigen Jahren über unseren Umgang mit Zeit. Die momentane Situation mache deutlich, wie sehr wir mit unserer Zeitplanung bereits überziehen. Denn auch wenn eine gewisse Planung unseres Alltags notwendig sei, so habe diese Grenzen. "Wir wollen immer noch schneller werden, noch mehr Dinge in der gleichen Zeit erledigen. Aber die Natur hat einen anderen Rhythmus." Für Geißler ist der Konflikt daher programmiert: Je schneller wir werden, desto öfter schlägt die Natur zu.

In der Tat, erst im April hatte die vielerorts verfluchte isländische Vulkanasche ganz Europa ins Chaos gestürzt. Für mehrere Tage kam in Nord- und Mitteleuropa der Flugverkehr zum Erliegen. Tausende Reisende saßen an den Flughäfen fest; die Luftfahrtgesellschaften machten hohe Verluste.
Und doch scheinen wir nichts daraus gelernt zu haben. Karlheinz Geißler sagt, wir seien regelrecht besessen davon, unsere Zeit immer weiter zu verdichten: "Schauen Sie nur in die Werbung. Dort wird uns ständig versprochen, dass alles noch einen Tick schneller geht." Solange diese Mentalität Zuspruch finde, werde sich nichts ändern, so der Zeitforscher.

Eine Joggerin am Berliner Spreeufer vor der verschneiten Oberbaumbrücke (Foto: dpa)

Gewonnene Zeit: Während Berlin im Schnee versinkt, genießt diese Frau das Winterwetter

Schlitten statt Auto

Dabei scheinen einige von uns - nach anfänglichem Bestürzen über die widrigen Wetterverhältnisse - die weiße Winterlandschaft inzwischen zu genießen. Wer kann, hat das Auto längst gegen einen Schlitten eingetauscht; nicht zwingend notwendige Reisen wurden abgesagt. Und so hat die neu entdeckte Langsamkeit auch ihr Gutes. "Natürlich ist es frustrierend, wenn ich nicht zu dem komme, was ich mir vorgenommen hatte. Andererseits habe ich plötzlich wieder Zeit für Dinge, die ich mir vorher gar nicht leisten konnte.", sagt Geißler.

Vom selbst auferlegten Terminzwang befreit - daran müssen sich viele erst gewöhnen. Wer hätte das auch gedacht? Was eben noch Priorität hatte, ist mit einem Mal unwichtig - weil es nicht erreichbar ist. Und plötzlich bleibt wieder Zeit, um ungestört Musik zu hören, ein gutes Buch zu lesen oder einfach nur aus dem Fenster zu schauen und dem Treiben der weißen Flocken zu folgen. Wir sollten diese erzwungene Auszeit unbedingt genießen. Denn ewig wird das winterliche Wetter auch nicht anhalten und die nächste Stressphase kommt bestimmt. Autorin: Elisabeth Jahn
Redakteurin: Aya Bach

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