1. Inhalt
  2. Navigation
  3. Weitere Inhalte
  4. Metanavigation
  5. Suche
  6. Choose from 30 Languages

Sprachbar

Die Endlichkeit des Seins

Von Geburt an ist es klar: Das Leben wird einmal enden. Die deutsche Sprache ist dabei ein Spiegelbild des Umgangs in der Gesellschaft mit dem Thema. Sie umschreibt und beschönigt, ist manchmal aber auch derb und direkt.

Audio anhören 07:08

Die Endlichkeit des Seins

Je älter ein Mensch wird, umso mehr ist er damit konfrontiert: mit der Tatsache, dass sein Leben einmal enden wird. Für junge Menschen ist dieses Thema oft ganz weit weg. Doch auch die Älteren sprechen nicht so gern darüber, schweigen es tot. Sterben – ich? Nein. Der Tod, das finale Ende eines Lebens, und das Sterben, der Prozess, der zum Tod führt, sind Tabuthemen.

Sterben: verhüllen statt klar formulieren

Wer mit anderen darüber redet, verwendet selten eine direkte Sprache. Stattdessen wird umschrieben und verhüllt, statt klar formuliert. Wendungen, die das Wort „sterben“ beinhalten, sind rar gesät, Euphemismen, beschönigende, weniger unangenehme Wörter und Wendungen, umso zahlreicher. So ist die letzte Stunde gekommen, sie schlägt oder die Uhr abgelaufen.

Das sind bildhafte Ausdrücke, denen eines gemeinsam ist: die Zeit. Sie ist Symbol für die Vergänglichkeit alles Lebens auf der Welt. Der Sterbende nimmt von ihr Abschied. Und wenn die Zeit abgelaufen, das Lebenslicht erloschen ist, dann …? Ja, was dann? Aus. Ende. Jemand hat die Augen geschlossenfür immer – und tritt seine letzte Reise an. Nur wohin?

Sterben: die letzte Reise nach …?

Ein Schild mit der Aufschrift: Morgen letzter Tag

Mancher weiß nicht, wann sein letzter Tag ist, seine letzte Reise beginnt

Je nach Religion oder Glauben können das beispielsweise die ewigen Jagdgründe sein, in die jemand eingeht, die durch die Romane Karl Mays bekannt wurden, oder der Himmel, denn in die Hölle will ja keiner. Die Buddhisten hoffen darauf, irgendwann den Kreislauf des Wiedergeborenwerdens zu durchbrechen und endlich ins Nirwana einzugehen.

Wer in den letzten Zügen liegt, also merkt, dass er die letzten Atemzüge tut, es bald mit ihm zu Ende geht, kann sein bisheriges Leben überdenken – sofern er geistig dazu noch in der Lage ist. Manch einer hat allerdings gar keine Zeit, sich Gedanken über das Sterben zu machen. Denn er wird urplötzlich aus dem Leben gerissen. Von einem Moment zum nächsten ist alles aus. Der Lebensfaden ist abgeschnitten.

Sterben: distanzierte Sprache

Und das kann irgendwann, irgendwo sein, auf einem Flug, während eines Café- oder Discobesuchs, im Straßenverkehr oder zu Hause vor dem Fernseher. Wer rechnet zum Beispiel schon damit, dass ein Pilot ein Flugzeug bewusst zum Absturz bringt, oder dass Terroristen, die einer Ideologie folgen, wahllos unschuldige Menschen hinmetzeln? Die Art und Weise, wie jemand ums Leben kommt, ist höchst verschieden. Und da ist sie – die Standardwendung der Nachrichtensprache, das Synonym für plötzliches Sterben.

Ob jemand mit dem Auto gegen einen Baum geprallt ist, beim Schwimmen ertrunken ist oder erschossen wurde: Er ist ums Leben gekommen, erlag seinen Verletzungen oder starb eines gewaltsamen Todes. Nachrichtensprache ist nüchtern, sachlich. Umschreibende, bildhafte Begriffe und Wendungen: Fehlanzeige. Schließlich ist das ja das Wesen der Nachrichten: sprachliche Distanz zu wahren.

Sterben: derbe Sprache

Ein Warnschild an einer Autobahnauffahrt mit einer Hand, dem Straßenzeichen für Einfahrt verboten und der Aufschrift Stop, Falsch

Achtung: Hier könnte man hopsgehen

Weniger zimperlich ist hier die Umgangssprache. Da beißt jemand ins Gras, nippelt ab, segnet das Zeitliche oder gibt den Löffel ab – Wendungen, die Bilder im Kopf erzeugen. Wer ins Gras gebissen hat, liegt – wie ein im Kampf gefallener Soldat – mit dem Gesicht nach unten auf dem Boden. Wer keinen Löffel mehr hat, dem fehlt ein wichtiger Teil des Essbestecks.

Jemand kann auch hopsgehen oder draufgehen, wenn er auf Mahnungen, vorsichtig zu sein, nicht hört. Eher derb sind Begriffe wie krepieren, verrecken oder abkratzen. Wer solche Wörter benutzt, hat in der Regel wenig übrig für eine sterbende oder verstorbene Kreatur – egal ob Mensch oder Tier.

Sterben: die Gefühle

Eien verwelkte Primel in einem Blumentopf

Mancher geht ein wie eine Primel

Gefühlsmäßige Begleiter des Tabuthemas sind unter anderem Abschied, Trauer, Kummer, Schmerz, Tränen, Hilflosigkeit, Ohnmacht. Aber auch Wut, Hass, Ärger auf der einen, Freude, Liebe und große Dankbarkeit auf der anderen Seite. Positive wie manchmal auch negative Gefühle bleiben oft über den Tod hinaus, kennen kein Verfallsdatum.

Aber auch Gefühle können sterben, sterben ab, erfrieren wie Gliedmaßen, die nicht mehr durchblutet sind, wie Pflanzen, die keine Nahrung mehr bekommen oder geschädigt sind. Fehlende Liebe, Verletzungen, Enttäuschungen können Gründe sein. Mancher geht dann im übertragenen Sinn ein wie eine Primel, stirbt innerlich ab. Die Fachsprache kennt dafür den Begriff der „Depression“.

Sterben: die Unsterblichkeit

Biologisch gesehen läuft das Sterben in mehreren Stufen ab – bis zur letzten Stufe, dem Hirntod. Nach und nach sterben dann die Körperzellen ab, die körperliche Hülle zersetzt sich. Das, was übrig bleibt von einem menschlichen Wesen, sind die sterblichen Überreste, der Leichnam.

Denn noch ist es nicht gefunden, das Mittel, unsterblich zu werden, ewig zu leben. Seit Anbeginn seiner Existenz träumt der Mensch von der Unsterblichkeit. Wäre das ein wirklich erstrebenswerter Zustand?

Sterben: ein Sprichwort

Die Antworten darauf dürften so mannigfaltig sein, wie die Zahl an Menschen, die auf unserem Planeten leben – wie auch die Antworten auf dieses japanische Sprichwort: „Es ist leicht zu sterben, aber schwer zu leben.“




Arbeitsauftrag
Lest euch diesen persönlichen Beitrag durch und fasst die Meinung des Autors schriftlich zusammen: http://bit.ly/1OOj7bX.

Die Redaktion empfiehlt

WWW-Links

Audio und Video zum Thema

Downloads