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Die Dynamik der Rituale

Der Mensch kann vielleicht ohne Glauben auskommen, aber nicht ohne Rituale. Neue Ritualisierungen entstehen mit atemberaubender Dynamik. Ein Forschungsbereich der Uni Heidelberg will klären, wozu wir sie brauchen.

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Was hat Lithurgie mit Matrix gemein?

Man kann eine virtuelle Kerze anzünden und ein Fürbittegebet anklicken. Man kann ein Labyrinth betreten, dort virtuellen Fußstapfen folgen und an einzelnen Wegstationen meditieren. An der Heidelberger Universität werden diese modernen Erscheinungsformen des Religiösen seit vier Jahren im Rahmen des Forschungsprojekts "Ritualdynamik" erforscht. Beteiligt sind alle Disziplinen der Kulturwissenschaften: von der klassischen Indologie über die Ethnologie und die Soziologie bis hin zur Religionswissenschaft. Das Forschungsprojekt Ritualdynamik ist auf zwölf Jahre angelegt.

Neue Ritualräume

Gerade im Internet treffen die Forscher dabei auf Erstaunliches. "Im Internet gibt es neue Ritualräume", sagt der Religionswissenschaftler Gregor Ahn. Computer-User nehmen Avatar-Figuren und treffen sich virtuell mit anderen solchen Stellvertretern. "In diesen Versammlungsräumen, die zum Teil Kirchencharakter haben, finden regelrechte religiöse Versammlungen statt und es werden auch Gottesdienste abgehalten."

Warum diese Forschung für die Wissenschaftler so spannend ist, erklärt Simone Heidbrink, wissenschaftliche Mitarbeiterin am Heidelberger Projekt: "Wie Individuen glauben, was sie tun und wie sie Rituale durchführen, das war bislang nicht sichtbar zu machen. Da gibt erst das Medium Internet dem Individuum eine Stimme. Wir können so erkennen. was ganz normale Menschen auf der Straße glauben."

Matrix und Jesus

So wie sich Menschen oft ihren Glauben im Sinne einer Patchwork-Religion zusammen basteln, so kreieren sie auch neue Rituale im Internet. Simone Heidbrink hat zum Beispiel herausgefunden, dass junge Christen in den angelsächsischen Ländern Elemente aus der Filmtrilogie "Matrix" für ein eigenes Ritual entnommen haben: "Es geht darum, dass Menschen, ohne es zu wissen, in einer virtuellen Realität leben, die ihnen vorgegaukelt wird - der Matrix. Wenn man eine rote Pille nimmt, dann erkennt man die Realität, wenn man die blaue Pille nimmt, bleibt man in der Illusion gefangen." Und diese Filmszene wird übertragen und religiös aufgeladen: Wenn man die rote Pille nimmt, dann folgt man Christus nach, und wenn man die blaue Pille nimmt, dann bleibt man verhaftet in seinem vorigen Leben - das Motiv wird übernommen und in ein Ritual umgesetzt

Symbolbild Blaue und Rote Pillen Mediakment Arznei Gesundheit

Erkenntnis oder nicht?

Für die Heidelberger Ritualforscher steht inzwischen fest: Rituale sind nicht so starr und unveränderlich, wie man gemeinhin glaubt; Rituale sind vielmehr dynamisch, sie verändern sich immer wieder. Das geschieht vor allem dann, wenn sie von einer Kultur oder Religion in eine andere übertragen werden. Es werden auch immer wieder neue Rituale entworfen. Und, ganz entscheidend: Ihre eigentliche Bedeutung erhalten Rituale erst durch die teilnehmenden Personen.

Handlung und Wesen

Früher hat man gedacht, dass jedes Ritual als Handlungsakt einen festen Wesenskern, einen festen Sinn, eine feste Bedeutung und Funktion hat. "Wir haben inzwischen erkannt, dass Ritualen von den Teilnehmern unterschiedliche Bedeutungen zugeschrieben werden. Was wir erforschen wollen, sind die Bedeutungszuschreibungen durch die einzelnen Partizipanten", sagt Ahn.

Für das Ritual der christlichen Abendmahlsfeier zum Beispiel heißt das: Entscheidend ist nicht, was die Kirche darüber lehrt, sondern wie es die Teilnehmer für sich selbst erfahren und deuten. "Und da ist ja eine tolle Erkenntnis, weil die sich völlig von der klassischen Wahrnehmung von Religionen unterscheidet", sagt der Ritualforscher. Das heißt: Rituale bleiben vieldeutig, die Menschen machen mit ihnen was sie wollen. Über diese grundlegenden Erkenntnisse aus dem Forschungsprojekt Ritualdynamik sei er, so Professor Ahn, inzwischen auch im Gespräch mit katholischen Liturgie-Wissenschaftlern.