1. Inhalt
  2. Navigation
  3. Weitere Inhalte
  4. Metanavigation
  5. Suche
  6. Choose from 30 Languages

Politik

Die dunkle Region Thailands

Der Isaan ist Thailands Kernland, doch dessen Bewohner sind oft Witzfiguren für Bangkoks Schnösel. Während das Königreich ein langsames Aussterben der Isaaner fürchtet, entdeckt eine Ausstellung die Region wieder.

default

Im Emporium ist Gefälschtes ausgeschlossen. Gleich beim Eingang kann man Buntes von Versace betrachten. Im ersten Stock Gucci und Prada. Eine Etage höher Cerruti und Lacoste. Die High Society Bangkoks lässt sich hier in offenen Restaurants gern beim Schmausen beobachten. Das exklusive Einkaufszentrum ist die eine Welt Thailands.

Kernland des Königreichs

Eine andere fängt rund 250 Kilometer nordöstlich Bangkoks an und zieht sich bis an den Mekong, an die Grenze zu Laos. Felder strecken sich in Unendlichkeiten. Alle paar Stunden eine Stadt, dazwischen nur Dörfer. Hier ist Thailand weit enfernt von tropischen Inseln. Das ist der Isaan, Thailands ärmste, rückständigste Region, zugleich aber das Kernland des Königreichs.

Die Isaaner haben ihre eigene Küche, Kultur und Sprache – sie unterscheidet sich zu sehr von Bangkoks Thailändisch, um sie einen Dialekt zu nennen. Der Isaan ist Thailands traditionelle Quelle für billige Arbeitskräfte. Die Isaaner sind Bangkoks Taxifahrer, Straβenfeger, Fabrikarbeiter, Prostituierte und Kellnerinnen. Sie verrichten die Arbeit, die sich kein Bangkoker antun würde.

Dies mag daran liegen, dass die Isaaner oft als hartarbeitend angesehen werden. Aber der Grund liegt natürlich in der Armut des Nordostens. Isaans vielköpfige Familien verkauften immer schon viele ihrer Töchter, um an Geld zu kommen.

Immer weniger Nachkommen

Doch dem Isaan geht der Nachwuchs verloren. Die Ein-Kind-Familie etabliert sich langsam. Noch vor einer Generation waren sechs bis zehn Kinder die Norm. Weil der Nachwuchs, der in Bangkok – in den Augen der Isaaner – gutes Geld verdient und brav an die Familie zuhause schickt, braucht keine Familie so viele Nachkommen mehr. Auch die immer mehr akzeptierte Verhütungspille spielt da eine Rolle.

Und Thailand sorgt sich. Denn die Jungen kommen nicht mehr in den Isaan zurück, um Felder zu bestellen. Viele Stelzenhäuser sind unbewohnt. Einigen Arbeitgebern fehlt es an willigen Packeseln. Auf den Baustellen Bangkoks schuften immer mehr Kambodschaner und Burmesen.

Isaan-Retrospektive

Da kommt vielleicht die Ausstellung im just eröffneten kreativen Designzentrum Thailands – im schon erwähnten Emporium – rechtzeitig. Die schön betitelte "Isaan-Retrospektive" zeigt schnöseligen Bangkokern ihre Landsleute. Batteriebetriebene, glückbringende Maneki Neko-Katzen, die mit ihrem Pfötchen winken; plad khik, okkulte Phallussymbole; mobile Küchen mit regionalen Spezialitäten; selbst traditionelle Transportmittel – die Ausstellung bringt eine ganze Region unter ein Dach. Festivitäten und Bräuche werden (v)erklärt. Auf einem Bildschirm kann man die Ängste der Isaaner lesen – die sich nicht arg von denen der Bangkoker unterscheiden.

Wunsch nach Verständnis

Und das ist wahrscheinlich die Intention der Ausstellung. Sie will Empathie auslösen. Den Hauptstädtern zeigen, dass die Isaaner auch Thais sind, Bangkokern ähnlich. Denn zu oft schauen die verächtlich auf die Nordossis herab. Sie sind die Dummen in Witzen, in Filmen, in Liedern. Von der tieferen Hautfarbe über die scharfe Küche bis hin zu Freude an Sex werden viele Vorurteile offen gezeigt.

Das Ausstellen von traditionellen, aber immer noch vorherrschenden Lebensweisen provoziert den Besucher zum Nachdenken über seine eigenen Vorurteile. Auf viele konzeptionelle Stolpersteine tritt der gediegene Bangkoker, der daran erinnert wird, wie er die Isaaner behandelt. Wie zum Beispiel durch den Eingangsbereich, dessen Boden mit lächelnden Isaan-Gesichtern bepflastert ist. Der Kopf ist für Thais der heiligste Körperteil; die Füβe sind das Gegenteil. Jeder Besucher tritt den Isaanern aufs Gesicht. Vielleicht versteht so mancher die wichtige Botschaft dahinter.