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Asien

Die drohende Rückkehr des Marcos-Clans

Vor 30 Jahren wurde der philippinische Präsident Ferdinand Marcos gestürzt. Er hatte das Land geplündert und seine Gegner verfolgen und ermorden lassen. Jetzt gilt sein Sohn als Favorit für die Wahl zum Vizepräsidenten.

Im Februar 1986 war das Maß endgültig voll. Nach 14 Jahren Diktatur hatten die Filipinos genug von Unterdrückung und Folter, von Raffgier und Vetternwirtschaft. Und sie stürzten Ferdinand Marcos und seine Frau Imelda, die das Land zuvor beinahe zugrunde regiert und schamlos ausgeplündert hatten. Dabei war der Rechtsanwalt Ferdinand Marcos ursprünglich zur Präsidentenwahl 1965 angetreten, um der wachsenden Korruption im Lande ein Ende zu bereiten. Doch kaum war Marcos im Amt, installierte er Günstlinge in alle wichtigen Schaltstellen von Politik, Wirtschaft und Militär. Als absehbar wurde, dass er die Wahlen im Jahr 1972 verlieren würde, rief er das Kriegsrecht aus und regierte fortan fast nur noch mithilfe von Präsidialdekreten. Politische Gegner wurden inhaftiert, gefoltert und umgebracht, Bürgerrechte ausgehöhlt. Für die Elite um die Familie Marcos wurden die Philippinen zu einem gigantischen Selbstbedienungsladen: Geld, Gold, Edelsteine und Kunstschätze im Gesamtwert von rund acht Milliarden US-Dollar soll der Marcos-Clan ins Ausland geschafft haben. Geld, das bis heute nur zum Teil zurückgeführt werden konnte.

Ferdinand Marcos nach seiner erneuten Vereidigung zum philippinischen Präsidenten am 25.2.1986 (Foto:ap)

Am 25.2.1986 ließ sich Ferdinand Marcos noch erneut zum Präsidenten vereidigen, wenige Stunden später musste er Hals über Kopf außer Landes fliehen

Als im Jahr 1983 Marcos' größter Kritiker, der Politiker Benigno Aquino, ins Land zurückkehrte, wurde er am Flughafen von Manila erschossen. Und als Marcos drei Jahre später seine Wiederwahl gewann, hatte er den Wahlausgang so offensichtlich manipuliert, dass seine Landsleute das nicht mehr tolerierten. Vier Tage lang forderte eine gewaltige Menschenmenge – unterstützt von der katholischen Kirche des Landes – auf der Epifania dos Santos Avenue (EDSA) in Manila den Rücktritt des Diktators. Als sich auch noch Teile des Militärs auf die Seite der Demonstranten schlugen, war das Schicksal der Diktatur besiegelt. Am 25. Februar 1986 flohen Ferdinand und Imelda Marcos vor den wütenden Volksmassen nach Hawaii. Benigno Aquinos Witwe Corazon übernahm die Amtsgeschäfte und führte die Philippinen zurück in eine mehr oder minder stabile Demokratie.

Die sogenannte EDSA-Revolution blieb nicht ohne weltpolitische Wirkung. Sie war die erste einer ganzen Welle von Demokratisierungsbewegungen, von Taiwan 1987 über Südkorea 1988 bis hin zur DDR 1989 und dem damit verbundenen Ende der kommunistischen Ostblockstaaten. Tatsächlich sollen philippinische Kirchenangehörige nach der EDSA-Revolution im regen Austausch mit ostdeutschen Kirchenvertretern gestanden haben.

Das alte Netzwerk blieb bestehen

In eben diesem deutschen Wendejahr 1989 starb Ferdinand Marcos in seinem Exil in Honolulu. Doch schon 1991 kehrte seine Frau Imelda auf die Philippinen zurück. Insgesamt 900 Gerichtsverfahren wegen Folter, Mordes, Betrugs und Korruption wurden bislang weltweit gegen sie eingeleitet. Rechtskräftig verurteilt wurde sie aber nur einmal in den USA – zur Zahlung einer Geldstrafe. Ungeachtet dessen machte Imelda Marcos wieder politische Karriere. Heute ist die mittlerweile 86-Jährige Abgeordnete im philippinischen Parlament. Tochter Imee arbeitet als Gouverneurin von Ilocos Norte, der Heimatprovinz des Marcos-Clans. Und Imeldas Bruder Alfred Romualdez ist Bürgermeister von Tacloban. "Das politische System auf den Philippinen wird bestimmt durch Koalitionen von Eliteclans, die um die Macht wetteifern. Und da hat die Familie Marcos genauso ihr Netzwerk wie die anderen Clans", sagt Siegfried Herzog, Regionalbüroleiter der Friedrich-Naumann-Stiftung für Ost- und Südostasien in Bangkok. "Das Netzwerk der Marcos-Loyalisten hat nach Ende der Diktatur weiter existiert und ist auch bei allen weiteren Wahlen in Erscheinung getreten". Der Weg zurück in die höchsten Ämter des Staates blieb dem Clan jedoch bislang verwehrt. Doch das könnte sich nun ändern.

Ein Marcos als Vizepräsident?

Ferdinand Bongbong Marcos (Foto:dpa)

Wird "Bongbong" Marcos neuer philippinischer Vizepräsident?

Denn am 9. Mai wird auf den Philippinen gewählt. Ferdinand "Bongbong" Marcos, ein weiterer Sohn des Ex-Diktators, kandidiert dabei für das Amt des Vizepräsidenten – und liegt derzeit in der Wählergunst vorn. Umfragen zufolge liegt seine Zustimmung zwischen 20 und 25 Prozent. "Bongbong Marcos hat seine Anhänger bei denjenigen, denen eine starke Führung wichtiger ist als Rechtsstaatlichkeit", erklärt Siegfried Herzog. Marcos will das Land mit harter Hand regieren, spricht gerne von Stärke, gesellschaftlicher Einheit und dem Glauben an die eigene Wirtschaftskraft. "Bongbong steht für eine nationalistische Politik, die sich aber auch gegen Minderheiten richten kann." So blockierte der Marcos-Sprößling, der schon seit 2010 im philippinischen Senat sitzt, das zuvor mühsam ausgehandelte Autonomieabkommen mit den muslimischen Moro-Rebellen auf der südphilippinischen Insel Mindanao.

Vor allem bei jüngeren Filipinos kommen solche Töne gut an. Denn auch nach 30 Jahren Demokratie ist das Land bis heute nicht richtig auf die Beine gekommen. Von den sechs Prozent Wirtschaftswachstum profitieren große Teilen der Bevölkerung nicht. Die Einkommensunterschiede sind enorm und bilden sozialen Sprengstoff. Armut, Arbeitslosigkeit und fehlende Perspektiven bleiben die drängendsten Probleme des Landes. Jedes Jahr suchen rund eine Million Menschen ihr Glück im Ausland – mit steigender Tendenz. "Und man darf nicht vergessen: Die Bevölkerung ist recht jung", hebt Siegfried Herzog hervor. "Die meisten Wähler sind erst nach 1986 geboren und haben die Marcos-Diktatur nicht mehr selbst miterlebt. Für junge Leute, die ungeduldig sind, schnellere Veränderungen wollen und verführbar sind für starke Autoritäten, ist jemand wie Bongbong Marcos eine echte Alternative."

Unzureichende Aufarbeitung der Diktatur

Imelda Marcos küsst den Glassarg ihres Mannes (Foto: ap)

Imelda Marcos küsst den Glassarg ihres verstorbenen Mannes

Erschwerend kommt hinzu, dass es bis heute auf den Philippinen keine systematische Aufarbeitung der unter Marcos begangenen Menschenrechtsverletzungen gibt. Das Justizsystem ist schwach ausgebildet. Fast alle Täter von damals gingen straffrei aus. Verstöße von Sicherheitskräften gegen geltende Gesetze werden bis heute nur in den seltensten Fällen geahndet. "Das Land hat sich nie die Mühe gemacht, seine Vergangenheit richtig aufzuarbeiten", sagt Siegfried Herzog. "Die demokratische Mehrheit hat bislang Wichtigeres zu tun gehabt, als sich mit der Aufarbeitung der Diktatur zu befassen. Das fängt erst jetzt richtig an."

Sollte Bongbong Marcos tatsächlich die Wahl gewinnen, wird er wohl als erstes versuchen, durchzusetzen, dass sein Vater auf dem Heldenfriedhof von Manila begraben wird. Bislang wurde Ferdinand Marcos noch überhaupt nicht beigesetzt. Sein Leichnam liegt einbalsamiert in einem Mausoleum im nordphilippinischen Batac. Eine Beerdigung auf dem Heldenfriedhof wäre durchaus ein Signal dafür, dass Bongbong Marcos versucht, seinen Vater zu rehabilitieren. "Aber es ist ja nicht so, dass das ganze Land die Schrecken der Marcos-Zeit schon vergessen hätte", sagt Siegfried Herzog. "Es kann sein, dass Bongbong Marcos den Bogen überspannt."

Kandidatur als Motor für die Aufarbeitung?

Denn womöglich, so Herzog, könnte ausgerechnet Bongbongs Kandidatur den Bemühungen um eine stärkere Aufarbeitung der Marcos-Diktatur Auftrieb verleihen. Zuletzt wurden nämlich immer mehr Stimmen laut, die forderten, Bongbongs eigene Rolle während der EDSA-Revolution von 1986 zu untersuchen. Kurz vor dem Sturz seines Vaters soll er dafür gewesen sein, dem Militär zu befehlen, auf die protestierende Menschenmenge zu schießen.

"Es sind noch drei Monate bis zur Wahl. Und Bongbong Marcos liegt jetzt vorne, weil er bekannt ist und das entsprechende Netzwerk besitzt," so Herzog. "Aber die Gegenmobilisierung läuft gerade erst an und wird noch deutlich an Fahrt aufnehmen." In Manila kam es schon zu ersten Protestkundgebungen gegen den Diktatorensohn. Einige Aktivistengruppen kündigten bereits an, Marcos' Wahlkampf zu stören. "Der demokratische Impuls, der Anti-Marcos-Impuls, ist in der philippinischen Gesellschaft noch sehr stark verankert", ist sich Siegfried Herzog sicher. "Und so groß Bongbongs Vorsprung derzeit auch sein mag: Das Rennen entscheidet sich erst am Wahltag."

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