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Reise

Die Dokumentarin

Bianca Piotrowski arbeitet im Besucherdienst der Gedenkstätte Bergen-Belsen. Ihr Job verlangt viel Feingefühl. DW-WORLD stellt Menschen vor, die mit Gästen aus aller Welt arbeiten: ein Tag im Leben von Bianca Piotrowski.

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Gedenkstätte Bergen-Belsen

Bianca Piotrowski

Bianca Piotrowski von der Gedenkstätte Bergen-Belsen. Fot: Bianca Piotrowski

"Dort, wo ich arbeite, starben in den Jahren 1940 bis 1945 etwa 50.000 KZ-Häftlinge und 20.000 Kriegsgefangene. Die Gedenkstätte Bergen-Belsen ist ein ehemaliges Kriegsgefangenen- und Konzentrationslager. Auf dem Gelände erinnern Gräber und Mahnmale an das Leiden und Sterben der Häftlinge und Gefangene. Seit 1966 gibt es hier ein Dokumentenhaus mit einer Ausstellung zur Geschichte des KZ Bergen-Belsen.

Führungen mit Schwerpunkten

Ich bin seit fünf Jahren im Besucherdienst beschäftigt. Im Winter bin ich zwei bis vier Mal im Monat im Einsatz, im Sommer öfter, dann ist hier sehr viel los. Die Gedenkstätte befindet sich etwa 60 Kilometer nordöstlich von Hannover, in der Lüneburger Heide. Ich lebe in Hannover und stehe um 7 Uhr auf. Nach dem Frühstück, um 8 Uhr, fahre ich mit dem Auto los, so dass ich um 9 Uhr da bin.

Gedenkstätte Bergen-Belsen

Das Dokumentationszentrum. (c) dpa - Report

Zu uns kommen - neben individuellen Reisenden - viele Gruppen, zum Beispiel Schulklassen oder Konfirmanden, aber auch Firmengruppen oder von der Kirche oder der Bundeswehr sowie ausländische Gruppen. Mein Job ist es, die Besucher durch die Gedenkstätte zu führen. Meine Kollegen und ich - wir sind etwa 20 im Besucherdienst - sind alle pädagogisch geschult worden. Jeder hat seinen eigenen Schwerpunkt, wie Anne Frank, die in Bergen-Belsen ermordet wurde, oder das Thema Kriegsgefangene.

Einführung mit Film

Um 9.30 oder 10 Uhr kommt die erste Gruppe, in diesem Fall war es eine Schulklasse. Ich bespreche mich kurz vorher mit dem Lehrer und kläre, wie viel Zeit sie haben, denn es ist ein sehr großes Gelände. Als Erstes gebe ich ihnen eine Einführung von etwa 20 Minuten Dauer, das passiert in dem Besucherraum, unter anderem anhand von Folien und Fotos. Danach zeige ich ihnen einen 23-minütigen Film, den die Briten gedreht haben, als sie das Lager befreiten.

Als nächstes schauen wir uns ein Modell des Lagers an, und dann geht es zur Rampe. Die ist sechs Kilometer entfernt, meistens fahren die Gruppen dorthin. Manche gehen aber auch zu Fuß, durch das Dorf Belsen, es ist der Weg, den damals viele laufen mussten. Die Rampe befindet sich zwischen Bergen und Belsen, dort sind ab 1941 erst die Kriegsgefangenen angekommen, ab 1943, nach dem Umbau zum Konzentrationslager, die KZ-Häftlinge.

Gedenkstätte Bergen-Belsen

Anlässlich des 60. Jahrestages der Befreiung des Konzentrationslagers Bergen-Belsen (15.4.05) besucht diese Gruppe Überlebender aus Israel das Mahnmal an der Verladerampe. (c) dpa - Report

Persönliche Geschichten

Während wir dort verweilen erzähle ich viel, auch sehr persönliche Geschichten, die über das Chronologische hinausgehen. Ich habe Tagebücher von Überlebenden gelesen, die persönlichen Geschichten bleiben insbesondere bei den Schülern hängen. Alle Informationen sollen ihnen helfen sich vorzustellen, wie es hier war. Weitere Stationen der Führung sind die Fundamente der ehemaligen Entlausung, der Baracken der Häftlinge, die Latrinenfundamente. An allen Orten erzähle ich Geschichten von Überlebenden und die Besucher fangen an zu begreifen, wie grausam es hier war.

Haus der Stille

Gedenkstätte Bergen-Belsen

Eine Besucherin blickt im Dokumentenhaus der Gedenkstätte Bergen-Belsen auf eine Fotowand. (c) dpa - Report

Dann geht es zum Friedhof, dem ehemaligen Appellplatz, wo die Gefangene oft stundenlangem Zählen im Regen, Schnee oder in der Sonne ausgesetzt waren. An einem mit Heide bewachsenen Hügel befindet sich ein Massengrab. Wie dieses Massengrab entstand, haben die Schüler vorher im Film gesehen. Nach der Besichtigung des Allgemeinen Mahnmals bringe ich die Schüler ins Haus der Stille, das im Jahr 2000 eingerichtet wurde. Es ist ein nicht religiöser Ort um zu rekapitulieren, sich selbst zu finden. Hier sind alle leise, auch die Rabauken. Letzte Station meiner Führung ist das jüdische Mahnmal, das 1946 eingeweiht wurde. An der Stelle befindet sich auch ein Gedenkstein für Anne Frank und ihre Schwester Margot.

Insgesamt dauert die Führung drei Stunden. Nach der Mittagspause habe ich meistens eine ähnliche Aufgabe, manchmal auch in französischer oder englischer Sprache. An meinem Job fasziniert mich vor allem die Begegnung mit den Menschen, die zu uns kommen; Schüler, Alte, Junge und manchmal auch Überlebende oder Befreier."

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