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Kunst

Die documenta geht in die zweite Etappe

Kann zeitgenössische Kunst die Gesellschaft verändern? Adam Szymczyk, der künstlerische Leiter der documenta, will es jedenfalls versuchen. Die internationale Kunstschau soll neue Perspektiven zeigen.

So viel Medienandrang im Vorfeld der documenta habe es wohl noch nie gegeben, sagte die neue Geschäftsführerin der documenta, Annette Kulenkampff, zur Begrüßung vor über 2000 Medienvertretern in der Kasseler Stadthalle. Das läge daran, dass diedocumenta zwei Standorte habe und bereits am 8. April in Athen gestartet sei. Doch in Athen wurde wohl lange noch nicht alles gesagt, denn die Rednerliste war lang. Allein sieben Mitglieder aus dem Kuratorium waren anwesend, um ihre Konzepte zu umreißen. Dabei wurde mit Politikschelte nicht gespart.

Kein Herrschaftswissen auf der documenta

documenta 14 Kassel - Pressekonferenz (picture-alliance/dpa/S. Pförtner)

Der künstlerische Leiter der documenta 14, Adam Szymczyk

"Die Reise hat längst begonnen", sagte der künstlerische Leiter der documenta, Adam Szymczyk. Eine Reise durch die Welt der zeitgenössischen Kunst und Gesellschaft, bei der er alle auffordert, die Perspektiven zu wechseln und Gelerntes zu vergessen, um gemeinsam neue Ideen zu entwickeln. "Das Arbeitsprinzip dieser documenta muss das Lernen sein, die Weitergabe von Wissen." Damit sei allerdings nicht die Weitergabe von Herrschaftswissen gemeint. Es gäbe keine Lehrmeister, keine politischen Vertreter, die einem zeigen müssten, wie man leben soll.

Adam Szymczyk und seine Mitstreiter/innen sprachen sich vehement gegen Neoliberalismus und Nationalismus, gegen diktatorische Machthaber und Neofaschisten, gegen Kolonialisierung und Diskriminierung und gegen starre Grenzen aus. Egal, ob in der Landschaft oder in den Köpfen.

Diversität leben

Paul B. Preciado, Kurator der Öffentlichen Programme, brachte es bei seiner Begrüßung gleich auf den Punkt: "Guten Tag meine Damen und Herren und alle, die keine Damen und Herren sind." Dass er Transgender sei, fügte er gleich hinzu und erläuterte, dass die medizinische Erfassung der Transsexualität so alt sei wie die documenta. Als größte internationale Ausstellung Zeitgenössischer Kunst wurde die documenta vor 60 Jahren ins Leben gerufen.

documenta 14 Kassel - Pressekonferenz (picture-alliance/dpa/S. Pförtner)

Die Riege der Kuratoren auf dem Podium

Damals hätte er selbst im Museum ausgestellt sein können, meinte Preciado, so wie Menschen anderer Sprache oder Hautfarbe in ethnografischen Sammlungen zur Schau gestellt wurden und teilweise auch immer noch werden. "Wir Kuratoren haben die Aufgabe bekommen, die Vitrinen zu zerstören. Wir entwickeln ein narratives Museum, dass die koloniale Sichtweise hinterfragt." Die documenta als Museum auf Zeit, wo Rasse, Sexualität und die Unterscheidung zwischen Einheimischen und Ausländern aufgehoben werden.

Die documenta wird vom Weltgeschehen eingeholt

Doch so einfach ist das nicht. Seit jeher hat die documenta den Anspruch, mit der zeitgenössischen Kunst gesellschaftliche Debatten auszulösen und den Menschen einen Spiegel vorzuhalten. Damit scheint sie allerdings momentan kaum hinterherzukommen angesichts der Attentate weltweit und den nationalistischen Tendenzen auch in einigen europäischen Staaten. Viele der Redner verurteilten die jüngsten Anschläge in Manchester und London und sprachen von denen, die aus ihrer Heimat fliehen mussten, um hier eine neues zu Hause zu finden.

Kuratoren auf der Bühne (DW/G. Reucher)

Kuratoriumsmitglieder stehen Rede und Antwort. Links: "Curator at Large" Bonaventure Soh Bejeng Ndikung.

"Die Unsicherheit wird immer größer, wenn Menschen in der Krise sind", sagte Bonaventure Soh Bejeng Ndikung, Gesamtkurator der documenta. Das schüre den Nationalismus. Wenn der Zustand des begrenzten Wissens als Realität dargestellt werde und die Halbwahrheit als Sicherheit, dann müsse man aufstehen und den Nationalstaat infrage stellen. Genau das tue die documenta. Dabei könne Unsicherheit ja auch als Herausforderung gesehen werden und im positiven Sinne Neugierde gegenüber dem wecken, was einem fremd sei.

Nicht nur von Athen lernen

So stehen viele Projekte bei der documenta für ein nachbarschaftliches Miteinander verschiedener Kulturen. Flüchtlinge werden in Dokumentarfilmen porträtiert oder sind selbst Künstler bei der documenta. Viele Fäden wollen die Macher der documenta zu einem großen Ganzen verweben. Auch ganz wörtlich, etwa bei den Nähkursen der Vermittlungsabteilung der documenta, bei denen sich Frauen verschiedener Nationalitäten über ihr Handwerk austauschen.

Im Endeffekt geht es nicht nur darum, von Athen zu lernen, wie der Arbeitstitel dieser documenta impliziert, sondern auch darum, voneinander zu lernen; auch aus der Vergangenheit - und damit ist nicht nur die griechische Antike gemeint.

Ein Mann geht vor der bewachsenen Living Pyramid entlang. (picture-alliance/dpa/U. Zucchi)

Die "lebendige Pyramide" von Agnes Denes

Installationen des Gedenkens sind ein wichtiger Faden, der sich durch die documenta zieht. So wie das wohl auffallendste Werk, der Parthenon der verbotenen Bücher. Er ist ein Nachbau des Tempels auf der Akropolis, behangen mit Büchern, der unter anderem auf die Bücherverbrennung der Nationalsozialisten vor dem Friderizianum, dem sogenannten Herzen der documenta, anspielt. "Es ist der Faden von der Vergangenheit zur Zukunft mit all ihren Veränderungen", sagt Kuratorin Candice Hopkins und nennt als Beispiel die "Lebendige Pyramide" der Künstlerin Agnes Denes, in der Pflanzen wachsen, die das Kunstwerk stetig verändern.

Grenzübergreifende documenta

Eine documenta an zwei Orten, Athen und Kassel, da muss es natürlich auch einen oder mehrere Fäden zwischen den Standorten geben. Eine Linie - wie sie sich übrigens auch über die gesamte Homepage der documenta zieht - die beide Orte verbindet. Bei einem gemeinsamen Projekt sind handgemachte Zelte in verschiedenen Dörfern entlang der Stecke aufgestellt. Außerdem gibt es Menschen bzw. Künstler, die sich mit Pferden oder Autos auf den langen Weg machen.

Das Rednerpult bei der Pressekonferenz zur documenta in Kassel (DW/G. Reucher)

Das Rednerpult bei der Pressekonferenz zur documenta in Kassel

Und dann ist da noch der Strom der Waren, der Rohmaterialien wie Kokosnuss, Kakao, Öl oder Oliven, der Länder und Kulturen verbindet. "Viele Künstler arbeiten mit diesen Materialien", sagt die kuratorische Beraterin Natasha Genwala. Auch das Rednerpult in der Stadthalle ist übrigens aus Naturmaterialien hergestellt, aus Rohstoffen wie Holz, Kupfer und Sisal, aber auch aus edlem Marmor und einer Neonröhre, wie ein Symbol der documenta selbst. An diesem Pult wünscht Adam Szymczyk allen eine erfolgreiche documenta und bleibt trotz der Weltlage optimistisch. "Die documenta ist der Raum des Nichtwissens, den Sie betreten werden.In diesem Raum beseitigen wir Stereotype und vorgefasste Meinungen."

Die documenta öffnet am 10. Juni und zeigt bis zum 17. September Kunstwerke und Performances von 160 internationalen Künstlern an über 30 Standorten in Kassel.

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