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Wirtschaft

Die digitale Welt macht Arbeit

Digital, vernetzt, flexibel: Die Arbeitswelt der Zukunft wird anders. Viele machen sich Sorgen: Wird der eigene Job überflüssig, wenn Roboter und Computer übernehmen? Die Politik sucht Antworten: Wie geht Arbeit 4.0?

Sind es wirklich nur noch wenige Jahre, bis die Digitalisierung zum großen Jobkiller wird? Wer in diesen Tagen die Presse liest, bekommt es mit der Angst zu tun. Dort heißt es: Die Automatisierung macht viele Fabrikjobs überflüssig. Vernetzte Maschinen sprechen untereinander, brauchen keine Menschen mehr. Besonders umfassend und schnell soll der digitale Wandel Deutschlands Schlüsselbranche umkrempeln. Der Umschwung hin zum Elektroauto könnte in der Automobilbranche zehntausende Jobs kosten, befürchten Gewerkschafter wie Jörg Hofmann von der IG Metall: "In den nächsten 15 Jahren werden 80.000 Menschen nicht mehr dort arbeiten, wo sie heute sind." Ist es also nicht übertrieben, wenn das Nachrichtenmagazin "Der Spiegel" titelt "Sie sind entlassen!", um dann über die digitale Arbeitswelt zu berichten?

Nahles: "Das Drehbuch schreiben wir selbst"

Arbeitsministerin Andrea Nahles (SPD) warnt vor "der Lust an der Apokalypse" - und sieht die Fakten auf ihrer Seite. Die Arbeitsmarktprognose ihres Ministeriums sagt keine hohen Jobverluste durch die Digitalisierung voraus. Wohl aber große Verschiebungen zwischen einzelnen Branchen. 750.000 Menschen, so schätzt das Ministerium, dürften demnach durch Automatisierung und Digitalisierung ihren Job verlieren. Demgegenüber würden aber rund eine Million neuer Jobs stehen - in Technik-nahen Berufen. Für die Ministerin ein Strukturwandel, den Deutschland zum wiederholten Male meistern werde: "Das Drehbuch für diesen Film schreiben wir selbst - und nichts ist dabei alternativlos."

3D-Drucker (picture-alliance/dpa/M. Reichel)

Lange wurden in mittelständischen Betrieben noch Modelle aus Holz gebastelt: Jetzt übernimmt Kollege 3D-Drucker die Modellierung

Einen ersten Entwurf für ein mögliches Drehbuch der digitalen Arbeitswelt der Zukunft stellte die Ministerin am Dienstag in einer Kongresshalle am Berliner Hafen vor. 18 Monate hatten Beamte, Bürger, Experten und Verbandsvertreter an einem Weißbuch mitgeschrieben, das die Spielregeln der digitalen Arbeitswelt neu vermessen will. "Arbeit 4.0" heißt der 230 Seiten starke Ideenkatalog, der zum Stolz der Ministerin in Start-Up-Atmosphäre entstand: "Wir haben den Text gemeinsam in der Cloud geschrieben - vom Büro, von Zuhause und von unterwegs."

Regelkatalog für flexible Arbeitswelt  

Die zentrale Botschaft: Auch die Arbeitsministerin befürwortet mehr Flexibilität in der Arbeitswelt - allerdings nicht um jeden Preis: "Gute Arbeit erreichen wir nur, wenn wir Sicherheit und Flexibilität in eine gute Balance bringen." Herausgekommen sind dabei Ideen, die starre Arbeitszeitregeln aufweichen. So schlägt die Ministerin vor, in einer zweijährigen Testphase Arbeitgebern und Gewerkschaften mehr Flexibilität zu erlauben, als das bisherige Arbeitszeitgesetz vorsieht. "Es muss nicht immer der Acht-Stunden-Tag sein, aber als Norm bleibt er wichtig." Ein "Wahlarbeitszeit-Gesetz" könnte einen neuen Rahmen setzen, wie die Freiräume zwischen Arbeitgeber und Beschäftigten ausgelotet werden. In Pilotunternehmen sollen dabei zwischen den Tarifparteien individuelle Lösungen erarbeitet werden, die später zu bundesweiten Vorbildern erklärt werden.

Wichtig bleibe dabei, dass die maximale Länge der Arbeitszeit sowie Ruhezeiten weiterhin nicht als Auslaufmodelle gelten. "Wir haben die Chance auf einen Jahrhundert-Fortschritt, der allen nutzt", sagte Nahles. Mehr Flexibilität wünscht sie sich auch im Übergang zwischen Vollzeit und Teilzeit-Stellen. Sie plant ein Gesetz, das Arbeitnehmern ein Recht auf Rückkehr zu Vollzeitstellen garantieren soll, wenn diese zugunsten der Familie zwischenzeitlich kürzer treten wollten. Das nehme sie von ihren Besuchen im Silicon Valley mit, so Nahles: "Wir Deutschen sind zu patriarchalisch und zu stur organisiert."

Karrierebrüche, Auszeiten, Übergangszeiten: All das soll akzeptiert und geregelt werden. Nahles schlägt vor, dass Beschäftigte künftig mit einem persönlichen "Erwerbstätigenkonto" in den Beruf starten. Damit sollen häufigere Weiterbildungen finanziert werden, weil Fachwissen in der digitalen Ära deutlich schneller veraltet als früher. Beim Ministerium wird unterdessen darüber nachgedacht, ob auch die Arbeitslosenversicherung hierzulande umgebaut werden muss. Zu einer Arbeitsversicherung, die Weiterbildungen in digitalen Kompetenzen finanziert und begleitet.

Deutschland Berlin Kongress Arbeit 4.0 Andrea Nahles und Ingo Kramer (picture-alliance/dpa/K. Nietfeld)

Arbeitsministerin Nahles bei der Weißbuch-Vorstellung mit Arbeitgeberpräsident Ingo Kramer: Zwei unterschiedliche Blicke auf die digitale Arbeitswelt

Arbeitgeber: Das Tempo der Arbeit bestimmt der Kunde

Applaus von Verdi-Chef Frank Bsirske. Der forderte, dieses Instrument unverzüglich zu schaffen. Nötig sei dafür ein "Abschöpfen der Digitalisierungsrendite". Arbeitgeberpräsident Ingo Kramer warnte dagegen vor den finanziellen Auswirkungen solcher Neuregelungen. Bislang bliebe die Ministerin die Antwort schuldig, wer die Qualifizierungsinitiative für Arbeitnehmer finanzieren solle. Er warnte davor, den Betrieben neue Mehrkosten zu bescheren. Zudem habe der Wunsch nach Flexibilisierung der Arbeitszeit auch in Zukunft natürliche Grenzen, so Kramer. "Das Tempo unserer Arbeit wird von den Kunden bestimmt - und das bleibt auch so." Der CDU-Arbeitsmarktpolitiker Kai Whittaker warf der Ministerin vor, Millionen Arbeitnehmer weiter in der Illegalität arbeiten zu lassen: "Wer in Deutschland abends noch Homeoffice betreibt, verstößt am nächsten Morgen gegen das Arbeitszeitgesetz. Für Frau Nahles ist die Digitalisierung immer noch Neuland."

Umfrage: Flexiblere Arbeitszeiten sind gewünscht

Ähnlich klingt der Verband der Digitalwirtschaft Bitkom. Was bisher an Vorschlägen für Weiterbildung und Flexibilisierung auf dem Tisch liege, greife zu kurz, sagt Bitkom-Geschäftsführer Bernhard Rohleder. Das Arbeitsrecht müsse konsequent an die Bedingungen der Digitalisierung angepasst werden. Dazu gehöre, die gesetzlich vorgeschriebene elf-stündige Ruhepause von einem zum anderen Arbeitstag abzuschaffen. Das sei Gift für den Wunsch von Arbeitnehmern, ihre Arbeitszeit eigenverantwortlich und flexibel gestalten zu können, sagt Rohleder. Die Abschlussveranstaltung zum Dialogprozess Arbeit 4.0 zeigt damit sehr deutlich: Bis es wirklich neue Regeln für die digitale Arbeitswelt gibt, wird es noch viel Arbeit brauchen. 

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