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Wirtschaft

Die Deutschland AG steht zum Verkauf

Bei der Deutschen Börse AG haben Finanzinvestoren ihre Macht gezeigt. Deren Mehrwertstreben setzt Unternehmen unter Druck. Andererseits bringen die Investoren oft den Aktienkurs und die Profitabilität der Firmen voran.

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So manches Unternehmen blüht im Verborgenen und wird nun gepflückt

Der Streit um die Ausrichtung der Deutschen Börse ist vorerst entschieden. Sie soll die Londoner Börse nicht schlucken, das haben Investoren um den Hedgefonds TCI nun deutlich gemacht. Hintergrund dieser Haltung: Eine Übernahme kostet den Übernehmenden meist Geld, der Aktienkurs und auch die Dividende können sinken. Das können sich Hedgefonds wie TCI nicht leisten. Ihr Prinzip ist es, wie das aller Investoren, ihr eingesetztes Kapital zu mehren. Hedgefonds wie TCI stehen dabei jedoch unter einem besonderen Druck, verkaufen und kaufen nahezu täglich und verdienen sowohl an fallenden wie an steigenden Kursen.

Fundgrube Deutschland AG

Attraktiv sind viele deutsche Firmen für die aggressiven Anleger aus den USA und Großbritannien, seit sich die deutsche Finanzbranche von ihren Industriebeteiligungen trennt. Diese so genannte Deutschland AG machte den Einstieg für Investoren in den Jahrzehnten nach dem Krieg unattraktiv. Finanzkonzerne wie die Allianz, die Deutsche Bank und andere Banken hielten quer durch die Republik bedeutende Anteile an deutschen Unternehmen. Das war lange Zeit bequem, sorgte für schöne Dividenden und hohe stille Reserven. In den Zeiten der Internationalisierung sind sie heute jedoch gezwungen, ihre Anteile zu versilbern um Cash freizusetzen: Die Anteile stehen zum Verkauf. Das nutzen nun die ausländischen Investoren, die in Deutschland viele Perlen finden. Denn durch das langwährende Kartell der Deutschland AG liegen die Aktienkurse vieler Firmen weit unter Wert. Sie sind billig im internationalen Vergleich. Das ändert sich rapide. Es kann Aktionäre freuen und ist legitim, es kann aber auch für gehörigen Ärger in den Unternehmen sorgen. Die Deutsche Börse ist nur das jüngste Beispiel.

Das Interesse der Fonds ist groß. Viele deutsche Unternehmen gelten oder galten als verstaubt, hatten sich zu lange auf sicheren Geschäften ausgeruht. Seit die Hedgefonds in Deutschland zugelassen sind, gehen sie auf Einkaufstour, wie in den USA schon lange üblich. Und sie wollen rasch Rendite sehen, dringen also auf Ausschüttung von Dividenden um ihre Anteilseigner zufrieden zu stellen.

Große Investments treiben die Kurse

Auch Einzelinvestoren mit großem Vermögen spielen gelegentlich die Rolle des Unternehmensjägers. Ein klassischer Fall ist Guy Wyser-Pratte, der zwei deutsche Industriekonglomerate aufmischte. Derzeit hält er fünf Prozent beim Karlsruher Maschinen- und Anlagenbauer IWKA. IWKA gilt als Gemischtwarenladen im Maschinenbau und ist vor allem durch seine Roboter bekannt. Die Folge des Einstiegs im Jahr 2004: Ein deutlich gestiegener Aktienkurs. Denn Wyser-Pratte machte deutlich, dass er mit der "verschlafenen" Unternehmensführung nicht einverstanden sei. In der Psychologie des Marktes liegt es, dass also Besseres für die Zukunft zu erwarten sei, wie etwa der Verkauf unrentabler Sparten. Ob das eintritt oder nicht, Wyser-Pratte hat auf jeden Fall seinen Aktieneinsatz gesteigert, wenn er jetzt verkauft. Auch wenn sich nichts ändert.

Rein in die Aktie, raus aus der Aktie

So geschehen seinerzeit beim Rheinmetall-Konzern. Über Jahre kam der Aktienkurs des einstigen Industriekonglomerats nicht vom Fleck. Der Grund: unrentable Sparten, unübersichtliche Konzernstruktur. Im Jahr 2000 stieg Wyser-Pratte bei dem Düsseldorfer Konzern ein. Dann schlug Wyser-Pratte dort große Töne an, konnte sich aber gegen die Mehrheitsverhältnisse nicht durchsetzen. Im November 2001 verkaufte der Investor, der Kurs lag bei rund 20 Euro, gekauft hatte er bei 8,50 Euro. Sein Einstieg war für das Management immerhin ein Motiv, den von Analysten zuvor geforderten Umbau des Konzerns einzuleiten. Seither wurde zielstrebig desinvestiert, Rheinmetall schrumpfte um die Hälfte, ist aber heute hochprofitabel. Der Aktienkurs bewegt sich um die 40 Euro – positiv für die Aktionäre und die Mitarbeiter.

Profitablere Unternehmen - mit weniger Personal

Doch es gibt auch Negativbeispiele, vor allem die Beschäftigten sind nicht sicher vor den Investoren. Dies hat oft mit der deutschen Unternehmenskultur und dem Konsens der Kartelle von Arbeitgebern und Arbeitnehmern zu tun. Aus der Erfolgszeit der deutschen Wirtschaft rühren Gesetze, Regelungen und Betriebsvereinbarungen, die ganz offensichtlich wirtschaftlich nicht überall haltbar sind, mit der Konsequenz, dass Firmen mit klangvollen Namen und guten Produkten trotzdem nicht mehr wettbewerbsfähig waren und sind. Diese sind freilich leichte Ziele für die dritte Variante des externen Kapitaleinstiegs: Die Übernahme durch Beteiligungsgesellschaften, so genannte Venture-Kapitalgesellschaften: Blackstone, KKR, Carlyle, Argantis, Lone Star, Capiton, Apax, Cinven, Investcorp, 3i, Permira, BC Partners sind nur die bekanntesten.

Klangvolle Namen werden aufgekauft und aufgemischt

Beispiel Tenovis, ehemals als Telenorma bekannt, 2002 von KKR übernommen: Trotz 12,5 Prozent Lohnverzicht wurde die Hälfte der Belegschaft bis 2004 entlassen. Das Management erhielt dafür Erfolgsprämien. Mittlerweile wurde Tenovis an den US-Konzern Avaya weiterverkauft, gewinnbringend. Möglich ist aber auch ein Börsengang, so geschehen beim Geldautomatenhersteller Wincor Nixdorf, ehemals Siemens Nixdorf. Während die Investmentgesellschaften solche Unternehmen halten, werden sie auf Gewinnmaximierung getrimmt und möglichst viel Gewinn aus dem laufenden Geschäft abgeschöpft. Auch beim Börsengang verdienen die Geldgeber wieder. Bei Wincor Nixdorf wurden etwa 350 Millionen Euro an der Börse eingenommen. Davon flossen nur 125 Millionen an Wincor Nixdorf selbst.

Die Liste gekaufter deutscher Unternehmen ist lang und klangvoll: MTU, die bald an die Börse geht, Gerresheimer Glas, Dynamit Nobel, Rodenstock, Celanese, Minimax, ATU Autoteile Unger, Debitel, Tank & Rast, Duales System Deutschland (DSD). Weitere werden folgen.

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