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Deutschland

Die deutscheste aller Fragen

Der Bundespräsident lud in seine Residenz, um mit Jugendlichen die Frage zu diskutieren, was wohl typisch deutsch sei. Das erstaunliche Fazit der Veranstaltung: Die Frage ist auch schon die Antwort.

Warm strahlte das Licht aus den Fenstern von Schloss Bellevue in den tief verschneiten Park. Die von Schnee bedeckten Tannen wippten vorm grauen Winterhimmel. Dieses Ambiente im vorweihnachtlichen Berlin erinnerte an Aufnahmen aus dem beliebten deutschen Weihnachtsfilm "Drei Haselnüsse für Aschenbrödel". Nur lud der König nicht Prinzen und Prinzessinnen zum Tanze, sondern Bundespräsident Joachim Gauck veranstaltete eine Podiumsdiskussion mit den Multiplikatoren von morgen - Studenten, Stipendiaten und Nachwuchsjournalisten. Passend zum Märchenfilm, der nämlich eine deutsch-tschechische Koproduktion ist, saßen auf dem Podium Migranten oder Ausländer, die schon lange in Deutschland leben. Sie alle sprachen in angeregter Art und Weise zwei Stunden lang über deutsche Eigenheiten.

Das verschneite Schloss Bellevue in Berlin (Foto: dpa)

Das verschneite Schloss Bellevue in Berlin

Gleich zu Anfang räumte Gauck ein, er wolle trotz des vielleicht leichtfüßig daher kommenden Themas "Typisch deutsch" kein Unterhaltungsprogramm veranstalten. Denn Ko-Veranstalter ist die Bundesstiftung zur Aufarbeitung der SED-Diktatur, die unter der Überschrift "Vergangenheit erinnern - Demokratie gestalten" existenziell wichtige Fragen für das gegenwärtige Deutschland stelle. Sodann begann der Bundespräsident, deutlich Kritik zu üben.

Mehr reden über die DDR

Zwar finde in Deutschland derzeit eine "Ab-Arbeitung" der deutsch-deutschen Teilung statt. Aber zu selten setze sich die ostdeutsche Gesellschaft intensiv mit sich selbst auseinander, kritisierte Gauck. "Ich meine eine Aufarbeitung vor allem bei all denen, die das System getragen haben." Noch immer würden ihn - 23 Jahre nach der Wiedervereinigung - Briefe von Opfern der SED-Diktatur erreichen, die in der Mehrheitsgesellschaft kein Gehör finden würden. "Das offene und differenzierte Gespräch über den SED-Staat ist leider keine Selbstverständlichkeit."

Viele Jugendliche müssten zudem erfahren, dass sie kaum Schnittmengen mit den DDR-Erfahrungen ihrer Eltern finden. Deshalb sei es wichtig, dass die jetzt 30-Jährigen laut Fragen nach der eigenen Identität stellten, mahnte Gauck.

Der deutsche Schlager überwindet Grenzen

Die Gäste im Podium waren sich einig darin, dass insbesondere dieses laute Fragenstellen nach der eigenen Identität typisch deutsch sei. "Zu fragen, was typisch deutsch ist, das ist die deutscheste aller Fragen", sagte Mely Kiyak, Kulturschaffende aus Berlin mit kurdischen Wurzeln. "Sich mit der eigenen Identität zu beschäftigen, darin sind die Deutschen Weltmeister", sagte auch Pascal Thibaut, ein französischer Journalist, der seit dem Mauerfall über deutsch-deutsche Gegenwart berichtet. Und typisch deutsch sei auch, sehr gründlich nach Antworten auf diese Frage zu suchen.

Pham Thi Hoai, in Vietnam geboren, später Studentin in der DDR, stimmte dem prinzipiell zu. Sie gab aber zu bedenken, dass diese Suche wenig Aussicht auf Erfolg habe. "Denn die Intellektuellen finden peinlich, was bei der einfachen Bevölkerung typisch deutsch ist und diese wiederum verstehen nicht, was die Eliten diskutieren." Nur eins hätten alle gemeinsam, so Frau Pham, und das sei die Liebe zum deutschen Schlager.

Diktaturen wirken lange nicht

Schnell waren die Anwesenden dann wieder bei ernsteren Themen. Die Auseinandersetzung mit der deutschen Geschichte im 20. Jahrhundert samt seinen beiden Diktaturen sei wichtig, um vererbte Verhaltensmuster besonders Ausländern gegenüber zu überwinden, sagte Pascal Thibaut. Vor allem in der ostdeutschen Provinz habe man sich viel zu wenig selbstkritisch mit dem Erbe des Nationalsozialismus auseinandergesetzt, meinte die DDR-Bürgerrechtlerin Freya Klier. In Deutschland Ost und West würden weiterhin von einer Generation zur nächsten Prägungen weitergegeben, die in Diktaturen hilfreich waren, stimmte Joachim Gauck dem zu. Auch das sei leider typisch deutsch.

Rainer Eppelmann und Bundespräsident Joachim Gauck applaudieren (Foto: dpa)

Auch der Präsident applaudierte während der klugen Diskussion

Dann kam das Beispiel Fußball-Weltmeisterschaft 2006 zur Sprache. Damals habe Deutschland gezeigt, wie offen und einladend das Land sein könne. Der Bundespräsident ergänzte, die WM habe auch gezeigt, wie stark das Bild über die Deutschen im Ausland von der Gegenwart abhänge. "Doch um eine Haltung für die Gegenwart gewinnen zu können", sei es nötig, "alte Traumata und alte Schuld zu verarbeiten".

Gut und wichtig

Die Jugendlichen hörten ihrem Bundespräsidenten aufmerksam zu, machten in ihren Diskussionsbeiträgen aber deutlich, dass das 20. Jahrhundert für sie weit weg sei. Rainer Eppelmann von der Stiftung zur Aufarbeitung der DDR-Diktatur - wie Gauck auch in der DDR aufgewachsen, hatte zuvor betont, wie unterschiedlich die historischen Prägungen der Menschen in Ost und West seien. "Die Summe der Erfahrungen aber macht aus, was wir heute sind", so Eppelmann. "Deshalb müssen wir die unterschiedlichen Erfahrungen teilen und mit anderen Perspektiven ergänzen." Denn nicht nur die 60 Millionen Ost- und Westdeutschen, sondern auch die 16 Millionen Menschen mit Migrationsgeschichte müssten gemeinsam eine Identität finden. "Deutsche Einheit bedeutet nicht deutsche Einheitlichkeit", so Eppelmann.

Das Fragen nach dem Vereinenden und der Toleranz für das Andere, das ist - so lässt sich die interessante Diskussion im Schloss Bellevue zusammenfassen - typisch deutsch.

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