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Lebensart

Die Deutschen und ihre Weihnachtsbäume – eine Liebesgeschichte

In Deutschland ist ein Weihnachtsbaum - wohlbemerkt ein echter Weihnachtsbaum - so etwas wie ein Mitbewohner auf Zeit. Manche geben ihm einen Namen, andere schlagen ihr Exemplar im Wald.

Ein Weihnachtsbaum ist nicht einfach ein Weihnachtsbaum. Zumindest nicht in den Augen der meisten Deutschen. Während etwa viele Amerikaner den Weihnachtsbaum - selbstverständlich aus Plastik und oft auch zusammenklappbar - aus Schrank, Garage oder Keller holen, greifen mehr als 25 Millionen Deutsche Jahr für Jahr für den Kauf der Wohnzimmer-Dekoration tief ins Portemonnaie. Und sie tun es gerne. Für einen laufenden Meter zahlen sie zwischen 18 und 24 Euro.

Manche Liebhaber zieht es dafür nach Engelskirchen. Schon der Ortsname sorgt für weihnachtliche Gefühle: Im bergischen Engelskirchen züchtet Stefan Lüdenbach schon in dritter Generation Weihnachtsbäume. Er weiß, was seine Kunden wollen: Bio-Bäume. Manche so sehr, dass sie schon Wochen zuvor ihren "perfekten" Bio-Baum reservieren. Um die Bio-Verordnungen einzuhalten wird auf Chemie verzichtet. Auch das Mähen ist 100 Prozent biologisch: "Meine 30 Schafe helfen mir, sie sind mein Pestizid-Ersatz", so Lüdenbach.

Bio-Siegel für den Weihnachtsbaum

Einsames Haus mit Weihnachtsschmuck

Vor einem idyllischen Wäldchen macht sich so ein Weihnachtsbaum irgendwie besonders gut...

Hans Dirlenbach und sein Schwiegersohn Rainer Pickert sind nach Engelskirchen gekommen, um sich einen "ökologischen" Baum zu besorgen: "Wir achten schon bei der Ernährung auf Bio, warum sollte es beim Weihnachtsbaum anders sein", sagt Pickert. Die beiden Männer haben ihre Frauen - Baby Emma ist gerade mal ein paar Wochen alt - zu Hause gelassen und wollen ihre Bäume sogar selbst absägen.

Der Weihnachtsbaum-Kauf kann auch regelrecht zum Event mutieren: Der Brite Angus Sutherland und seine deutsche Frau Myriam warten mit ihren kleinen Töchtern Lucy und Romy mit Kinderpunsch am Lagerfeuer des Lüdenbacher Hofs auf ihre Freunde. Mit denen haben sie schon im letzten Jahr ihren "perfekten" Weihnachtsbaum abgesägt. "Das hier ist Weihnachtsfeeling, für die Kinder ist es ein Erlebnis, wir treffen Freunde und zum Schluss haben wir alle noch einen Weihnachtsbaum!" Angus Sutherland ist begeistert. Er stammt aus dem britischen Crewe und hat in seinem Leben zuvor noch nie Weihnachtsbäume auf diese Art erstanden. Stefan Lüdenbach freut sich: "Ich mache das schon so lange, dass ich manche Kinder aufwachsen sehe".

Weihnachtsbräuche Weihnachtsmann

Weihnachten ohne Weihnachtsbaum? Undenkbar.

Archaisches Happening oder Advents-Event – der Weihnachtsbaum ist eben nicht bloß ein Weihnachtsbaum. In der Gemeinde der St. Severins-Kirche des Erzbistums Köln tragen die Tannen sogar eigene Namen. Ganz im Sinne kirchlicher Traditionen werden jedes Jahr zu Beginn der Adventszeit alle Bäume feierlich öffentlich getauft. Wen wundert es da noch, dass die Immer-Grünen Abraham, Blasius, Debora oder Esther heißen?

Weihnachtsbaum-Kauf als Kult-Ereignis

Der Verkauf des Weihnachtsbaums entwickelt sich manchmal auch zur "Aktion für einen guten Zweck". Wenn man zum Beispiel der Jugend der Freiwilligen Feuerwehr Köln-Rodenkirchen einen Baum abkauft, die ihre Freizeit-Kasse damit aufbessert. Ob in klirrender Kälte, bei Regen oder Schnee: Der Rodenkirchener und vielleicht auch der ein oder andere Weihnachtsbaum-Happening-Tourist aus anderen Stadtteilen ist der Jugendfeuerwehr treu.

Vielleicht ist es auch das Erlebnis selbst, das bezaubert: Wenn sich das Tor um Punkt 15.30 Uhr am letzten Adventsfreitag öffnet, erblickt der Rodenkirchener eine Reihe von Jugendlichen in Uniform und Nikolaus-Zipfelmütze, die sich hollywoodreif auf ihre Kunden zubewegen und sie mit einem freundlichen "Wie kann ich Ihnen helfen?" begrüßen.

"Noch größer? Noch schmaler?" Mit Engelsgeduld präsentieren die Jugendlichen jedes Jahr diesen und jenen Baum, bis jeder Kunde "sein" perfektes Exemplar gefunden hat. "Wir haben Stammkunden, oh, ja", sagt Yannick Breuer, der die Jugendabteilung seit Jahren leitet und am Verkaufswochenende selbst mitanpackt. "Sie wollen unsere Jugendarbeit unterstützen, wir merken das auch in der Kasse, es wird generös und gerne gezahlt".

Glückliche Weihnachtsbäume bekommen ein zweites Leben

Ist der Baum ausgewählt, ist die Arbeit der Jugendlichen noch nicht beendet. Schließlich muss das Wunsch-Objekt ja noch zurechtgeschnitten und eingenetzt werden. An der Kasse notieren Feuerwehrmänner der erwachsenen Generation dann noch, ob man den Baum persönlich geliefert haben möchte. Denn auch das gehört zur alljährlichen, feierlichen Prozedur: Der Weihnachtsbaum wird gerne auch erst mal auf den Balkon, auf die Terrasse oder in den Garten getragen. Die Deutschen lieben ihre Rituale, daher stellen viele Familien den Baum erst am Heiligen Abend auf.

Und wer ihn so sehr liebt, der schenkt ihm vielleicht auch noch ein zweites Leben: Weihnachtsbäume lassen sich neuerdings nämlich auch mieten. Ist das Fest vorbei, kommt Tanne oder Fichte wieder zurück in die Erde.

Weihnachten Geschenke Lego

Dieser Weihnachtsbaum in Melbourne besteht aus mehr als 500.000 Lego-Steinen.

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