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Deutschland

Die Deutschen sind ehemüde

Beim alten Schiller hieß es noch "Drum prüfe, wer sich ewig bindet" und jetzt? "Drum prüfe ewig, wer sich binden will?" Scheint so, findet Stefan Reusch.

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Immer weniger Menschen in Deutschland geben sich das offizielle Ja-Wort.

Die Zahl der Eheschließungen in Deutschland hat also einen neuen Tiefststand erreicht. Der moralische Zwang fehlt weitgehend. Paare in "wilder Ehe" provozieren nicht mehr, auch sie können und wollen ewig lang zusammenbleiben. Oder eben nicht. Wie Verheiratete.

Auch der ökonomische Zwang, der gerade Frauen in den Ehehafen führte, hat nicht mehr die Bedeutung. Gut so. Nun ist das aber so eine Sache mit der Ökonomie. Die ist ja keine gute Fee, sondern sie wünscht selbst etwas, sie fordert sogar. Dem Menschen im heiratsfähigen Alter, und das ist mittlerweile das ganze Erwachsenenalter, wird abverlangt: berufliche Mobilität und Flexibilität. Und im privaten Bereich soll genau das nicht gelten. Menschen, die es sich dreimal überlegen, ob sie sich an einen Stromanbieter für zwei Jahre binden, also Menschen die gelernt haben: Augen auf beim Schnäppchenkauf, diese Menschen sollen sich binden, bis dass der Tod sie scheidet.

Liebe macht blind - aber nur auf einem Auge

Klar, die Hoffnung ist da. Mehr als das. Man ist sich sogar sicher. Aber man wäre sich halt gerne noch sicherer. Hinter der Feststellung "Die Hochzeit ist der schönste Tag im Leben" lauert der Zweifel, wenn es nun doch mit jemand anderem einen noch schöneren, also einen allerschönsten Tag gäbe, denn das wäre ja noch schöner. Aber dann - zu spät. Irgendwo –könnte ja sein- taucht auf dem Wühltisch der Gefühle ein Jemand auf, ein ähnliches Modell, aber pflegeleichter als das alte. Es gibt soviel zu bedenken. Und die teure Hochzeitsfeier, und die Scheidung...

Die Ehe ist, da sie auf Stabilität, Treue und Dauer setzt, ein Anachronismus, warum heißt es wohl, wenn etwas vorbei ist, "ehemalig"...?

Wer heiratet, stellt sich gegen die Mode. Er macht Ernst. Heiraten ist mutig. Ja. Kann sein. Es kann auch feige sein zu heiraten. Es gibt soviel Gründe. Nehmen wir nur die Liebe. Was alles so unter Liebe verstanden wird! Wäre das eindeutig, warum gibt es dann Millionen von Liebesgedichten? Aber es wäre doch schade, wenn es sie nicht gäbe. Das gilt auch für die Ehe.

Sie ist kein Auslaufmodell. Und das ist schön. Selbst für ausgesprochene Eheflüchter. Ihnen fehlte sonst der Gegner. Und uns allen fehlten ohne Ehe zumindest die Witze über sie und die Sprüche. Da gibt es nämlich wirklich gute. Wie diesen hier von Peter Sellers: "Was Glück ist, weiß man erst, wenn man geheiratet hat. Und dann ist es zu spät."