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Kultur

Die deutsche Waldleidenschaft

2011 ist das Jahr des Waldes. Die Deutschen haben eine ganz besondere Beziehung zum Wald. Sie sehnen sich nach ihm, fürchten sich und haben Schindluder mit seinem Mythos getrieben - eine Spurensuche.

UNESCO Biosphärenreservat Bayerischer Wald (Foto: Nationalpark Bayerischer Wald)

Mystisch und natürlich zugleich

Das Scharbockskraut war in früheren Jahrhunderten eine wichtige Nahrungsergänzung. Scharbock ist der deutsche Name für Skorbut und daher erklärt sich auch die Bedeutung der Waldpflanze. Sie ist eine der ersten, die sich im Frühjahr mit ihren Blättern zeigt und besitzt viel Vitamin C, ein gutes Mittel also gegen die Vitaminmangelkrankheit Skorbut, von der früher auch die arme Landbevölkerung geplagt war.

Geschichten wie diese kennt Detlev Arens zuhauf. Der Germanist und Fachjournalist hat über den deutschen Wald ein monumentales Werk verfasst - ein Buch, das Naturkunde und Kulturhistorie miteinander verbindet. Mit ihm durch einen Wald zu gehen, bedeutet, ein bisher unbekanntes Reich zu betreten. Denn plötzlich bekommt alles, was da wächst und rankt, einen Namen: Ahorn und Wildkastanie, Waldrebe und Seidelbast. Und natürlich das Scharbockskraut.

Wald wird zu Kultur

Nur, wann begann dieses Ensemble aus Bäumen und Sträuchern mehr zu werden als ein Nahrungsreservoir, Jagdrevier und Rohstofflieferant für den Hausbau? Für Detlev Arens liegt dieser Anfang in der Renaissance. Denn um 1500 entdeckte die humanistische Elite in Deutschland die lateinischen Schriftsteller, ebenso wie ihre Kollegen jenseits der Alpen. Aber die Deutschen interpretierten die Schriften anders.

Buchcover Deutscher Wald von Detlev Arens (Foto: Fackelträger Verlag)

Für alle, die mehr über die Geschichte des deutschen Waldes wissen wollen

Das bedeutendste Werk in Sachen Wald ist die "Germania" vom römischen Autor Tacitus. Hier, so Arens, lesen die Humanisten ein positives Bild Germaniens heraus, das als Kontrapunkt zum dekadenten Rom steht. Tacitus verweist auf die strengen Strafen der Germanen für Ehebruch - etwas, das in den gehobenen Kreisen des Alten Roms weit verbreitet und nichts Besonderes war. Durch den kleinen Seitenhieb des Schriftstellers bekommen die Germanen eine Vorbildfunktion. Wo die legendäre Schlacht im Teutoburger Wald stattgefunden hat, weiß heute immer noch niemand genau. Aber klar ist eben, dass dieser Sieg der Germanen über die Römer im Wald stattfand.

Ort des Schreckens und der Zuflucht

Der Wald hatte schon im späten Mittelalter positive und negative Züge. Er war gefährlich und ein Ort voller Grauen. Zugleich aber bot er ein Rückzugsgebiet, wenn man aus der eigenen Lebensumwelt fliehen musste, betont Detlev Arens. "Im Wald waren die Aussätzigen. Und das waren nicht nur die Räuber, sondern auch gute Menschen wie Robin Hood". Ein Sammelpunkt also für alle, die anderswo in der Gesellschaft nicht zurechtkamen oder nicht geduldet wurden.

Buchenwald auf dem Kermeter (Foto: dpa)

Neblige Romantik - neues Waldbild

Durch die Romantiker wurde der Wald dann zum Sehnsuchtsort, zum Inbegriff purer Natur und Schönheit. Das, was das Verhältnis der Deutschen zum Wald am deutlichsten auszeichnet, ist für Detlev Arens jedoch nicht die Romantik allein. Denn kurz bevor die Romantiker den Wald symbolisch überhöhten, entstand die deutsche Forstwissenschaft. Der Wald wird als Objekt der Forschung und als wirtschaftliches Motiv entdeckt.

Mit der Forstmathematik wird der Wald bis ins Detail vermessen und nach rationalen Kriterien gestaltet, um ihn später leichter "ernten" zu können. Hinzu kommt, dass die romantische Waldverherrlichung nicht nur zur Konstruktion einer deutschen Identität und der schöngeistigen Erbauung diente. Die Waldschwärmerei in der Romantik hatte auch eine politische Dimension.

Barriere gegen Franzosen

Die Deutschen werden als Naturvolk stilisiert in Abgrenzung zu den Franzosen als Kulturvolk. Vor dem Horizont der napoleonischen Kriege, der sogenannten Befreiungskriege, grenzte man sich von den Franzosen ab. Detlev Arens betont, dass es einen regelrechten Franzosenhass gab, geschürt unter anderem von Friedrich Ludwig Jahn, der Anfang des 19. Jahrhunderts die deutsche Turnbewegung ins Leben rief und als Turnvater Jahn in die Geschichte einging. Jahn schlug vor, an der Grenze zu Frankreich einen Nadelwald zu pflanzen, in dem sich die Franzosen als vollkommen naturferne Gesellen verlaufen könnten. Der Wald würde so als natürliche Barriere wirken.

Caspar David Friedrich - Der Chasseur im Walde (Foto: Wikimedia)

Romantischer Wald von Caspar David Friedrich

In der Kunst bleibt kein Bereich vom Thema Wald unberührt. Vor allem sind es natürlich Dichter und Schriftsteller, die dem Wald huldigen. Ludwig Tieck schaffte das - positive - Bild der Waldeinsamkeit und machte damit in der Romantik Karriere. Doch auch die Malerei greift das Thema auf. Bekanntestes Beispiel: die Waldszenen von Caspar David Friedrich. Der Komponist Robert Schumann vertont Gedichte von Joseph von Eichendorff, Carl Maria von Weber prägt mit seiner Oper "Der Freischütz" das musikalische Motiv des Waldes für Generationen nach ihm.

Kein Wunder also, dass die Nationalsozialisten ein Jahrhundert später es sich nicht entgehen ließen, den Wald für ihre Ideologie zu vereinnahmen. Unter anderem in einem großzügig ausstaffierten Kinofilm. 1936 drehen sie mit riesigem Aufwand den Film "Ewiger Wald". Die Volksgemeinschaft wird hier als naturhaftes Wesen mystifiziert. Der NS-Film wurde an den Kassen ein Flop. Doch die Botschaft übertrug sich trotzdem. Die Schatten dieses ideologischen Missbrauchs sind inzwischen verflogen. Auch Opern werden für den Wald heute nicht mehr komponiert. Ein Ort für romantische Fantasien aber wird er wohl noch lange bleiben.

Autor: Günther Birkenstock

Redaktion: Marlis Schaum

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