1. Inhalt
  2. Navigation
  3. Weitere Inhalte
  4. Metanavigation
  5. Suche
  6. Choose from 30 Languages

Kultur

Die DDR und der alltägliche Rausch

Ob im Büro, an der Werkbank, in der Schlosserei oder der Parteizentrale: Alkohol war die Volksdroge Nummer eins der DDR. 381 Mark gab jeder Bürger laut Statistik pro Jahr für Alkohol aus - ein europäischer Spitzenwert.

FDJ-Mitglieder schwenken Fahnen. Foto: Klaus Rose

Selbst in der FDJ gab es ein Bierlied.

Am Internationalen Frauentag, am Nationalfeiertag am 7. Oktober, im Urlaub oder beim Betriebsfest – nach Forschungen von Thomas Kochan, Autor der Studie "Blauer Würger – So trank die DDR", waren Alkoholexzesse zu den verschiedensten Anlässen keine Seltenheit in der DDR. Kochan widmet sich in seiner von der Bundesstiftung zur Aufarbeitung der DDR-Diktatur geförderte Dissertation auch der Frage nach der politischen Intention der Alkoholikaherstellung, dem öffentlichen Umgang mit Alkoholismus und der Bedeutung von Alkohol und Rausch im Alltag der DDR-Bürger. Selbst die Partei-Genossen, die eigentlich mit gutem Beispiel vorangehen sollten, griffen demnach zur Flasche. So soll der SED-Hardliner Alfred Neumann, von 1958 bis 1989 Mitglied des Politbüros, seine eigenen Genossen und Bauarbeiter regelmäßig mit seinem Alkoholkonsum öffentlich übertroffen haben. Beim sozialistischen Jugendverband „Freie Deutschen Jugend (FDJ)“ wurde sogar ein Bierlied gesungen, darin heißt es:

"Wir sind in einem Staat geboren / wo Malz und Hopfen nicht verloren. / Was trink ich, was trinkst du, was trinken wir? / Bier, Bier, Bier!
Komm Genosse, setz dich her / und trink das Bier, das lockert manche Zunge, / Gespräch beim Bier ist produktiv / und stärkt so manches Kollektiv."

Bestechungsversuche mittels Alkoholika waren in der Mangelgesellschaft DDR völlig normal, betont Thomas Kochan. Er spricht von einem weit verbreiteten geradezu naiven Umgang mit dem Alkohol.

Der alltägliche Rausch

Buchcover Blauer Würger - So trank die DDR von Thomas Kochan, erschienen im Aufbau Verlag Foto: Aufbau Verlag

Buchcover von "Blauer Würger - So trank die DDR"

1977 vermutete ein Magdeburger Internist nach Recherchen Kochans, dass in der DDR fünf Prozent aller Erwachsenen alkoholabhängig waren -viermal mehr als zum gleichen Zeitpunkt in der Bundesrepublik. Der Mediziner rechnete weiter, dass es zwischen Plauen und Rostock eine Million Alkoholkranke geben müsse. Ein europäischer Spitzenwert.

Während in der DDR Gebrauchsmittel wie Ketchup oder Papiertaschentücher über Jahre nicht angeboten werden konnten, waren dagegen Alkoholika fast immer und überall erhältlich. Besonders beliebt war der vierzigprozentige Kristallwodka, im Volksmund wegen des blauen Etiketts liebevoll "Blaue Würger" genannt. Die volkseigenen Kombinate produzierten Ende der 80er Jahre insgesamt 15 Biersorten und rund 30 verschiedene Schnapssorten. Dabei reichten die Preise von 15 Mark für einen einheimischen Kirschlikör bis hin zu 80 Mark für einen guten Cognac. Bei einem durchschnittlichen Einkommen von 500 Mark war das sehr viel Geld.

Sozialistische Trinkkultur


Die Beliebtheit des hochprozentigen Alkohols war dennoch ungebrochen: 23 Flaschen Schnaps trank der durchschnittliche DDR-Bürger laut Statistik im Jahr und damit mehr als doppelt so viel wie ein damaliger Einwohner der alten Bundesrepublik. Die DDR war mit diesem hohen Pro-Kopf-Verbrauch Spirituosen-Weltmeister. Hinzu kamen noch zwölf Liter Wein und ganze 146 Liter Bier – dies entsprach laut dem Statistischem Jahrbuch der DDR aus dem Jahr 1988 dem jährlichen Alkoholkonsum jedes DDR-Bürgers.

Der Historiker Thomas Kochan sagt, dass Alkohol im gesellschaftlichen Leben eine große Rolle spielte. So wurde selbst Frauen, die abnehmen wollten, eine Wodka-Bockwurst-Diät nahegelegt. In den 80er Jahren wurde sie in sozialistischen Vorzeige-Frauenzeitschriften angepriesen.

DEFA-Film stößt öffentliche Diskussion an

Jugendliche sitzen an einem Tisch und trinken Alkohol. Foto: Klaus Rose

DDR-Bürger: Naiver Umgang mit Alkohol?

In der öffentlichen Diskussion war Alkoholmissbrauch dagegen so gut wie kein Thema. Die DDR-Offiziellen veröffentlichten dazu erst gar keine Zahlen, die Realität sollte offenbar das Propaganda-Ideal vom redlich schaffenden Bürger nicht beschädigen. "Die Alkoholkranken waren der SED-Parteiführung höchst peinlich" , sagt Thomas Kochan. Drogenkranke gab es entsprechend des gepflegten Feindbildes offiziell nur am Bahnhof Zoo in Westberlin, in Hamburg, in Amerika. "Aber doch nicht in der DDR." Die Parteifunktionäre hatten keine Lösung, wie sie mit dem Problem umgehen sollten.

1983 verdeutlichte der eindringliche DEFA-Dokumentarfilm „Abhängig“ erstmals die Gefahren, die vom Alkohol ausgingen. Darin wurde über die betriebseigene Alkoholikerbetreuungsstelle der Neptun-Werft in Rostock berichtet. In den späten 80er Jahren wurde der allgemeine Alkoholmissbrauch dann durch vermehrte Berichterstattung mehr und mehr zum öffentlichen Thema. Das hatte Konsequenzen; der Konsum ging messbar zurück. In einem Bericht des Ministerrats aus dem Jahr 1989 heißt es, dass die Menschen 82 Hektoliter weniger Alkohol gekauft hätten.


Mit den Montagsdemonstrationen und der einsetzenden Friedlichen Demonstration im Herbst 1989 sank der Alkoholverbrauch innerhalb nur weniger Wochen auf historische Tiefstwerte.

Autor: Christoph Richter
Redaktion: Insa Moog

WWW-Links